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StartseiteWissenschaft im BrennpunktHeilung in Sicht?07.01.2018

Gentherapie für BluterHeilung in Sicht?

Wir können heute Gene lesen, Gene isolieren, Gene übertragen. Was noch fehlt: Gene reparieren. Doch jetzt sollen zehn Bluter geheilt worden sein, die an einer Pilotstudie am Kinderkrankenhaus Philadelphia teilgenommen haben. Wird die Heilung von Dauer sein?

Von Volkart Wildermuth

Der Mangel an Gerinnungsfaktor VIII (F8) führt zu Hämophilie (sog. Bluterkrankheit) (imago / Science Photo Library)
Der Mangel an Gerinnungsfaktor VIII (F8) führt zu Hämophilie (sog. Bluterkrankheit) (imago / Science Photo Library)
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Die 80er-Jahre waren aufregende Zeiten. Die Forscher lernten das Alphabet des Lebens und lasen in den Genen wie in einem offenen Buch. Schnell war auch von der Gentherapie die Rede. Sie sollte Erbkrankheiten oder Krebs an der Wurzel heilen, direkt im Erbgut. Auf die Euphorie folgte die Ernüchterung: Nebenwirkungen, bis hin zu Todesfällen. Und wenn überhaupt ein Effekt da war, dann nicht verlässlich. Nur ein Teil der Patienten sprach an, die Wirkung war nicht stark genug oder nicht von Dauer. Die Medien schrieben vom Ende der Gentherapie. Es ging natürlich trotzdem voran. Anfang Dezember veröffentlichte eine Arbeitsgruppe vom The Children’s Hospital of Philadelphia eine Pilotstudie. Zehn Bluter haben teilgenommen. Alle zehn scheinen - vorerst – geheilt.


Interviewpartner

- Prof. Klaus Cichutek, Präsident Paul-Ehrlich-Institut, Langen-
- Prof. Katherine High, "The Children’s Hospital of Philadelphia" und Spark Therapeutics, USA
- Magnus Hellmann, Hämophilie-Patient, Berlin
- Dr. Robert Klamroth, Chefarzt Zentrum für Hämophilie und Hämostaseologie, Vivantes Klinikum im Friedrichshain, Berlin
- Martina Schäfer, Mutter eines Hämophilie-Patienten, Berlin

Katherine High: "Was die Studie so besonders macht: Nach einer einzigen Behandlung können die Bluter ihren Aktivitäten nachgehen, ohne sich weiter Gerinnungsfaktoren spritzen zu müssen."

Robert Klamroth: "Ich bin jetzt seit 20 Jahren in der Hämophiliebehandlung. So weit wie jetzt waren wir noch nie."

Volkart Wildermuth: In den Achtziger Jahren habe ich Biochemie studiert. Aufregende Zeiten. Die Forscher lernten, Gene zu lesen, Gene zu isolieren, Gene zu übertragen. Und schnell war auch von der Gentherapie die Rede. Sie sollte Erbkrankheiten oder Krebs an der Wurzel heilen, direkt im Erbgut! - Die Ernüchterung kam schnell: Nebenwirkungen, bis hin zu Todesfällen. Und wenn überhaupt ein Effekt da war, dann nicht verlässlich. Nur ein Teil der Patienten sprach an, die Wirkung war nicht stark genug oder nicht von Dauer.

Inzwischen war ich Reporter, wir schrieben vom Ende der Gentherapie. Es ging natürlich trotzdem voran. Nur langsam. Und nun beginnt sich die Beharrlichkeit der Forscher auszuzahlen. Anfang Dezember veröffentlicht Katherine High eine  Pilotstudie. Zehn Bluter haben teilgenommen. Alle zehn scheinen  - vorerst – geheilt. High: "Ich bin sehr aufgeregt. Ich arbeite seit über einem Jahrzehnt an diesem Problem."

Wildermuth: "Was hat Sie in dieses Forschungsfeld gebracht?"

High: "Ich bin Hämatologin. Als ich in der Klinik anfing, war der Hämophilie- AIDS-Skandal auf dem Höhepunkt."

Blutern fehlen Gerinnungsfaktoren. Die wurden aus Blut gewonnen und waren oft mit HIV verseucht. Weltweit infizierten sich damals etwa 18.000 Bluter.

