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StartseiteDlf-MagazinBabys nach Maß, auch in Deutschland?24.01.2019

Genschere CRISPR/CasBabys nach Maß, auch in Deutschland?

Die Geburt genmanipulierter Zwillinge in China hat weltweit für Aufsehen gesorgt. Eingriffe in die menschliche Keimbahn gelten vielen als Tabubruch, in Deutschland sind sie verboten. Die FDP hingegen möchte deregulieren. Doch eine entsprechende politische Debatte lässt auf sich warten.

Von Christiane Habermalz

Illustration einer Schere, die ein DNA Molekül modifiziert (imago / Keith Chambers)
Mit der Genschere CRISPR kann das Erbgut in kleinsten Schritten gezielt verändert werden (imago / Keith Chambers)
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Einzig die FDP-Fraktion im Bundestag hat schon einmal vorgelegt. Mit einem Antrag, der darauf abzielt, bei der Genschere CRISPR die Forschung in Deutschland nicht durch Überregulierung zu behindern. Sprich: Statt ewiger ethischer Bedenkenträgerei sollten die Chancen und Möglichkeiten der neuen Technologie mehr in den Vordergrund gerückt werden, so die Liberalen. Schließlich gehe es auch um den Forschungsstandort Deutschland.

"Ich glaube wirklich, dass wir mehr Potential damit abwürgen. Innovation lässt sich nicht unterdrücken. Und Innovationen sind Landesgrenzen auch egal."

...erklärt der Bundestagsabgeordnete Mario Brandenburg. Deutschland habe schon bei der Digitalisierung und der Künstlichen Intelligenz international den Anschluss verpasst, findet er, das Gleiche dürfe jetzt nicht auch mit CRISPR passieren.

"Und bei dem Anderen geht es ja im Prinzip im Zweifelsfall um Heilung, oder darum, wer die Konditionen für diese Heilung diktiert. Also wer diese Medikamente letztendlich patentiert, herausgibt."

Der 35-jährige Informatiker ist ein Newcomer im deutschen Bundestag, ein Junge vom Land, wie er sagt, der an die Zukunft glaubt. "Mein Name ist Mario und ich leide an einer heimtückischen Kombination: Neugierde gemischt mit Hyperaktivität!", beschreibt er sich selbst auf seiner Abgeordnetenwebsite. Auf seine Initiative hin hat die FDP einen Antrag in den Bundestag eingebracht mit dem Titel: "Technologischen Fortschritt nicht aufhalten - Neue Verfahren in der Gentherapie einsetzen".

Übrige Parteien sind skeptisch

Nach einer kurzen Debatte Ende November wurde er an den zuständigen Ausschuss verwiesen. Dass der Antrag viel Unterstützung von den andern Parteien bekommt, ist unwahrscheinlich. Eingriffe in die menschliche Keimbahn sind in Deutschland streng verboten.

"Für uns ist klar, dass der Schutz des Menschen an erster Stelle steht. Das heißt wir wollen keine Designerbabys. Wir wollen nicht, dass Menschen nach irgendwelchen Idealwünschen auf die Welt kommen, sondern jeder Mensch ist einzigartig nach unserem christlichen Menschenbild, und so soll das auch bleiben."

Wehrte Albert Rupprecht, forschungspolitischer Sprecher der CDU/CSU kürzlich im ZDF ab. Und auch sein SPD-Kollege René Röspel konstatiert im Bundestag:

"Was unsere Nation am dringendsten braucht, sind jetzt glaube ich nicht Designerbabys, die so zum Glück auch noch gar nicht möglich sind, aber wir wollen Krankheiten heilen, und zwar mit Methoden, die wir ethisch und gesellschaftlich verantworten können."

Gemeint sind sogenannte somatische Gen-Therapien, das sind rein therapeutische Anwendungen der Genschere in der Krebstherapie oder bei bestimmten Erbkrankheiten wie Chorea Huntington. Wenn Wissenschaftler hier CRISPR einsetzen, könnten sie unter Umständen einem erkrankten Menschen helfen. Die Veränderungen bleiben aber auf diesen Menschen beschränkt, werden also nicht über die Keimbahn an die Nachkommen weitergegeben. Anders ist es bei Genmanipulationen bei Embryonen. Diese sind vererbbar - ein Eingriff ist hier in seinen Folgen bislang kaum zu kalkulieren.

Naiver Fortschrittsglaube?

Die Grüne Kirsten Kappert-Gonther, selbst Medizinerin und gesundheitspolitische Sprecherin ihrer Fraktion, bezeichnet deshalb den Antrag der FDP als voreilig und auf unreflektierte Art fortschrittsgläubig.

"Die ganze Frage der Keimbahneingriffe befindet sich in einem solchen frühen Stadium, wo wir überhaupt nicht wissen, welche Risiken und Nebenwirkungen damit verbunden sind. Und das jetzt ungelenkt freizugeben, nur weil es möglichen Fortschritt verspricht, das finde ich äußerst naiv."

