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StartseiteBüchermarktPopeye auf dem Balkan05.05.2020

Georges Perec: "Das Attentat von Sarajewo"Popeye auf dem Balkan

Endlich auf Deutsch: Der lange verschollene Erstling des französischen Autors Georges Perec aus dem Jahr 1957. "Das Attentat von Sarajewo" erzählt mit erstaunlicher Souveränität von einem sportlichen Liebeswettkampf in Paris, Belgrad und Sarajewo.

Von Tobias Lehmkuhl

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Der französische Schriftsteller Georges Perec in einer Aufnahme von 1978 (imago/Leemage)
Der französische Schriftsteller Georges Perec in einer Aufnahme von 1978 (imago/Leemage)
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Der Titel lässt ein Sachbuch vermuten, und tatsächlich spielt das berühmte Attentat auf den österreichischen Thronfolger in Sarajewo eine gewisse Rolle in Georges Perecs Roman "Das Attentat von Sarajewo" - einige kurze, berichthafte Passagen über die Ereignisse am 28. Juni 1914 sind der eigentlichen Erzählung zwischengeschaltet. Warum das so ist, wird erst relativ spät klar, denn zuerst einmal scheint es sich bei diesem Buch um eine klassische Liebes-, bzw. Eifersuchts-, bzw. Dreiecksgeschichte zu handeln. Inwiefern sie autobiographisch gefärbt ist, wissen wir nicht, nur dass der junge Perec sich damals tatsächlich für eine Weile in Jugoslawien aufhielt.

Direkt danach diktierte er den Roman einer Freundin, schickte ihn an Verlage, kassierte aber nur Absagen und überließ das Manuskript einem Malerfreund in Belgrad. Interessant ist "Das Attentat von Sarajewo" dennoch, denn schon mit den ersten Worten kündigt sich die Stimme eines talentierten Schriftsteller an: selbstbewusst, von großer Klarheit und völlig schnörkellos. Hier stürzt sich einer mit dem ersten Satz ins Erzählen, als würde er, ohne mit der Wimper zu zucken, vom 10-Meter-Brett springen.

"Ich bin Branko zum ersten Mal an einem Novemberabend in Paris begegnet. Das war, glaube ich, im Dôme oder auch im Select, in einer dieser Kneipen jedenfalls am Montparnasse, die bei Ausländern aus mir unerfindlichen Gründen so beliebt sind. Ich trieb mich dort in Gesellschaft einiger Jugoslawen herum, die ich mehr oder weniger gut kannte, und wir tranken Rotwein und redeten über alles Mögliche, um die Zeit totzuschlagen, bis es spät genug war, ins Bett zu gehen. Ich weiß übrigens nicht, aus welchem Anlass ich da war, aber ehe ich jetzt anfange, mich mit solchen Überlegungen zu verzetteln, kann ich auch gleich mit meiner frühesten Kindheit beginnen (was absolut lächerlich wäre)."

Eine Liebe in Paris

Und so erfahren wir nichts über diesen namenlosen Erzähler, nicht, woher er kommt, was er arbeitet oder warum er mit Jugoslawen verkehrt. Wir erfahren nur das Entscheidende: Dass er Branko kennenlernt, und schließlich dessen Geliebte Mila. In Mila verliebt sich auch der Erzähler, vielmehr: er verliebt sich in ein Foto von ihr, das bei Branko im Zimmer hängt. Die Liebe hält auch der ersten Begegnung in Paris stand, bevor es dann alle drei nach Belgrad verschlägt.

Dabei aber bleibt die Angebetete so zweidimensional wie auf der Fotografie. Als Leser stellt man sich zunehmend die Frage, ob es im erzählerischen Gefühlsaufruhr wirklich um Mila geht, oder nicht eher um einen Machtkampf mit dem Geliebten Milas, eben jenem Branko. So ist es auch Branko, der im Vordergrund steht, ein Schwadroneur, der mit seinem Konzept des "franziskanischen Sozialismus" den Kommunismus in Jugoslawien retten will. Der Erzähler vergleicht ihn mit Popeye, der Comicfigur des Zeichners Segar.

"Branko war hässlich. Genauer gesagt sah er exakt so aus wie Popeye, der Seemann, insbesondere wenn er nachdachte, denn dann zog er eine Schnute, die aufs Unschönste sein nach oben vorspringendes Kinn betonte. Man konnte sich nicht mit ihm sehen lassen: Er sprach auf offener Straße und ruderte dabei mit den Armen herum, setzte sich in die Kneipen und rief die Kellner mit "Mein Herr" an, bedachte die Frauen in der Nähe mit einem breiten Lächeln. Sein Französisch war ganz annehmbar, aber durchsetzt mit winzigen Fehlern, die nach einer Viertelstunde absolut unerträglich wurden. Gewiss, er war intelligent. Störend war nur, dass er sich für genial hielt."

Allzu glaubwürdig ist dieser Erzähler freilich nicht, redet er doch von einem Konkurrenten. Er kritisiert sich selbst irgendwann dafür, dass er ständig in Metaphern des Wettkampfs über Branko redet. Überhaupt gibt es immer wieder kleine Einschübe, in denen der Erzähler seine eigene Erzählweise kommentiert; sie lassen den Roman unfertig erscheinen, wie auch die kurzen Passagen über die Geschehnisse von 1914, selbst als der Erzähler seinen eigenen Attentatsplan entwickelt, wirken, als seien sie höchstens lose mit dem Roman verbunden. Aber gerade die Tatsache, dass er seinen Text nicht "rund" gemacht hat, dass er Lücken lässt, zeugt von der frühen Souveränität des gerade einmal einundzwanzigjährigen Autors.

Eigenwillige Erzählweise

So kühn wie unkonventionell ist auch Perecs Entscheidung, "Das Attentat" in Belgrad spielen zu lassen - nicht eben der Ort, an dem französische Autoren in den fünfziger Jahren klassischerweise ihre Romane ansiedelten. Allerdings geht es Perec nicht ums exotische Lokalkolorit; er beschreibt die Stadt gar nicht näher, sondern erwähnt lediglich die Namen der Kneipen und Restaurants, in denen die Hauptfiguren verkehren.

Es geht ja schließlich nicht um den Balkan, sondern um die Liebe, um Mila. Oder nicht? Geht es im Grunde um den Wettkampf mit Branko, der zum Ende hin - erst die letzte Szene spielt tatsächlich in Sarajewo - kriegerische Natur annimmt? Weder noch, könnte man mit dem Abstand von sieben Jahrzehnten behaupten. Es geht darum, wie ein junger Schriftsteller mit verschiedenen Konstellationen, Erzählhaltungen, Textformen experimentiert - nicht, um sich für eine zu entscheiden, sondern um einen Weg ins Offene, um die Einheit in der Vielfalt, kurz: um die erzählerische Freiheit zu finden, für die er mit seinem Werk heute steht wie kaum ein anderer.

Georges Perec: "Das Attentat von Sarajewo".
Aus dem Französischen von Jürgen Ritte.
Diaphanes Verlag, Zürich. 144 Seiten, 20 Euro.

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