High: "Das war entmutigend. Viele meiner Patienten starben. Ich dachte: Wäre es nicht großartig, einen Weg zu finden, damit sich diese Menschen nicht ständig Medikamente spritzen müssen? Diesen Menschen ein normaleres Leben zu ermöglichen, das war für mich das große Ziel."

Gentherapie - viele Versprechen, noch mehr Rückschläge

Die Gentechnologie hat den Hämophilie-Patienten schon einmal geholfen. Die meisten Gerinnungsfaktoren werden inzwischen von genmanipulierten Bakterien produziert und enthalten deshalb weder HIV noch Hepatitis-Viren. Auch ein Erfolg, aber nicht das Ziel: das war die Heilung. Nun gab es bei der Gentherapie schon viele Versprechen und noch mehr Rückschläge. Katherine Highs aktuelle Studie ist ein wichtiger, ein großer Schritt. 

Klamroth: "Die Überraschung dieser Studie war, dass man annähernd normale Faktor IX Spiegel erreicht hat, was vorher nicht der Fall gewesen ist. Das ist ein Durchbruch insofern als jetzt Gentherapie mit dieser Studie, wenn sich das in einer größeren Studie bestätigt, dann für alle Patienten zur Verfügung stehen würde mit einer Hämophilie B." 

Der Berliner Hämophiliespezialist  Robert Klamroth behandelt Patienten mit Problemen in der Blutgerinnung. In Deutschland leben etwa 6.000 bis 8.000 Bluter. Bei ihnen sind Gene auf dem X-Chromosom defekt. Je nach Krankheitsform das für den Gerinnungsfaktor VIII oder das für den Faktor IX. Frauen haben jeweils zwei Kopien dieser Gene. Kein Problem, wenn eines ausfällt. Nur in extrem seltenen Fällen entwickeln sie eine Hämophilie. Jungen dagegen haben keine zweite Gen-Kopie. Bei ihnen legt eine Mutation im Faktor VIII- oder IX-Gen die Blutgerinnung lahm. Die Patienten müssen sich alle paar Tage Gerinnungsfaktoren spritzen, um Blutungen vor allem in den Muskeln und den Gelenken in Schach zu halten. 

Klamroth: "Durch die Prophylaxe sind ja unsere Kinder heute mit einer Hämophilie nicht zu unterscheiden von den normalen Kindern. Die gehen in den Kindergarten, gehen in die Schule. Die Flüchtlingskinder, die wir haben, die haben schon im Alter von acht Jahren kaputte Gelenke, kaputtes Ellenbogengelenk, kaputtes Kniegelenk. Sind die meiste Zeit zu Hause gewesen, konnten nicht am Leben teilnehmen, durften sich nicht bewegen. Die Eltern haben sie zu Hause ins Bett gesteckt. Also sieht man, wie die Hämophilie früher, wo es keine Behandlungsoption gab, eine richtig schwere Erkrankung war. Die durchschnittliche Lebenserwartung war bis in die 50er Jahre 17 Jahre für einen Patienten mit schwerer Hämophilie."

"Guten Tag, Volkart Wildermuth, Deutschlandfunk."

"Martina Schäfer, hallo, kommen Sie rein."

Dank künstlich hergestellter Gerinnungsfaktoren ist die Lebenserwartung der Bluter in Deutschland heute fast normal. Braucht es da überhaupt noch eine Gentherapie?

"Danke, dass ich herkommen darf, hallo Hund."

"Der erfüllt seine Aufgabe, ja bitteschön."

"Danke."

Wildermuth: "Martina Schäfer hat einen Sohn mit Hämophilie B. Heute ist Julian 18, will Bürokaufmann werden und zieht gerade mit Freunden durch die Kneipen. Dabei war sein Start ins Leben alles andere als einfach."

Martina Schäfer: "Das ist aufgefallen ein paar Tage nach der Geburt, weil Julian plötzlich ganz stark geweint hat und die Krankenschwestern meinte, der Kopf würde irgendwie größer werden. Und dann hat man ihn untersucht und hat festgestellt, dass er eine ganz starke Hirnblutung hat. Und dann hat man natürlich das Blut untersucht und dann festgestellt, dass er praktisch keine eigene Blutgerinnung hat. Das war ein riesen Schock, und auf dem Wege ist es dann aufgefallen."

Wildermuth: "Aber es ist ja gottseidank erst mal alles gut gegangen. Julian ist jetzt 18 Jahre alt, also hat das überstanden. Was hat in seiner Kindheit bedeutet, dass er in der der Krankheit leidet?"