Die FDP hat ihren Antrag am 23. November eingereicht, nur wenige Tage, bevor die Geburt der chinesischen CRISPR-Zwillinge weltweit Furore machte. Doch der Fall in China ist für die Liberalen nur ein negativer Ausrutscher– und kein Grund, ihre Forderung nach Deregulierung zu überdenken. Im Gegenteil, der Fall belegt in ihren Augen nur die Dringlichkeit einer politischen Debatte, die bislang noch nicht stattgefunden hat. Mario Brandenburg:

"Ich persönlich kann nicht sagen, dass wir das niemals machen werden oder sollten. Das will ich mir genauso nicht anmaßen, die Hoffnungen, die Chancen derer, die darauf hoffen, zu zerstören, wie im umgekehrten Fall zu sagen, wir machen es jetzt gleich, weil alles ist super."

Kritik vom Deutschen Ethikrat

Klar ist: Die Politik droht, von der Wirklichkeit überholt zu werden. Technisch ist die Wissenschaft in der Lage, die menschliche DNA umzuschreiben - dank der Erfindung der CRISPR/Cas-Technologie vor rund sieben Jahren. Doch die Wissenschaftswelt war sich international einig, dass der Einsatz der Genschere am Embryo noch viel zu risikobehaftet ist. Auch die Medizinethikerin Alena Buyx, Sprecherin der zuständigen Arbeitsgruppe im Deutschen Ethikrat, kritisiert das Vorgehen des chinesischen Forschers daher scharf.

"Also das war in verschiedener Hinsicht ausnehmend unethisch, und da würde ich denken, zum gegenwärtigen Zeitpunkt dürfen solche Versuche an menschlichen Embryonen mit dem Ziel, genveränderte geborene Menschen zu zeugen, nicht stattfinden."

Zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht stattfinden – oder grundsätzlich nicht stattfinden? Nach dem 30 Jahre alten Embryonenschutzgesetz in Deutschland werden Ärzte, die Eingriffe in die menschliche Keimbahn vornehmen, mit Gefängnis bestraft. Ebenso, wenn sie überzählige Embryonen aus der künstlichen Befruchtung für die Grundlagenforschung nutzen.

Problem des "Schwarzfahrens"

Die Forschung selbst ist aber eigentlich nicht verboten – etwa an importierten Embryonen. Für den Rechtsphilosophen Reinhard Merkel, ebenfalls Mitglied des Ethikrates, liegt darin ein wissenschaftspolitisches Dilemma.

"Wenn wir uns an der Grundlagenforschung nicht beteiligen, dann müssen wir uns mit der Frage konfrontieren lassen: Wollen wir denn dann die Anwendung der etwa erzielten Ergebnisse in Deutschland auch blockieren? Das wäre hoch unvernünftig. Und damit haben wir ein unerledigtes moralisches Problem. Das Problem des moralischen Free-Ridings - Schwarzfahrens, auf den Leistungen, die anderswo erbracht werden, und die wir hier für verwerflich halten."

So Merkel im ZDF. Der Ethikrat sieht durchaus neuen Regulierungsbedarf der Politik – und will noch in diesem Frühjahr eine Stellungnahme veröffentlichen zu der Frage ob die Forschung auf dem Gebiet der Keimbahn liberalisiert werden müsste. Noch gibt es keine abschließende Position im Gremium. Alena Buyx stellt für sich persönlich fest:

"Aus meiner Sicht gibt es keine fundamentalen Einwände gegen diese Art von Keimbahn-Eingriffen. Allerdings muss sehr genau darüber nachgedacht werden, welche dieser Einsatzgebiete hochrangig genug sind. Natürlich dürfte es keine andere Möglichkeit geben, die Erkrankung zu vermeiden oder zu heilen, und es müsste sichergestellt werden, dass es ein vernünftiges Nutzen-Risiko-Verhältnis gibt. Gegenwärtig ist das in keinem Szenario der Fall."

Notwendige politische Debatte

CRISPR könnte die Dinge schneller verändern, als vielen Politikern lieb ist. Mit dem Thema Gentechnik und Designerbabys lässt sich bei den Wählern allerdings kein Blumentopf gewinnen – das wissen die Parteien. Die Grüne Kappert-Gonther glaubt dennoch, dass das Embryonenschutzgesetz überarbeitet werden muss.

"Diese Forschung im Graubereich, das halte ich für die Wissenschaft für nicht glücklich. Es ist ja notwendig, dass Forscherinnen und Forscher einfach wissen, in welchem Regelwerk sie agieren und da ist die Politik in der Verantwortung, Klarheit zu schaffen."

Anders als bei der Anwendung der Genschere in der Krebstherapie stehe bei Eingriffen in die Keimbahn allerdings der Beweis noch aus, dass sie die medizinischen Heilsversprechen bringen, die behauptet werden. Ob es je tatsächlich zum genetisch optimierten Menschen kommt? Kappert-Gonther bezweifelt das. Bislang seien die unerwünschten Nebeneffekte solcher Eingriffe so groß, dass sie kaum zu bewältigen seien.

"Und ich wünsche es mir auch nicht. Weil ich meine, dass es uns allen gut tut, als Menschen auch die Schönheit anzuerkennen dessen, wer wir sind, mit unseren Stärken und unseren Schwächen. Und dazu gehört auch die menschliche Unvollkommenheit. Und dass wir das mal irgendwann überwinden, also ich zumindest finde das eher eine Dystopie als eine positive Utopie."

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