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StartseiteBüchermarktAm Abgrund des Schweigens10.03.2020

Georges Perros "Klebebilder"Am Abgrund des Schweigens

Georges Perros ist einer der großen Solitäre der französischen Literatur. Sein opus magnum besteht aus drei lebensprallen Notizheften, die gefüllt sind mit Aphorismen, Beobachtungen, Lektüreeindrücken und Reflexionen. Jetzt sind alle drei Bände auf Deutsch erschienen.

Von Christian Metz

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Der französische Schriftsteller Georges Perros (Marc Foucault)
Der französische Schriftsteller Georges Perros (Marc Foucault)

Manche Bücher schlägt man auf, und hält plötzlich ein gesamtes Leben in seinen Händen. So ein Lebensbuch ist Georges Perros’ achthundertfünfzig Seiten starker Band "Klebebilder", der prall gefüllt ist mit Notizen, Aphorismen, Essays, Maximen und Reflexionen. Nicht nur ein Leben öffnet sich mit diesem Buch, sondern auch eine andere Epoche und ein längst vergangenes Frankreich. Denn die Notizhefte stammen aus den 1970er Jahren und Perros ist nicht nur Protokollant, sondern auch Kind seiner Zeit: im Herzen Existenzialist, schreibt er aus diesem existentialistischen Impetus heraus fasziniert von der eigenen Verletzlichkeit, im direkten Angesicht der Unmöglichkeit, zu leben:

 "Unvorstellbar ist mir der Mensch, der nicht jeden Tag, sei es auch nur für einen Viertelaugenblick, die Leere verspürt, die Unmöglichkeit, zu leben. Dieser Viertelaugenblick ist es, der mich fasziniert. Der mein Leben ausgemacht hat. Dieses Viertel ohne Bezug auf irgendetwas, ohne Erinnerung, ohne Erbe. Weder grausam noch pessimistisch noch für irgendjemanden sonst wahrnehmbar. Eine Art flüchtiger Schmerz, der einen durchzieht wie eine Flugzeug eine Wolke."

Aus dieser viertelaugenblicklichen Begegnung mit dem existentiellen Schmerz entstehen Gedankengänge und Beobachtungen von eindringlicher Tiefe. Perros denkt und fühlt in der Tradition von Hölderlin, Kierkegaard, Heidegger, Sartre einerseits, im Anschluss an die Klassische Moderne eines Valéry und Mallarmé andererseits. Doch es geht noch tiefer in die Geistesgeschichte hinein.

Notiziar und Solitär

Wo also denkt Georges Perros? Nein, nicht in Paris! Vom Hauptstadtgewimmel wendet sich Perros nach kurzer Karriere als Schauspieler ab, um im Jahr 1958 in ein kleines Städtchen in der Bretagne zu ziehen. Dem Meer, der Himmelsweite, den wechselnden Wettern ausgesetzt, wandelt er sich vom applausverwöhnten Mann der Bühne zum stillen Leser und Notiziar.

Schwierig zu beantworten, ob sein Denken dafür verantwortlich ist, dass er die Einsamkeit der Bretagne sucht. Oder ob umgekehrt die Landschaft ihm diese Denkform diktiert.

Sicher ist, dass Perros sich mit seiner Lebens- und Schreibweise in eine bestimmte geisteshistorische Tradition einreiht: Perros kannte Petrarcas "De vitae solitaria", er las Montaigne und wusste von Jean-Jacques Rousseaus "Träumereien eines einsamen Spaziergängers". Wobei Perros neben seinen Alleingängen durch die Schreib- und Küstenlandschaften auch den rasanten Ausflug auf seinem Motorrad schätzte.

Sprachskepsis und Dekonstruktion

Wie Rousseau so ist auch Perros Autodidaktik und  fanatischer Leser. Wie der einst träumende Solitär der Aufklärung ist er ebenso ein überzeugter Skeptiker. Er zweifelt die  Errungenschaften des denkenden Menschen gleichermaßen an, wie seine Sprache."Hat es dir die Sprache verschlagen?", fragt er einmal, um sich selbst zu antworten:

"Wo sollte ich sie verloren, wem sollte ich sie gegeben haben? [...] Wem sollte ich die Sprache anvertraut haben, wenn nicht einem Stummen per excellence, vielleicht um das Schweigen für immer aufzubewahren, den Rand einer jederzeit bedrohten Rede."

Perros arbeitet am Abgrund von Leben und Tod und an dem zwischen Reden und Schweigen. Seine Sprachskepsis ist von grundsätzlichem Charakter. Daher spricht er auch von der "Illusion des Verstehens", der man sich nicht hingeben dürfe.