Schäfer: "Er hat mehr unter den Folgen der Hirnblutungen zu leiden. Das ist die ganz große Gefahr bei der Hämophilie, nicht dass man sich irgendwie schneidet oder fällt, und es blutet ein bisschen. Das dauert ein bisschen länger, das hört aber wieder auf, da macht man ein Pflaster drauf. Das kann bei Patienten mit Hämophilie sein, dass es zu inneren Blutungen kommt, die man nicht sofort bemerkt und im Zweifel erst bemerkt, wenn es zu spät ist, und das ist für unsere Familie die große Angst in diesem Fall."

Spritzen in die Adern im Kopf

Seit seiner Geburt erhält Julian alle zwei, drei Tage eine Spritze mit Gerinnungsfaktoren, anfangs in die großen Adern am Kopf. Heute spritzt sich Julian selbst, lebt ganz eigenständig.

Wildermuth: "Jetzt gibt es ja Medikamente, die diesen Blutgerinnungsfaktor gentechnisch herstellen. Ich stell mir das nicht so einfach vor, bei einem Kind, denn das muss ja wirklich in die Ader hinein injiziert werden."

Schäfer: "Das muss intravenös gespritzt werden, und das war gar nicht schön. Also, als er ganz klein war musste man am Kopf dann auch nach Adern suchen, weil das die einzigen waren, die das ausgehalten haben. Er wird ja jetzt dreimal in der Woche damit behandelt und diese Therapie ist im Vergleich zu dem was sonst passieren könnte überhaupt keine Belastung. Es gibt keine Alternative dazu. Im Gegenteil sie schützt ihn und seitdem er da gut eingestellt ist und eben auch größer geworden ist. Ist es Toi, toi toi nicht mehr zu spontanen inneren, wirklich schlimmen Blutungen gekommen."

Wildermuth: "Jetzt gibt es ja eine Gentherapie, wo versucht wird, den wirklich den zugrunde liegenden Defekt im Grunde auszugleichen indem man dieses fehlerhafte Gen mit einer gesunden Kopie unterstützt die in die Leber hinein kommt. Verbinden Sie damit Hoffnung?"

Schäfer: "Für uns wären das große Hoffnungen und vor allen Dingen auch für unseren Sohn, denn diese prophylaktische Behandlung ist natürlich großartig, dass es das gibt und dass er dadurch einfach in seinem Alltag ganz gut geschützt ist. Trotzdem passiert immer mal etwas oder es kann was passieren. Und die Medikamente schützen ihn ja nicht so, als wenn er damit gesund wäre, sondern es ist einfach nicht so schlimm, wie es ohne Medikamente wäre und wenn diese Gentherapie wirklich den Defekt aufheben würde, dann wäre das wunderbar."

Etablierte Therapie war in der Krise

Als die Idee der Gentherapie aufkam, dachten die Ärzte sofort an die Bluterkrankheiten. Hier schien ein Durchbruch möglich. Diese Erbkrankheiten sind vergleichsweise häufig. Man kannte die verantwortlichen Gene. Außerdem steckte die etablierte Therapie in einer Krise, das HI-Virus hatte Blutprodukte verseucht. Viele Bluter hatten mit der Krankheit und dem Stigma AIDS zu kämpfen. Hoher Problemdruck und ein klarer Weg nach vorne - hier sollte die Gentherapie schnelle Erfolge feiern können – eigentlich. Aber trotz aller Forschung verliefen Studien an Patienten enttäuschend. Von den zahlreichen Arbeitsgruppen, die sich anfangs auf die Gentherapie gestürzt hatten, gaben viele auf. Aber Katherine High vom "Childern‘s Hospital of Philadelphia" und Gründerin der Biotechnolgiefirma Spark Therapeutics machte weiter.

High: "Vor 20 Jahren gelang es uns erstmals, die Hämophilie B in Versuchsmäusen zu heilen. Dann haben wir Hunde behandelt, die an der Bluterkrankheit litten, das war 2001. Es hat uns dann 15 Jahre gekostet, den Erfolg in Menschen zu wiederholen."

