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StartseiteEssay und DiskursSuissemania oder die Schweiz ist des Wahnsinns03.11.2019

Georg-Büchner-Preis 2019Suissemania oder die Schweiz ist des Wahnsinns

Der Schweizer Autor Lukas Bärfuss erhielt am 2. November den Georg-Büchner-Preis 2019 der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Wir stellen seinen Essay aus dem Jahr 2015 vor, in dem er die gesellschaftlichen Verhältnisse, Politik und Medien in der Schweiz angreift.

Von Lukas Bärfuss

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An einem Infostand des Partnerlandes Schweiz auf der Leipziger Buchmesse in Leipzig (Sachsen) stehen am 12.03.2014 Holzschnitzfiguren in einer Glasvitrine. Vom 13. bis 16. März präsentieren sich auf der Messe 2000 Verlage mit ihren Neuerscheinungen. Foto: Arno Burgi/dpa (picture alliance / dpa )
Lukas Bärfuss rechnet mit gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen seines Heimatlandes ab (picture alliance / dpa )

In seinen Essays begleitet Lukas Bärfuss "die heutige Welt mit furchtlos prüfendem, verwundertem und anerkennendem Blick", schreibt die Jury des Georg-Büchner-Preises. Seine Abrechnung mit den gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen seines Heimatlandes brachte dem Schweizer Autor viel Kritik ein. Ursprünglich erschien der Essay "Suissemania" in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" am 15. Oktober 2015.

Im Deutschlandfunk äußerte Bärfuss in einem Gespräch mit Jan Drees: "Ich habe nach wie vor nicht im Geringsten das Gefühl, dass ich gerade in der Schweiz in einer gleichberechtigten Gesellschaft lebe, dass wir dieselben Möglichkeiten hätten, dass wir immer noch reduziert werden auf irgendeine doch sehr willkürliche Identität und dass wir noch lange Zeit brauchen, bis wir das überwunden haben."

Lukas Bärfuss, geboren 1971 in Thun/Schweiz, ist Dramatiker, Erzähler und Essayist. Er lebt in Zürich. Nach vielen Erfolgen und weltweiten Auszeichnungen am Theater erschien 2008 "Hundert Tage", sein erster Roman, eine aufsehenerregende Geschichte über den Völkermord in Ruanda. Für den Roman "Koala", in dem er den Suizid seines Bruders verarbeitet, bekam er den Schweizer Buchpreis verliehen. 2017 erschien sein jüngster Roman "Hargard", die Geschichte um einen erfolgreichen Geschäftsmann und dessen Verabschiedung aus allen sozialen Bindungen. Die Essaybände "Stil und Moral" und "Krieg und Liebe" erschienen 2015 und 2018.

Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung verleiht seit 1951 den Georg-Büchner-Preis an herausragende Schriftstellerinnen und Schriftsteller. Er wird finanziert von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, dem Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst und der Stadt Darmstadt.


Suissemania oder die Schweiz ist des Wahnsinns (2015)

Am kommenden Sonntag wählt die Schweiz das neue Parlament, der dritte Rechtsrutsch in sechzehn Jahren scheint eine ausgemachte Sache zu sein, aber was viele Konsumenten hierzulande in Unruhe versetzt, ist nicht der Wahlsonntag, sondern der ebenfalls nahende 26. Oktober. An jenem Montag läuft nämlich die Frist aus im Sammelspiel, das der größte Einzelhändler der Schweiz in diesen Tagen veranstaltet. In seinen Filialen erhält der Kunde für jeden Einkauf über zehn Franken ein zufälliges Glücksbeutelchen, darin eine von insgesamt fünfzig nationalen Sehenswürdigkeiten. Mit im Beutelchen ein Sticker, den der Sammler in ein prächtiges Album kleben darf. Die kleine Gebühr, die man für das Heft zu entrichten hat, wird durch die aufwendige Gestaltung leicht gerechtfertigt. Vierfarbig glänzen da die schönsten Schönheiten des Schweizerlandes. Das Spalentor zu Basel, der Zytgloggeturm in Bern, das Schloss Chillon am Genfer See - und als Zugabe auf dem Umschlag des Albums eine schillernde Postkarte, die je nach Betrachtungswinkel ihr Aussehen ändert: Im orangen Nichts schwebt oszillierend eine Scholle mit den Umrissen der Schweizerischen Eidgenossenschaft. Der Titel dieser famosen Sammelaktion: "SUISSEMANIA".

