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StartseiteEuropa heuteDänemarks Militärpräsenz in Grönland26.02.2020

Geopolitik in der ArktisDänemarks Militärpräsenz in Grönland

Die Arktis ist zu einem Hotspot der Geopolitik geworden. Es geht um neue Schifffahrtsrouten und die zukünftige Verteilung von Bodenschätzen. Immer mehr Länder mischen dabei mit. Auch Dänemark – das in Grönland militärisch aufrüsten will.

Von Gunnar Köhne

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Dänische Fregatten zeigen Präsenz in Grönland (Deutschlandradio / Gunnar Köhne)
Dänische Fregatten zeigen Präsenz in Grönland (Deutschlandradio / Gunnar Köhne)
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Völlig regungslos und scheinbar verlassen liegen die beiden Fregatten vertäut im Hafen von Nuuk. Die Pressesprecherin des Arktischen Kommandos der dänischen Streitkräfte geht voran über eine schwankende Gangway, hinüber auf das Schiff. Zwei Matrosen in olivgrünen Fleecejacken treten neugierig an Deck. Abwechslung an Bord ist hier oben, gut 3.000 Kilometer von der dänischen Heimat entfernt, gern gesehen.

Schließlich erscheint der wachhabende Offizier – er will bloß Thomas genannt werden – zu einem kleinen Rundgang. Keine politischen Fragen bitte. Die Kombüse, die Brücke mit Blick auf das Geschütz und backbord ein Landeplatz für Helikopter. Eigentlich, sagt der Offizier, fungierten sie hier als eine Art Küstenwache:

"Wir kontrollieren auch die Fischerboote. Ob ihre Papiere in Ordnung sind. Ausländer und Einheimische."

"Machtspiel" um Rohstoffe und Einfluss

Tatsächlich aber sind die Soldaten dieses Königlich Dänischen Außenpostens nicht wegen ein paar Heilbuttfängern in der Arktis. Jedenfalls nicht mehr. Im vergangenen Jahr hat Dänemarks Nachrichtendienst PET das Thema Grönland erstmals auf seine Liste nationaler Risiken gesetzt – noch vor Cyberkriminalität und Terrorismus. Zwischen den Großmächten USA, Russland und China habe sich in der Arktis ein gefährliches "Machtspiel" um Rohstoffe und Einfluss entfaltet, hieß es zur Begründung.

Dieser Beitrag gehört zur fünfteiligen Reportagereihe "Begehrte Insel: Grönland im Fokus der Großmächte".

Der PET hat seitdem eine Außenstelle in der Hauptstadt Nuuk und Kopenhagen schickte demonstrativ zwei zusätzliche Kriegsschiffe auf die Insel – wenn auch nur zu Besuch. Dänemark zeigt Flagge im Eis.

"Wir schützen das Königreich in der Arktis", steht in großen Lettern am Hauptgebäude des Arktischen Kommandos. Der schlichte blaue Holzbau im Hafen von Nuuk unterscheidet sich ansonsten kaum von den umstehenden Lagergebäuden für Fisch und Tiefseekrabben.

Verantwortungs- und Interessengebiete

Oberstleutnant Henrik Skovhave, ein drahtiger Mann im Tarnfleck, bittet in den abhörsicheren Konferenzraum des Stützpunkts. Ihm gefällt die gestiegene verteidigungspolitische Aufmerksamkeit für Grönland. Dänemark will seine arktischen Territorien weiter aufrüsten. Skovhave lehnt sich zufrieden zurück:

"Unsere Politiker in Dänemark fragen uns neuerdings ständig: Hey, braucht ihr mehr Material und Personal? Nun, wir hoffen, dass die Politiker bei ihren Zusagen bleiben und genug Geld zur Verfügung stellen. Wir bereiten gerade eine Stellungnahme vor. In der wird stehen, was wir alles haben möchten. Sicher würden Sie gerne wissen, was da drin steht. Aber das kann ich nicht verraten. Wir sind noch mittendrin."

Dann zählt Skovhave auf, wie sie mit rund 100 Soldaten zu Lande, zu Wasser und zur Luft die Sicherheit Grönlands, aber auch der etwa 2.000 Kilometer entfernten Färöer-Inseln garantieren wollen – die gehören ebenfalls zur dänischen Krone. Er spricht von Standorten und Landepisten im Süden, Norden, Westen und Osten Grönlands. Sogar eine Hundeschlittenpatrouille gehört zur Truppe. Und dann haben sie noch einen Verbindungsoffizier auf der US-Militärbasis Thule im Nordwesten Grönlands. Mit den Amerikanern arbeite man eng zusammen – Präsident Trumps Kaufangebot für Grönland hin oder her.

Der dänische Offizier Henrik Skovhave (Deutschlandradio / Gunnar Köhne)Henrik Skovhave, dänischer Offizier in Grönland (Deutschlandradio / Gunnar Köhne)

Der Oberstleutnant steht auf und stellt sich vor die Seekarte, die er von seinem Laptop aus an eine weiße Tafel projiziert hat. Er deutet mit seiner rechten Hand einen Bogen um Grönland an und erklärt, es gebe für seine Truppe ein "Verantwortungsgebiet" – das seien Grönland und seine Küstengebiete. Aber darüber weit hinaus auch ein "Interessensgebiet":

"Das ist ein größerer Bereich, in dem passieren könnte, dass sich ein Staat Grönland militärisch nähert – zu Wasser oder in der Luft. Unser Interesse ist es dann, rechtzeitig herauszufinden, was es damit auf sich hat. Hält der betreffende Staat dort vielleicht nur ein Manöver ab? Wie ja jeder weiß, schmilzt das Eis wegen steigender Temperaturen, dadurch ist es künftig für fremde Schiffe leichter, sich der Insel zu nähern."

"Alle Staaten blicken derzeit auf die Arktis"

Das Wort Russland nimmt Skovhave nicht in den Mund. Aber im vergangenen Dezember wurde bekannt, dass Moskau neue, weitreichende Raketen auf seinen arktischen Militärbasen stationiert hat. Grönland liegt innerhalb deren Reichweite. Etwa zur gleichen Zeit entdeckte die norwegische Marine zehn russische U-Boote, die Richtung Grönland unterwegs waren, später jedoch ihren Weg in den südlichen Atlantik fortsetzten. Eine Machtdemonstration, vermuten Sicherheitsexperten.

"Alle Staaten blicken derzeit auf die Arktis, und das führt zu verstärkten militärischen Aktivitäten, nicht bloß von Dänemark und unseren Verbündeten, sondern auch von anderen Staaten."

Mehr möchte, mehr darf der Offizier Skovhave dazu nicht sagen. Wie sehen eigentlich die Grönländer die Anwesenheit der Soldaten Ihrer Majestät auf ihrer Insel? Schließlich streben viele nach mehr Unabhängigkeit von Dänemark. Eben noch in ernste Falten gelegt, hellt sich Skovhaves Gesicht bei dieser Frage auf:

"Mein persönlicher Eindruck ist: Die meisten Einwohner Grönlands und besonders hier in Nuuk finden das Arktische Kommando gut. Sie sehen uns weniger als Soldaten aus Dänemark, als vielmehr als Helfer, die zum Beispiel bei der Seenotrettung unterstützen. Hier trage ich gerne meine Uniform. Die Leute grüßen einen immer so freundlich."

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