Viren werden so zu Genfähren

Katherine High's Weg: die Gentherapie mit Viren, konkret dem Adeno-assoziierten Virus oder AAV. Das löst keine Krankheit aus, kann aber menschliche Zellen infizieren. Also raus mit dem Virenerbgut, rein mit dem menschlichen Gerinnungsfaktor IX. Die Viren werden so zu Genfähren. Spritzt man sie ins Blut, gelangen sie in die Leber und liefern dort ihre Nutzlast ab. Wenn alles gut läuft, bleibt das Gen einfach neben dem Erbgut in den Leberzellen und nimmt dort seine Arbeit auf. In Mäusen gab es tatsächlich schnelle Erfolge. Aber das heißt nichts.

High: "Viele, viele Krankheiten lassen sich in Mäusen heilen. Aber es existieren immer noch keine Therapien für Menschen. Im Vergleich zu Mäusen haben Hunde den Vorteil, dass es keine Inzuchtstämme gibt. Sie sind so vielfältig wie Menschen. Dazu kommt ihre Größe: Menschen sind 70 Kilo schwer, Hunde 20. Mäuse wiegen 25 Gramm. Die Belastung ihrer Gelenke ist viel kleiner. Hunde mit Hämophilie bekommen Gelenkblutungen, Mäuse nicht."

Hunde als natürliches Krankheitsmodell

Versuchsmäuse werden gezielt im Labor krank gemacht, um sie dann zu behandeln. Bei den Hunden war das anders. Von Bullterriern bis hin zu kleinen tibetanischen Löwenhunden können viele Rassen an einer erblichen Hämophilie leiden. Die Tiere sind also ein natürliches Krankheitsmodell. Mit solchen Bluter-Hunden hat Katherine High gearbeitet. Sie musste ihre Genfähre an die Hunde anpassen, aber am Ende wirkte die Therapie verlässlich. Kein Wunder das Haustierbesitzer im Kinderhospital von Philadelphia anriefen, um Hilfe für ihre kranken Lieblinge zu bekommen. Damit wollte sich Katherine High nicht aufhalten, aber inzwischen bieten tatsächlich mehrere Firmen Gentherapien für Hunde an.

Um die Jahrtausendwende wagte Katherine High den nächsten Schritt. Sie erprobte ihre Variante der Gentherapie an menschlichen Hämophilie-Patienten. Erst sah alles gut aus, die Leber bildete Faktor IX. Aber dann sanken die Blutspiegel plötzlich wieder.

High: "Anders als in den Tiermodellen gab es eine Immunreaktion gegen die Genfähre. Das Adeno-assoziirte Virus, ist auf Menschen spezialisiert, viele von uns haben unbemerkt eine Infektion durchgemacht und bilden Antikörper. Bei den Tieren ist das nicht der Fall. Wir mussten zurück ins Labor und lernen, mit dieser Immunreaktion umzugehen."

Zerstörung der Leberzellen - Weg in die Sackgasse?

Für die Patienten war die unerwartete Immunreaktion ungefährlich, aber sie zerstörte genau die Leberzellen, die das gesunde Faktor IX Gen aufgenommen hatten. Die Gentherapie für die Hämophilie galt plötzlich als Sackgasse, denn auch andere Forscher waren auf Probleme gestoßen. Mehrere Firmen beschlossen, ihre Investitionen abzuschreiben, Forscher wechselten zu anderen Fragestellungen. Es blieben nur wenige Gruppen weiter aktiv.

Warum gab Katherine High nicht auf?

High: "Meine Antwort lautet: wir sind in unserer Studie auf ein sehr interessantes biologisches Problem gestoßen: die besondere Reaktion des menschlichen Immunsystems auf die Genfähre. Ich hielt es für lösbar und war deshalb bereit, weiter daran zu arbeiten. Und selbst wenn wir gescheitert wären, wir hätten in jedem Fall viel gelernt. Am Ende, das können Sie in dem Artikel nachlesen, war es ein lösbares Problem." 

Die Dosis war entscheidend

Katherine High entdeckte: Entscheidend ist die Dosis. Das führte direkt in ein Dilemma: Wurden nur wenige Viren mit den darin verpackten Genen gespritzt, brachten sie ihre Fracht zwar sicher ans Ziel, aber dann wurde viel zu wenig Faktor IX gebildet. Waren es dagegen viele, stimmte zwar die Produktion, aber das Immunsystem trat auf den Plan. Am Ende löste Katherine High dieses Dilemma nicht mit einem großen Sprung nach vorne, sondern über viele kleine Schritte. Dabei half der Zufall: In Padua hatten Ärzte einen Patienten bemerkt, der sozusagen am Gegenteil einer Hämophilie litt. Sein Blut gerann viel zu leicht und bildete Thrombosen. Die Ursache war eine besonders aktive Variante des Faktor IX-Gens.