Eine Manie ist nach dem Pschyrembel eine schwere psychotische Störung der Affektivität, häufig mit Wahnvorstellungen und Katatonie verbunden. Man muss dies alles nicht als Diagnose der hiesigen Malaise lesen. Man muss nicht, aber man kann. Wie auf der Postkarte verliert das Land auch in der Wirklichkeit mehr und mehr jede erkennbare Kontur. Zerrüttet von den globalen Stürmen, sucht das Land Halt in nationalen Monumenten, die mittlerweile auf Miniaturgröße geschrumpft sind, als Beifang des täglichen Konsums kostenlos abgegeben werden und problemlos in die persönliche Nippessammlung passen. Selbst der Werbespruch auf dem Umschlag scheint die hiesige Umnachtung aufzunehmen: "Mit vielen tollen Rätseln!"

Die Kräfte, die dieses Land im 21. Jahrhundert formen, werden derweil erfolgreich ignoriert. Wie Geister flößen sie den Menschen Angst ein und lähmen sie bis zur Katatonie. Keine der politischen Parteien hat den Mut, sich im Wahlkampf den realen Herausforderungen zu stellen. Dabei liegen sie meterhoch vor den trauten Chalets des gebeutelten Heimatlandes und es braucht enorme Verdrängungsleistungen, um an ihnen vorbeizusehen.

Am lautesten ist nach wie vor das Schweigen über das Verhältnis zur Europäischen Union. Die Situation ist einfach auch zu kompliziert. Staatsrechtlich, diplomatisch und ökonomisch undurchschaubar und obendrein für jeden Politiker im Wahlkampf eine unerhörte Peinlichkeit. Wie soll er seinen Wählern auch erklären, dass sie damals, am 9. Februar 2014, bei jener Abstimmung über die Masseneinwanderung, einen unerhörten Bockmist gebaut haben? Und das Heiligste aller schweizerischen Heiligtümer, so himmelsgleich und gnadenreich, dass selbst die Spieledesigner es nicht gewagt haben, es in Plastik zu gießen, die direkte Demokratie nämlich, für einen monumentalen Beinbruch verantwortlich ist? Dieser Unfall hat den nationalen Karren so tief in den Dreck gefahren, dass keiner weiß, wie er jemals wieder fahrbaren Boden unter die Räder bekommen soll.

Europa 2015 und die Schweiz

Europa ist auch im Herbst 2015 ein vergifteter Trank, von dem zu kosten sich selbst robuste Naturen nicht getrauen. Zu tief ist die letale Dosis. Und so hält man sich allenthalben an den Trost seiner Halluzinationen, schließt die Augen und hofft, das Problem möge auf magische Weise von alleine verschwinden.

Keine erfolgreiche, aber dafür eine verbreitete Methode. Was stinkt, wird auf den Balkon gehängt. So verpesten die zum Lüften aufgehängten Kümmernisse mehr und mehr die Umgebung. Doch wer die Augen verschließt, mag sich auch die Nase zuhalten, selbst wenn ihm dann bald die Hände für eine vernünftige Arbeit fehlen.

Zu tun gäbe es genug. Die Schweiz hat seit 1990 das schlechteste Wirtschaftswachstum aller OECD-Länder. Ein Umstand, den man hier angeht, indem man die Arbeitnehmer drangsaliert, Arbeitszeiten verlängert und Löhne kürzt. Die Linke und die Gewerkschaften, von denen man Protest erwarten könnte, verharren weiter in einer über Generationen angelernten Bravheit, glauben immer noch an den Arbeitsfrieden und den Sozialvertrag, und haben noch immer nicht verstanden, dass sie längst vom Melker zur Kuh geworden sind.

Die Exportwirtschaft ächzt unter dem starken Franken, aber man deutet die monetäre Folter zum Ertüchtigungsprogramm um, das in der gesundbeterischen Logik der ökonomischen Elite schließlich dem gesamten Organismus zugute kommen wird. Weil sich höhere Angestellte gerne beim Dauerlauf in Schwung halten, reden sie sich ein, auch eine Volkswirtschaft müsse ein wenig an die Grenzen gehen, um bessere Zeiten zu rennen. Was bleibt dabei auf der Strecke? Löhne, Steuern, Investitionen in Bildung und Forschung.

