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StartseiteWissenschaft im BrennpunktJennifer Doudna: "Eingriff in die Evolution"14.10.2018

GentechnikJennifer Doudna: "Eingriff in die Evolution"

Die Genschere Crispr/Cas fasziniert und schockiert zugleich: Ein Werkzeug, mit dem Wissenschaftler künftig Krankheiten heilen, Organismen umprogrammieren oder ausgestorbene Arten wieder zum Leben erwecken könnten. Jennifer Doudna schildert das Potenzial der von ihr entwickelten Methode - und warnt vor den Gefahren.

Rezension von Dagmar Röhrlich

Cover: Springer Verlag / Hintergrund: dpa/picture alliance/Gregor Fischer (Cover: Springer Verlag / Hintergrund: dpa/picture alliance/Gregor Fischer)
Die heutigen Möglichkeiten der Gentechnik geben zu denken - auch ethisch (Cover: Springer Verlag / Hintergrund: dpa/picture alliance/Gregor Fischer)
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Am Anfang ist ein Traum: Jennifer Doudna ist an einem Strand an der Küste Hawaiis, dort, wo sie aufgewachsen ist. Hier hat sie mit ihren Freunden Kanurennen zugesehen und nach Muscheln gesucht. Doch jetzt ist der Strand ist leer, Sand und Wasser sind unnatürlich still - und Jennifer spürt eine Angst, mit der sie aufgewachsen ist: die Angst vor dem Tsunami. Und er rollt tatsächlich aus der Ferne an. Zunächst ist sie wie gelähmt, doch dann schnappt sie sich ein Surfbrett, reitet die Tsunamiwelle - und wacht in ihrem Zimmer in Berkeley auf.

Zwischen dem Traum und ihrem Leben gibt es eine Parallele - denn die Biochemikerin Jennifer Doudna zählt zu den Forscherinnen und Forschern, die einen wissenschaftlichen Tsunami ausgelöst haben dürften: einen Tsunami namens Crispr/Cas 9. Es geht um ein Skalpell fürs Erbgut, mit dem die DNA präzise an einer bestimmten Stelle durchtrennt werden kann. So können die Forscher gezielt Gene ausschalten oder an der Schnittstelle neue Abschnitte einfügen - und das Erbgut sehr viel einfacher und schneller verändern als bisher. Crispr/Cas 9 sei, so heißt es, der größten Durchbruch in der Biologie seit der Entdeckung der DNA durch Francis Crick, James Watson und Rosalind Franklin. Und Jennifer Doudna, die zu den Personen im Zentrum dieser Entdeckung gehört, und ihr früherer Student Samuel Sternberg haben mit "Eingriff in die Evolution" die Geschichte dieses aufregenden Durchbruchs niedergeschrieben.

Revolution im Genlabor: Geschichte der Entdeckung
 
Herausgekommen ist ein spannendes Buch, das den Bogen schlägt von der Entdeckungsgeschichte, die den ersten, den kürzeren Teil füllt - hin zu den Chancen und Risiken der neuen Technik, die das Autorenduo im zweiten Teil erörtern.

Direkt nach den ersten Veröffentlichungen setzt in Laboratorien rund um die Welt eine Art Goldrausch ein. Die Hoffnungen fliegen hoch. Die Forschungen drehen sich um die Heilung von Krankheiten wie Mukoviszidose oder Sichelzellenanämie, die für Crispr die einfachste Aufgabe überhaupt wäre, weil nur ein einziger Fehler in der DNA repariert werden müsste. Andere Wissenschaftler arbeiten daran, die Malaria zu besiegen, in dem sie die Überträgermücken unfruchtbar machen, so dass die Populationen zusammenbrechen.  In wieder anderen Laboratorien wird am Superschlachtvieh gearbeitet, das innerhalb kürzester Zeit Rekordgewicht erreicht - oder an Getreidesorten, die immun sind gegen die schlimmsten Pflanzenkrankheiten. Und dann sind da die Forscher, die von der Wiedererweckung ausgestorbener Arten wie dem Mammut träumen…

Der Genetiker als "Schöpfer" - oder als Zauberlehrling?

Schon diese kleine Zusammenstellung lässt nicht nur die Möglichkeiten dieser neuen Technik erahnen, sondern auch die Dimensionen der ethischen Fragen, die da auf die Menschheit zukommen. Mit Crispr/Cas können die Wissenschaftler vergleichsweise einfach in die Keimbahn eingreifen und damit die Menschheit oder ihre Nutztiere und -pflanzen für immer verändern. Und es ist ungeheuer viel Geld im Spiel. Die Grundlagenforschung von einst ist zum Magneten für Risikokapitalgeber geworden. Und so beschreibt Doudna auch, wie aus früheren Partnern in der Forschung nun Rivalen im Kampf um Patente geworden sind.

Das Buch liefert Diskussionsstoff, der jeden Bürger interessieren sollte, und das Autorenduo fordert den Leser am Ende dazu auf, sich an dieser Diskussion zu beteiligen. Denn sie wird politische, ethische und gesellschaftliche Entscheidungen verlangen, die sich nur aufgrund einer sehr informierten und breit geführten Debatte werden fällen lassen. Mit Bauchgefühl wird es da nicht getan sein, denn die Herausforderungen dieser "genetischen Chirurgie" sind gewaltig.

Jennifer Doudna und Samuel Sternberg
Eingriff in die Evolution
Die Macht der CRISPR-Technologie und die Frage, wie wir sie nutzen wollen
Übersetzt von Sebastian Vogel
Springer Verlag, 265 Seiten, 19,99 Euro

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