High: "Die Beschreibung solcher natürlicher Genvarianten ist sehr wichtig. Nicht nur bei der Gentherapie für Bluter, sondern ganz generell. Besonders aktive Genvarianten haben sich schon mehrfach bewährt. Wir haben also dieses hoch effektive Faktor IX-Gen aus Padua in unsere Genfähre gepackt und auf die Bluter übertragen. Das hat die Wirkung der Gentherapie um das Drei- bis Achtfache gesteigert. Wir mussten nicht mehr so viele Viren übertragen und konnten trotzdem gute Faktor IX Spiegel erzielen. Unsere Patienten sind aktiv, ohne sich Gerinnungsfaktoren spritzen zu müssen."

"Guten Tag ich müsste in das Hämophilie Zentrum."

"Ja geradeaus, soll ich Sie hinbringen oder erklären?" - "Erklären!"

"200 Meter oder 200 Schritte, dann wird der Fußboden lila dann kommen rechts drei Fahrstuhl, den zweiten Personen Fahrstuhl runter in den Keller…."

Alle ausgewählten Patienten können auf Spritzen verzichten

Es gibt mehrere Forschergruppen, die an einer Gentherapie für die Hämophilie vom Typ A und vom Typ B arbeiten. Alle berichten in Vorträgen von Fortschritten, aber Spark Therapeutics konnte sie im Dezember als erstes Unternehmen auch in einer wissenschaftlichen Publikation belegen. Zehn Patienten mit einer Hämophilie B wurden behandelt und alle zehn können seit inzwischen anderthalb Jahren auf die regelmäßigen Spritzen verzichten. Einzelne Dosen von Gerinnungsfaktoren haben nur noch zwei Patienten benötigt, einer vor einer Operation, der andere vorsorglich aufgrund von Gelenkbeschwerden. Für Katherine High sind das exzellente Ergebnisse. Das ist nicht überraschend. Aber was halten andere Hämophiliespezialisten von der Studie? Am Berliner Vivantes Klinikum im Friedrichshain treffe ich Chefarzt Robert Klamroth.

Wildermuth: "Ich habe diese Studie mitgebracht aus dem New England Journal of Medicine. Jetzt gucken wir uns hier die Sachen mal an. Da sind ja so schöne Grafiken, wo man sehen kann, wieviel Faktoren IX dann wirklich gebildet worden ist. Patient Nummer 6, da sieht man die lila Kurve, bei 10 Prozent krempelt die rum, während Patient Nummer drei, der ist also wirklich in diesem Bereich von 50 Prozent. Reichen denn diese Werte, die die hier erreicht haben?"

Klamroth: "Ja, die Werte reichen insofern, als man dann im Alltag komplett ohne Blutung ist. Für eine Operation ist es, wenn die am unteren Ende sind, noch zu wenig. Da müssten sie Faktor IX bekommen. Aber fürs tägliche Leben, um da blutungsfrei mit zu leben, sind diese Werte ausreichend. Wir selber haben einen Patienten behandelt gentherapeutisch, der jetzt seit anderthalb Jahren keine einzige Blutung mehr hatte."

Wildermuth: "Wieso haben Sie überhaupt gesagt, wir sollten mit der Gentherapie das versuchen, ich meine, das ist ein ziemlich neues Verfahren. Es gab auch Berichte über Nebenwirkungen und es gibt ja die Medikamente. Was motiviert Sie als Arzt und auch die Patienten so etwas zu versuchen?"

Klamroth: "Das ist die schöne Idee auf eine zumindest vorübergehende Heilung der Erkrankung. Man muss sich vorstellen, dass es natürlich auch schon für den Patienten eine gewisse Anstrengung ist, sich intravenös zweimal die Woche das zu injizieren, das kostet Zeit, das kostet Überwindung. Der Schutz ist nicht optimal. So dass man auch unter dieser prophylaktischen Therapie in der Regel ein bis zwei Gelenkblutungen pro Jahr hat. Und wenn man eine größere Unfälle hat, natürlich auch schwere Blutungen haben kann. Das ist eine Motivation gewesen zu sagen, ja, wir machen Gentherapie. Die Motivation der Patienten ist, dass man auf jede Art der Therapie zumindest für eine Zeitlang verzichten kann."