Hoffnung für die Wirtschaft kommt nur aus deutschen Exklaven und den grenznahen Gebieten ennet des Rheins. Dort hat man sich auf die Verhältnisse eingestellt und neue, innovative Geschäftsmodelle entwickelt. Weil die Schweizer Konsumenten schneller als die Politiker begriffen haben, dass man den starken Franken in diesen Zeiten besser hortet als ausgibt, kaufen sie ihre Ware gerne bei ausländischen Lieferanten im Internet. Die fakturieren glücklicherweise in Euro. Also viel billiger. Und um gleich noch die Mehrwertsteuer zu sparen, lässt sich der helvetische Shopper das Paket an eine deutsche Adresse schicken. Und so erblüht das deutsche Jestetten, fast ganz von schweizerischem Territorium umgeben, im Zug der florierenden Paketdienste. Getränkehändler und Frisörsalons stellen ihre Postadressen preisbewussten Schweizern zur Verfügung, nehmen die Ware in Empfang, lagern sie treu, bis der Eigentümer sie auslöst. Die langen Autokolonnen am Wochenende und nach Feierabend nimmt man in Kauf. Schließlich verdient man ordentlich. In Jestetten. Für die schweizerische Volkswirtschaft bedeutet der Einkaufstourismus im laufenden Jahr einen Schaden von elf Milliarden Franken.

Ganz zu schweigen vom Geld, das der öffentlichen Hand durch die Schlaumeierei entzogen wird. Die demografische Entwicklung wird die Altersvorsorge zusätzlich demontieren, aber darüber hört der Schweizer selten etwas Verlässliches. Sicher ist nur: Die Kantone stöhnen unisono unter negativen Haushalten. Und auch diese Jeremiaden werden so wenig Anlass zum Handeln wie der von der Regierung längst versprochene Energiewandel.

Der älteste Atommeiler der Welt steht bekanntlich auf schweizerischem Boden. Das Kernkraftwerk Beznau produziert ebenso zuverlässig Strom wie Störfälle. Internationale Experten schütteln über die Fahrlässigkeit nur noch den Kopf. Die Aktien der Trägergesellschaft liegen vollständig in den Händen der Kantone, und die verspüren wenig Lust, für sicheren Strom mehr Geld zu bezahlen. Und so lässt man den Lotter-Reaktor weiter brennen. Und hofft, der Herrgott im Himmel möge der Eidgenossenschaft weiter so gnädig sein wie bisher und das Schlimmste verhindern.

Transformationen in Politik und Medien

Niemand sollte glauben, dass sich das Land nicht verändert. Im Gegenteil. Es transformiert sich so krankhaft schnell wie ein Ektoplasma aus Hollywood. Die Form, die es sich anzunehmen schickt, ist nicht dem himmlischen Schicksal überantwortet, sondert reagiert wie jedes Plasma auf Druck. Und Druck ist reichlich da. Dass sich die Schweiz seit zwanzig Jahren in einem Kulturkampf befindet, bezweifelt niemand mehr. Obwohl es einige Pessimisten gibt, die behaupten, dieser Kampf sei bereits entschieden und seit Kurzem vorbei.

Die nationale Rechte lässt die Bären tanzen, wo und wann sie will. Was die Schweiz von Ländern wie Frankreich und Österreich unterscheidet, sind die 3,6 Milliarden Privatvermögen, über die der Extremismus hierzulande verfügt. Geld, in den Händen eines chemischen Industriellen, der seit Jahr und Tag das Land mit seinen obskuren Ideen inspiriert. Kunstsinnig wie immer, ist er auf seine alten Tage zudem großzügig geworden. Der Mann besitzt nicht nur Milliarden, er scheint mehr und mehr gewillt, sie auch auszugeben.

Zum Frühstück kauft er sich jetzt ein respektables Kunstmuseum, das des Industriellen Sammlung hiesiger Genre-Maler ausstellen darf und ihn dafür mit dem Glanz des Gönners salbt. Und weil ein rechtsnationaler Sammler mit Sendungsbewusstsein ein paar Selbstporträts veröffentlicht sehen will, shoppt sich der Mäzen gleich die passende Publikation dazu. Das "Du"-Magazin, über Jahrzehnte das Zentralorgan des honorablen, kunstbeflissenen Bürgertums, hat praktischerweise sein Konzept gewechselt. Nun kann jeder, der sechzigtausend Schweizer Franken zu zahlen bereit ist, seine Seiten kaufen, und niemand stört sich daran, dass eine Zeitung, die einmal bekannt war für die Arbeiten von Werner Bischof und Hugo Loetscher, eine Woche vor den nationalen Wahlen den politischen Extremismus mit den Weihen der Kunst bemäntelt und rechtfertigt.