Diese Kombination aus Existenz- und Sprachskepsis bildet den Ausgangspunkt für alle drei Notizhefte. Sie zeigen ihn als existentialistischen Solitär und als Sprachphilosoph der aufkommenden Dekonstruktion gleichermaßen, der beide Theorien mit den Eindrücken des eigenen Leselebens zu verbinden versteht.

Zwiegespräche mit den Großen der Literatur und Philosophie

Abgründigkeit und Schmerz der Existenz jedoch bilden nur die eine Seite von Perros Schreib- und Lebensform. Auf der anderen Seite stehen eine schalkhafte, dem Tode abgetrotzte Heiterkeit und ein unbändige Lebenslust. Beide Seiten vereint Perros in seiner ihm eigenen Wendigkeit des Gedankens und in der für ihn eigenen chiastischen Struktur seiner Sätze, mit welchen er die Tatsachen des Lebens wie ein changent taft abwechselnd in die eine und in die andere Richtung streicht. Und beide Seiten findet er wieder in der Lektüre von Literatur:

"Die Literatur lieben heißt überzeugt sein, dass es immer wieder einen geschriebenen Satz geben wird, der uns neue Lebensfreude vermittelt, eine Lebensfreude, an der es, wenn wir den Menschen hören, so oft mangelt."

Perros Zwiegespräche mit den Großen der Literatur und Philosophie, mit den Abgründen der Stille und den Klippen der eigenen Existenz begründen seinen literarischen Ruhm. Wobei ihm nicht nur die Lektüre Lebensfreude bereitet, sondern auch der Akt des eigenen Schreibens, die ihm eine, Zitat, "selten euphorische Möglichkeit" eröffnet.

Das größte Euphorie-Vermögen birgt aus seiner Sicht das Gedicht, dessen Eigenschaften er in immer neuen Aphorismen zu bestimmen sucht. Das klingt abstrakt. Doch es sind Perros’ alltägliche Beobachtungen, die den Beginn einer neuen Einfachheit in der französischen Literatur markieren.

Das Leben holt das Schreiben ein, die Literatur das Leben

Zur Publikation waren Perros Einträge ursprünglich nicht gedacht. Im Jahr 1960 ließ  er sich dennoch überreden, eine Auswahl zu publizieren. Der erste Band seiner Notizen erschien unter dem Titel "Klebebilder". Was nicht etwa auf die heute geläufigen Post-its anspielt, sondern auf Max Ernsts Collagen, nach deren Vorbild auch Perros seine Notizen aus Lektüreschnipseln zusammensetzt.

Dieser Arbeitsweise bleibt der notierende Alleingänger treu, ebenso wie dem Ansammeln stets vereinzelter Erkenntnisse. Dennoch vollzieht sich im Übergang vom ersten zum zweiten Heft eine eklatante Veränderung. Das Schreiben öffnet sich von der Auseinandersetzung mit sich selbst zum Gespräch mit einem imaginären Publikum. Das reflektierende Subjekt betritt eine Bühne der Präsentation. Bewegt von dem Wissen, ein Jedermann und doch ganz anders als alle anderen zu sein:

"Man schreibt, weil man wie jedermann ist, und weil jedermann keinem anderen ähnelt."

Leben heißt, um das eigene Sterben wissen

Doch das Schicksal hat für den Jedermann noch eine andere Wendung parat. 1976 erhält Perros die Diagnose: Kehlkopfkrebs. Das Kapitel des dritten Heftes, das von der Operation und Rekonvaleszenz berichtet, trägt den Titel "Zaubertafel". Perros entscheidet sich, nach dem Eingriff einzig mit Hilfe einer Magnettafel zu kommunizieren,  die das Geschriebene jedes Mal wieder löscht.

So wird der Autor, der sich so weit wie möglich an den Abgrund des Unsagbaren herantaste, in seinen letzten Lebensjahren zum Schweigenden, der in neuer, existentieller Weise in die Sprache findet. Perros dritter Notizband erscheint posthum. Der Schriftsteller, von dem in Deutschen bislang nur sein Versroman "Luftschnappen war sein Beruf" erschienen ist, gilt  in der französischen Literatur bis heute als Randfigur. Allerdings als eine Randfigur, die zahlreiche Schriftstellerkollegen tief geprägt hat.

"Leben heißt, um das eigene Sterben wissen. Aber nicht so, dass man gänzlich davon überzeugt wäre",

schrieb George Perros einst. Wer sich vom Sterben nicht überzeugen lassen will, darf sich an die schmerzhaft-schönen Notizhefte halten, die gerade in Anne Webers kongenialer wie feinsinnigen Übersetzung erschienen sind; um so Perros Texturen Faden für Faden ins eigene Leben zu weben.

Georges Perros: "Klebebilder".
Aus dem Französischen und mit Anmerkungen von Anne Weber.
Matthes & Seitz, Berlin, 863 Seiten, 58 Euro.

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