Unterschiedliche Firmen, gleiche Ansätze

Robert Klamroth war nicht an der Studie von Katherine High beteiligt, er erprobt die Gentherapie einer anderen Firma. Sie verfolgt einen ähnlichen Ansatz wie Spark Therapeutics und berichtet von vorläufigen positiven Daten. Ähnliches hört man von einer Studie zur Hämophilie A. An dieser häufigeren Variante leiden in Deutschland etwa 4.000 Männer. Ihnen fehlt der Faktor VIII, die neue Gentherapie kann hier die Gerinnungswerte fast normalisieren. So langsam kommt also Bewegung in das Feld der Gentherapie für die Hämophilie.

Magnus Hellmann arbeitet als Erzieher. Dass er an einer schweren Form der Hämophilie B leidet, dass er fast keinen Faktor IX bildet, ist ihm nicht anzusehen. Im Gegenteil, er scheint vor Gesundheit zu strotzen. Trotzdem hat er sich auf eine Gentherapie eingelassen. Warum?

Magnus Hellmann: "Die Geschichte ist ziemlich lang eigentlich. Schon als ich Kind war und in Behandlung eines Arztes einer Kinder-Hämophilie-Station war, wurde uns, also meinen Eltern und mir, schon damals erzählt, welche Möglichkeiten es vielleicht mal gibt und an welchen geforscht wird. Und in diesem Fall war es genau das, was ich 20, 25 Jahre früher mal gehört hatte. Und das Experiment zu wagen, war für mich keine Frage. Mit meinem jetzigen behandelnden Arzt, dem ich sehr vertraue und der mich auch gut kennt, zusammen einzuschätzen, dass das auf jeden Fall jetzt keine großartigen Risiken mit sich bringt. Das Experiment läuft ja noch. Und ich bin bisher sehr froh, dass ich daran teilgenommen habe."

Wildermuth: "Und wie war das? Gentherapie, das hört sich so furchtbar technisch an. Wie erlebt man das als Patient?"

Hellmann: "Völlig normal. Das ist überhaupt gar kein Hokuspokus. Ganz genauso, als würde ich mich sonst spritzen. Also, mir wurden einfach Viren gespritzt, die sich in meiner Leber abgelagert haben. Es wurde vorhergesagt, dass meine Körpertemperatur ein bisschen ansteigt und in Richtung, dass es hätte Fieber werden können, war sehr gering, ich war die ganze Zeit auch unter ärztlicher Aufsicht. Ich habe mir da gar keine große Platte gemacht, ehrlich gesagt. Am nächsten Morgen war es schon weg."

Wildermuth: "Und wie ist es mit der Wirkung. Wie lange hat es gebraucht, bis dann tatsächlich dass dieses Gen, dieses künstliche Gen in ihrem Körper mit seiner Arbeit begonnen hat?"

Hellmann: "Soweit ich das verstanden hab, von meinen Ärzten, hat das schon vier, fünf, sechs, sieben Wochen gedauert, bis die volle Wirkkraft ausgeschöpft war. Trotzdem habe ich mich seit diesem Moment an eigentlich schon selber nicht mehr gespritzt, was ich nicht machen musste. Ich weiß, dass mein Körper in der Lage ist die Dinge selber zu regeln, was kleine Verletzungen angeht kleine Wunden angeht und das funktioniert tatsächlich. Solche Dinge konnte ich total einfach bemerken, dass das durch diese Injektion der Gentherapie sich verändert hat. Die optimiert einfach mein Alltag. Ich muss nicht mehr diese zehn Minuten, zweimal oder einmal in der Woche investieren, um mich schon selber zu spritzen, sondern ich kann darauf verzichten. Und der nicht zu unterschätzender Faktor ist natürlich dass ich auf einmal weiß was mein Körper mehr kann und sich das natürlich auswirkt auf mein Selbstbewusstsein, auf mein Selbstwertgefühl."

Wildermuth: "Haben Sie Kontakt mit anderen Patienten, die da vielleicht auch Interesse haben?