Das bunte Blatt im Hochformat reiht sich damit ein in die neue mediale Front, die von der Zürcher "Weltwoche" über die "Basler Zeitung" alle jene verbindet, die bereit sind, ihre journalistischen Standesregeln für ein paar knusprige Scheine zu verhökern. Das Geschäftsmodell dieser Parteiorgane sorgt sich längst nicht mehr um Inserate, Abonnenten oder gar Leser. Wie die Defizite gedeckt werden, hat selten jemand gefragt, nie jemand recherchiert. Einer solchen Aufgabe scheinen die schweizerischen Medienhäuser zur Zeit nicht gewachsen zu sein. Man begnügt sich mit den notorischen Lügen der Beteiligten.

Schweizerische Medien? Muss man sich um sie Sorgen machen? Man muss nicht, aber man sollte vielleicht. Der Durchmarsch der Rechten hat gerade erst begonnen. Den Sturm auf die Chefredaktion der "Neuen Zürcher Zeitung" konnte eine mutige Redaktion gerade noch verhindern. Bei der Neubesetzung der Feuilletonleitung ist ihr das leider nicht mehr gelungen. Der rechte Verwaltungsrat hat aus der vorigen Niederlage gelernt und im letzteren Fall den Arbeitsvertrag wohl zuerst unterschrieben - und dann erst über die Personalie informiert. Was vom neuen Kulturchef zu erwarten ist, bleibt abzuwarten. Ein Schuft, der an seiner Haltung zweifelt, nur weil sein letzter Arbeitsort eine Publikation mit einschlägig faschistischer Vergangenheit ist. In diesem Familienstück der Reaktionäre hieß der Chefredakteur früher "Hauptschriftleiter", die Finanziers hofierten Hitler und versorgten den Faschismus mit Barschaft. Heutzutage kommt das Geld von einem Privatbankier, der sein Institut unter dem Druck der amerikanischen Steuerbehörden verscherbeln musste. Aber auch danach blieb offensichtlich genug Geld und Einfluss übrig, um seinen journalistischen Zögling in eine der einflussreichsten Positionen der deutschsprachigen Publizistik zu hieven. Qualifikationen? Unnötig. Internationale Erfahrung? Das wäre in diesen Tagen geradezu unerwünscht.

Aber es gibt ja noch die Konkurrenz auf der anderen Seite der Sihl. Leider scheint auch mancher Redaktor des "Tages-Anzeigers" mittlerweile von den ewigen Budgetkürzungen zermürbt. Anders kann man es sich nicht erklären, dass der dortige Kulturchef in dasselbe Horn wie jener Schriftsteller bläst, der neulich in der "Neuen Zürcher Zeitung" zur Schließung von Theatern aufgerufen hat und obendrein die nicht ganz von der Hand zu weisende Behauptung aufstellte, Dichter von seiner Sorte gebe es zu viele. Ein Mann, der am Schweizerischen Literaturinstitut den Nachwuchs ausbildet. Solche spektakulären Pointen kann man bei der "NZZ" noch verlässlich dem neoliberalen Schema und ihrem Duktus zuordnen. Beim "Tages‑Anzeiger" scheinen sie bisweilen nur noch verwirrt zu sein. Das ist allerdings kein Wunder in einem Haus, das fünfzig Prozent des Geschäfts nicht mehr mit Journalismus, sondern mit Adresshandel und einem Internet-Auktionshaus verdient. Noch weniger erstaunlich, wenn man weiß, dass in diesem Mischkonzern in den letzten Jahren eine gute Milliarde von den Redaktionen zu den Aktionären verschoben wurde. Hierzulande zählt man nur noch mit neun Nullen. Für manches Rückgrat in den Redaktionsstuben ist das nicht ohne Folgen geblieben.

Hoffnung brächte eigentlich das gebührenfinanzierte Staatsfernsehen. Doch was man dort von Kritik hält, zeigt sich in der Art und Weise, wie man mit Intellektuellen umspringt. Ein kritischer Film über die Schweiz, verantwortet vom Schriftsteller Robert Menasse und vom Übersetzer Stefan Zweifel, wurde kurzerhand aus dem Programm gekippt. Und auch hier fanden die Verantwortlichen, als sie sich nach Tagen zum ersten Mal vernehmen ließen, nur Fadenscheinigkeit der mangelnden Qualität und also die bekannte Rückzugsposition aller Feiglinge als Rechtfertigung für die Zensur.

