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StartseiteKommentare und Themen der WocheDie Pflicht des Erinnerns 11.07.2020

Genozid von Srebrenica Die Pflicht des Erinnerns

An das Massaker von Srebrenica zu erinnern, sei ein Gebot der Menschlichkeit, kommentiert Gerwald Herter. Das Vergessen wäre ein später Sieg der Täter. Zudem sei das Gedenken eine politische Warnung: Die irrige Idee von „ethnisch-reinen“ Gebieten auf dem Balkan dürfe nicht salonfähig werden.

Von Gerwald Herter

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Eine Frau trauert am 11. Juli 2020, 25 Jahre nach dem Genozid, um ihre Angehörigen. (Denis Zuberi/picture alliance / AA)
Eine Frau trauert am 11. Juli 2020, 25 Jahre nach dem Genozid, um ihre Angehörigen. (Denis Zuberi/picture alliance / AA)
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"Das größte singuläre Kriegsverbrechen auf europäischem Boden nach Ende des Zweiten Weltkriegs". Diese Einordnung der Vorgänge in und um die sogenannte "UN-Schutzzone" Srebrenica, sie ist, trotz allen guten Willens, letztlich ein Ausdruck der Hilflosigkeit.

Im Grunde genommen ist es unmöglich, das Leid der Ermordeten, Geschändeten und Vertriebenen wirklich zu beschreiben, oder für die Grausamkeit ihrer Mörder überhaupt Worte zu finden. Gleiches gilt für das so klägliche Versagen der Internationalen Gemeinschaft im Juli 1995. Erinnern an das Unsagbare, ist trotzdem bitter nötig – aus politischen Gründen, aber zuallererst ist es ein Gebot der Menschlichkeit.

Vergessen wäre später Sieg der Täter

Das Vergessen wäre zutiefst ungerecht. Es käme einem späten Sieg der Täter gleich, einer Verhöhnung der Toten, aber auch das Leid der überlebenden Opfer würde gesteigert. Sie blieben mit ihren Erlebnissen für den Rest ihres Lebens alleine.

Eine Mitarbeiterin der Sondergruppe des UN-Tribunals für Kriegsverbrechen entfernt am 15.07.1996 Erde von Skeletten in einem Massengrab außerhalb des Dorfes Cerska in der Nähe der früheren Moslem-Enklave Srebrenica, Bosnien-Herzegowina. Die Sondergruppe hatte damals bei ihren Ausgrabungen von Massengräbern erstmals konkrete Beweise für die Ermordung von zahlreichen Vermissten sichergestellt. (dpa/Odd Andersen) (dpa/Odd Andersen)Srebrenica - "Leugnung des Völkermords ist ein Akt des Hasses"
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Wer spräche ohne die notwendige Erinnerungskultur heute noch über den Mann, der nur durch Zufall unter einem Berg von Leichen überlebte, weil ihn die Mörder angesichts der großen Zahl ihrer Opfer übersahen? Wer spräche über die Frau, in deren Wohnzimmer während der Belagerung eine Rakete einschlug, die nur durch Zufall nicht explodierte? Und was wäre mit dem städtischen Angestellten, der sich nach Einnahme der Schutzzone und der ersten sogenannten "Verhandlungsrunde" mit dem Kriegsverbrecher Mladic sofort am nächsten Baum erhängte? Er hatte begriffen, dass dieser General nicht verhandeln, sondern nur Morde befehlen wollte.

Wahnhafte Idee eines Großserbien

Mladic sprach von einem "Sieg", doch die Kampfkraft seiner Truppen war der der Blauhelme und der wenigen bosniakischen Soldaten in Srebrenica weit überlegen. Es war weder ein "Sieg", noch wurde die Schutzzone "erobert". Die bosnisch-serbische Führung hatte sich lediglich dazu entschlossen, die mit den Vereinten Nationen getroffenen Vereinbarungen in den Wind zu schlagen. Zuvor waren die Menschen in Srebrenica systematisch ausgehungert worden.

Das ähnelte dem Vorgehen der bosnisch-serbischen Militärs auch in anderen Städten, wo sie die muslimische Bevölkerung eingeschlossen hatten. Es war das Ziel dieser zynischen Strategie, mit wirklich allen Mitteln ein ethnisch-reines Gebiet zu schaffen – dahinter stand die wahnhafte Idee eines Großserbien. Niemals sollten Bosniaken dorthin wieder zurückkommen. Deshalb wurden sie terrorisiert, deshalb die Massenmorde. Die Frauen konnte man getrost ziehen lassen, ohne Männer, so das Kalkül, hätten die Familien ohnehin keine Zukunft mehr gehabt.

Beispiellose Menschenjagd

Der Einnahme der Schutzzone folgte eine beispiellose Menschenjagd. Flüchtende wurden in Lagerhallen oder auf Fußballplätzen zusammengetrieben, oft wurden hunderte Jungen und Männer von wenigen Soldaten oder Polizisten in nur einer Nacht erschossen. Töten in schier industriellem Ausmaß, tatsächlich Völkermord. Beteiligt waren auch Freizeitmilizionäre, die sich angesichts der Nachrichten aus Srebrenica aus Serbien aufmachten, um auf eigene Faust Muslime zu jagen. Ein Video, das die Erschießung mehrerer Männer durch einen dieser Trupps zeigt, gehörte einige Jahre lang zum Bestand einer Videothek in einem Ort in der Vojvodina.

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An Srebrenica zu erinnern, ist aber auch eine nötige politische Warnung: Die internationale Gemeinschaft, vor allem die EU und die USA, war sich lange darin einig, dass ethnisch homogene Gebiete nirgendwo im zerfallenden Jugoslawien entstehen dürfen. Somit eine eindeutige Absage an das furchtbare Konzept "ethnischer Säuberungen".

Ethnisch homogene Gebiete dürfen nicht salonfähig werden

Doch das hat sich offenbar geändert. Nach Aussagen seines früheren Beraters Bolton unterstützte der amerikanische Präsident Donald Trump eine Vereinbarung zwischen Serbien und dem Kosovo über einen Tausch – vorwiegend serbische Gebiete, die noch zum Kosovo gehören, zu Serbien. Vorwiegend albanische Gebiete im Süden Serbiens sollten dem Kosovo zugeschlagen werden.

Zum Glück ist derzeit davon nicht mehr die Rede. Eine ethnische Homogenisierung durch Verschiebung von Grenzen hätte in ganz Südosteuropa Folgen gehabt, wäre zum Modell geworden, womöglich auch in der bosnischen Republika Srbska. Das verträgt sich nicht mit Minderheitenschutz und multiethnischen Bürgergesellschaften. Selbst 25 Jahre nach Srebrenica darf die irrige Idee "ethnisch-reiner" Gebiete auf dem Balkan nicht salonfähig werden. Auch das wäre nämlich ein später Triumph der Täter.      

Gerwald Herter (Deutschlandradio - C. Kruppa) (Deutschlandradio - C. Kruppa) Gerwald Herter studierte Geschichte und Internationale Beziehungen in München und Straßburg. Tätigkeit im Institut für Zeitgeschichte, freie Mitarbeit bei ARTE und beim ARD-Fernsehen. Volontariat beim Bayerischen Rundfunk. BR-Korrespondent zunächst in Bonn, dann in Brüssel, anschließend Leiter des ARD-Studios Südosteuropa, später ARD-Terrorismusexperte. Seit 2011 in der Abteilung Hintergrund des Deutschlandfunks, Schwerpunkt Europa- und Internationale Politik.

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