Hellmann: "Das ist sehr gemischt. Es gibt eine Fraktion, die da Interesse hat, die da sehr neugierig war und gefragt hat. Die das auch in irgendeiner Weise honoriert hat oder bewundert hat, was ich da als Mut aufbrachte. Es gibt aber auch einen Teil von den Menschen, die dort saßen, die das für sich nicht machen würden, nicht in der Testphase machen würden, und die das ja fast so ein bisschen wie Gott spielen, der Wortlaut ist tatsächlich gefallen, betitelt haben."

Lohnenswerte Gentherapie

Für Magnus Hellman hat sich die Gentherapie also gelohnt. Aber die meisten Patienten kommen mit den Faktor-IX-Spritzen gut zurecht, warum sollen sie ein Risiko eingehen? 1999 machte der Fall Jesse Gelsinger Schlagzeilen. Er hatte hohe Dosen einer Gentherapie gegen seine Stoffwechselkrankheit erhalten. Damit kam sein Immunsystem offenbar nicht zurecht, es reagierte sehr stark. Der junge Mann starb letztlich auf der Intensivstation an einem Multiorganversagen. So hohe Dosen werden seither nicht mehr verwendet, außerdem nutzen die Forscher inzwischen andere Viren, um ihre Gene ans Ziel zu beringen.

Klaus Cichutek: "Nun man kann erst mal sagen, dass die typischerweise der Gentherapie nachgesagten Sicherheitsprobleme bei AAV wahrscheinlich nicht auftreten werden. Denn es handelt sich hier um eine Genfähre, die nicht ins Erbgut der modifizierten Körperzellen aufgenommen wird."

Das ist ein Vorteil des Adeno-assoziierten Virus, meint Prof. Klaus Cichutek, Präsident des Paul-Ehrlich Institutes in Langen bei Frankfurt am Main, in Deutschland zuständig für die Regulation der Gentherapie. Es löst keine Mutationen aus, weil es die heilenden Gene nicht in die menschliche DNA einbaut, sondern sozusagen nur daneben ablegt. Nebenwirkungen sind deshalb selten. Gelegentlich kommt es zu kurzfristigen Leberproblemen, wenn die körpereigenen Abwehrzellen dort Zellen angreifen, die das Virus aufgenommen haben.

Cichutek: "Tatsächlich könnte eine Immunreaktion auch gegen eine Genfähre auftreten."

Offene Fragen bleiben

Das ist ein wichtiges Problem, denn so eine Immunreaktion würde eine zweite Runde einer Gentherapie direkt vereiteln. Solch eine Nachbehandlung könnte aber notwendig werden, weil bislang noch niemand weiß, wie viele Jahre die künstlichen Faktor IX Gene aktiv bleiben. Solche Fragen lassen sich erst in größeren und längerfristigen Studien klären. Dank der guten ersten Ergebnisse von Spark Therapeutics wird jetzt das große Pharmaunternehmen Pfizer solche Studien für die Hämophilie B beginnen. Doch selbst wenn alles gut läuft, bleiben für Robert Klamroth Fragen offen.

Klamroth: "Es gibt noch zwei große Fragezeichen. Bisher sind ja nur erwachsene Patienten behandelt worden. Ob das bei Kindern anschlägt, wo die Leberzelle sich noch häufiger teilt, das wissen wir nicht."

Kinder wachsen und das bedeutet: ihre Leberzellen teilen sich und dabei können sie die Genfähren verlieren.

Klamroth: "Das heißt, bei Kindern kann es sein dass der Effekt deutlich kürzer ist wenn die gentherapeutisch behandelt werden.

High: "Für Kinder benötigen wir neue Strategien und wir bei Spark arbeiten daran. Wir wollen die Gentherapie mit einer kurzen Blockade des Immunsystems kombinieren, damit man die Genfähre mehrmals verabreichen kann."

Klamroth: "Die zweite Patientengruppe, wo es schwierig sein kann, ist, dass natürlich schon Antikörper in bestimmten Patienten vorliegen können, die eine Adeno- Virusinfektion hatten. Bei denen wirkt dann die Gentherapie auch nicht. In anderen Gentherapie Studien hat ein Viertel der Patienten Antikörper gegen die Genfähre und deshalb konnte man sie damit auch nicht behandeln.

High: "Es gibt Wege, hier die Antikörper zeitweilig zu blockieren. Die muss man bei solchen Patienten nutzen."