Vertrauen kann ein Schweizer Bürger heute eigentlich nur noch auf die Justiz. Allerdings nicht auf die schweizerische, sondern auf die US-amerikanische. Sie sorgt regelmäßig dafür, dass die Eidgenossenschaft den Kontakt zu den zivilisatorischen Nationen nicht ganz verliert. Ohne die Staatsanwälte aus Übersee hätten die Banken das Gold der ermordeten Juden bis heute nicht zurückbezahlt. Die internationalen Steuerhinterzieher würden sich immer noch auf das Bankgeheimnis verlassen können. Und korrupte Sportfunktionäre könnten weiterhin unbehelligt von Zürich aus die Jugend der Welt an den Mammon verkaufen. Da nimmt man als Bürger die peinlichen Wildwest-Szenen aus den Straßen Zürichs, die im Sommer um die Welt gingen, gerne in Kauf.

Die Vernunft schläft - die Schweiz in der globaliserten Welt

Ein Volk von Zwergen will man hierzulande sein und bleiben. Darauf besteht man durch alle sieben Böden und bis ins hinterste Tal. Und man zeigt sich jetzt immer erstaunter, dass man vom Ausland plötzlich auch als Zwerg behandelt wird. Die Schweiz hat immer weniger zu sagen. Die Verhandlungen über das europäisch‑amerikanische Freihandelsabkommen finden selbstverständlich ohne die Schweiz statt. Die neuen Bestimmungen in allen wirtschaftlichen Bereichen werden die Schweiz in einer Weise verändern, die die Torturen der letzten Jahre als lockere Dehnungsübungen aussehen lassen werden. Als Schweizer hat man dazu kein Wort zu sagen, aber wir werden sie natürlich nachvollziehen müssen. Der einzige Trost liegt im Umstand, dass man sich auch daran mittlerweile gewöhnt hat. Ein guter Teil der eidgenössischen Verwaltung ist damit beschäftigt, Gesetze nachzuvollziehen, die nicht in Bern, sondern in Brüssel oder New York erlassen wurden.

Als Schweizer hat man in der globalisierten Welt nichts mehr zu sagen. Gefühle der Ohnmacht werden gerne mit großen Worten kompensiert. Und wenn große Worte nicht mehr reichen, nimmt man eben unanständige. Der Populismus wird immer frecher, die Anwürfe immer primitiver. Im Schweizer Fernsehen muss sich ein Moderator zur besten Sendezeit auf eine Weise antisemitisch angehen lassen, die in keinem anderen Land möglich wäre, vielleicht mit Ausnahme des Irans. Die Empörung darüber hält sich in sehr engen Grenzen. Genauso wenige stört es, wenn die größte Partei der Schweiz mit Nazi-Symbolen Werbung macht. Die einzige, die ihr Fett abbekommt, ist die Schriftstellerin, die darauf hingewiesen hat, dass die Ziffernfolge "88", die in diesem Wahlclip einer Bundesratspartei präsentiert wird, unter Nazis als Chiffre für "Heil Hitler" steht. Sie muss sich von den Parteiideologen in ihren Kampfschriften anpöbeln lassen und erhält Morddrohungen, wie sie viele kennen, die hierzulande kritische Fragen stellen.

Man darf sich deswegen nicht beklagen. Andere zahlen einen noch höheren Preis. Etwa jener jüdische Mitbürger, der in Zürich am helllichten Tage von einem braunen Mob angegangen wurde. Zusammenhänge? Man wird doch nicht so paranoid sein! Auseinandersetzungen? Wer interessiert sich denn hierzulande noch für Juden und für andere Minderheiten.

Suissemania: Der Wahnsinn, die Katatonie, die psychotische Störung kann nicht ewig herrschen. Die Vernunft hierzulande ist nicht tot, sie schläft einfach sehr, sehr tief. Es wäre an der Zeit, sich zu regen und den Monstern zu trotzen, die ihre Ruhe gebiert. Sonst wartet am Ende einer langen Nacht ein böses Erwachen und als Trost nur die Nippessammlung, das Kloster Einsiedeln, die Schlacht am Morgarten und das Schellen-Ursli-Haus im schönen Graubünden, jedes davon durchschnittlich drei Zentimeter groß, aus ordinärem Plastik und selbstverständlich Made in China.

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