Blockade des Immunsystems als Zeitfenster für Auffrischungs-Gentherapie

Für Katherine High sind solche Fragen einfach weitere Hürden auf dem Weg zu einer Gentherapie. Im Grunde sollten sie sich leicht überwinden lassen: Eine kurzfristige Blockade des Immunsystems müsste ein Zeitfenster für eine Auffrischungs-Gentherapie öffnen. Außerdem sind verschiedenen AAV-Varianten in der Erprobung. So stehen den Patienten auf längere Sicht mehrere Alternativen zur Verfügung. Den Schritt von der experimentellen Therapie zu einem breiten Angebot können aber nur große Pharmaunternehmen gehen. Die beginnen sich wieder für die Gentherapie zu interessieren, nicht nur gegen die Bluterkrankheit, wie Klaus Cichutek beim Europäischen Gen- und Zelltherapiekongress in Berlin bemerkt hat.

Cichutek: "Hier hat sich schon an der Zuhörerschaft an der Teilnehmerschaft gezeigt, dass doch ein großer prozentualer Anteil von Experten der pharmazeutischen Industrie zugegen waren, die immer mehr Interesse zeigen in dieses Gebiet einzusteigen und hier erfolgreiche wirksame und sichere Therapien entwickeln wollen."

Gentherapien gegen andere Krankheiten

Die Unternehmen wenden sich auch an das Paul-Ehrlich-Institut, um sich beraten zu lassen. Es gibt auch schon erste Produkte auf dem Markt: Gentherapien gegen fortschreitende Muskellähmungen, gegen Stoffwechselkrankheiten, gegen bestimmte Krebsformen. Spark Therapeutics hat eine Gentherapie für eine erbliche Form der Erblindung entwickelt, die in den USA kurz vor der Zulassung steht. Es sieht so aus, als ob die Forscher langsam eine kritische Masse an Erfahrungen mit der Gentherapie gesammelt haben.

High: "Ich glaube, bei den Gentherapien wird sich die Entwicklungszeit jetzt verkürzen. Beim ersten Mal steht man vor vielen neuen Problemen. Aber beim nächsten Mal kann man auf den Erfahrungen aufbauen."

Allerdings ist all den neuen Gentherapien eines gemeinsam: sie sind sehr teuer, kosten hunderttausende, vielleicht eine Million Euro pro Patient. Das ist gerechtfertigt, argumentieren die Firmen, schließlich zielen Gentherapien derzeit auf kleine Patientengruppen und werden idealerweise auch nur ein einziges Mal verabreicht. Die hohen Entwicklungskosten müssen also über den Preis dieser einen Spritze hereingeholt werden. Außerdem muss man die Kosten einer Gentherapie natürlich auch mit denen der konventionellen Therapien verrechnen, meint Robert Klamroth

Klamroth: "Momentan kostet ein Patient mit einer schweren Hämophilie pro Jahr 260 000 Euro. Das heißt, wenn ich zehn Jahre lang mit der Gentherapie das erreichen kann, dass er keinen Faktor braucht, dann hab ich schon über eine Million Euro gespart. Und ich denke, dass das in Deutschland, wenn diese Therapie zugelassen ist, dann auch in einem Preis ist, der äquivalent unserer jetzigen Therapie ist."

Mit Euphorie noch zurückhalten

Es gibt Hoffnung, dass eine Gentherapie für die Bluterkrankheit in absehbarer Zeit verfügbar ist. Die Heilung ist in Sicht, könnte man sagen. Mit Euphorie sollte man sich vorläufig noch zurückhalten: Zu oft schon haben große Studien kleine Erfolge nicht bestätigen können. Aber klar ist: Das Feld der Gentherapie hat gerade neuen Schwung erhalten.

Klamroth: "Diese Studie ist für uns ein besonderer Meilenstein, weil es zum ersten Mal gelungen ist, bei allen Patienten in die Studie eingeschlossen worden sind, Faktor IX Spiegel zu erzielen, die es im Alltag ermöglichen, auf jedwede Behandlung zu verzichten. Das bedeutet langfristig, dass für diese chronische, mühsame, teure Erkrankung langfristig die Option auf eine Heilung besteht."

High: "Das sind aufregende Zeiten. Das Humangenomprojekt hat die Hoffnung geweckt, dass die Entdeckung all dieser Gene zu Therapien für bislang unheilbare Krankheiten führt. Wir erleben jetzt, wie dieses Versprechen eingelöst wird."

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