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StartseiteSonntagsspaziergangEin kaukasisches Havanna14.10.2018

Georgiens Hauptstadt TiflisEin kaukasisches Havanna

Verwunschene Innenhöfe, maurische Fassaden, Kirchen und Tempel: Die malerische Altstadt von Tiflis ist geprägt von vielen Stilen. Kein Wunder: In der georgischen Hauptstadt kreuzten sich die verschiedensten Kulturen - und die kaukasische Metropole erfand sich im Laufe der Jahrhunderte immer wieder neu.

Von Martin Gerner

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Gebäudefassaden von Häusern des 19. Jahrhunderts in der Altstadt von Tiflis. (picture alliance / Therin-Weise)
Atmosphärischer Verfall: Manche Bauwerke in Tiflis sind gut erhalten, andere Häuser bröckeln (picture alliance / Therin-Weise)
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Straßenmusiker am U-Bahn-Eingang Marjanischwili, im Zentrum von Tiflis. In Tbilisi, so der georgische Name, hat die U-Bahn für die 1,3 Millionen Bewohner nur zwei Linien. Eine in Nord-Süd, und eine kürzere in Ost-West-Achse. Zur Station geht es steil bergab in die Erde, wie in Moskau. Vierzig Meter tief. Man meint, mit der Rolltreppe in einen riesigen Schacht zu fahren. Sowjetisches Erbe. In der U-Bahn kauert eine Bettlerin. Ein normaler Wochentag. Die Menschen sind vertieft in Gedanken, weniger in Zeitungen. Gesichter in heller und dunklerer Hautfarbe starren auf den Boden. Nach vier Stationen Ausstieg Altstadt. Hier wartet Abo auf mich. Abo Iaschaghaschwili.

Vielfältige kulturelle Einflüsse

"Hier gibt es ein tolles Treppenhaus. Dann werde ich euch die Innenhöfe von Tiflis zeigen. Typische Innenhöfe von Tiflis."

"Was ist das?"

Man spürt die interessante Stimmung. Das ist ein Wohnhaus. Man sieht eine Treppe. Marmor. Reliefs. Eine imposante Tür. Abo ist Stadtführer in Tiflis. Und in der Saison auch Bergführer im Hochland Georgiens. Weil er Autor von Krimis über Tiflis ist, studiert er die Stadt intensiver als Andere.

"Ich bin ein Kind der Revolution. Versuche über die Vielfalt der Kulturen zu schreiben. Die verschiedenen Kulturen, die nebeneinander existierten."

 Weil er Autor von Krimis über Tiflis ist, studiert er die Stadt intensiver als Andere.

"Georgien liegt an einer Kreuzung von Kulturen. Viele Länder haben versucht, hier Fuß zu fassen. Große Imperien auch. Bis heute geht dieser Prozess leider so. Wir haben über die Perser und Georgier gesprochen. Der alte Name von Persien ist Parthien gewesen. Die haben die Kriege mit den Römern geführt. Die Römer haben in West-Georgien Fuß gefasst. Die Perser in Ost-Georgien. Anfangs die Araber. Danach haben die Perser das weiter in Ost-Georgien gemacht. Tiflis haben die Araber im siebten Jahrhundert erobert. Über vier Jahrhunderte regierten die arabischen Emire in Georgien, in Tiflis genauer gesagt."

Abo heißt eigentlich Dimitri. Der Künstlername ist dem Arabischen entlehnt. Auch das scheint bezeichnend.

"Tiflis ist immer eine internationale Stadt gewesen. Bis heute spürt man diese Atmosphäre. Wir werden gleich auch in die Innenhöfe reinschauen. Ich werde sie dir zeigen. Bis heute wohnen dort Georgier, Armenier, Aserbaidschaner, die Polen, die Juden, die Kurden, die Jesiden. Das sind auch Kurden, aber anderer Religion. Die Assyrier. Die Russen. Es ist immer eine multikulturelle Gesellschaft hier gewesen. Hier findet man die Moscheen, die Kirchen, armenische und katholische Kathedralen. Diese Vielfältigkeit gehört immer zur Stadt. Und ich freue mich darüber. Ich pflege den Kontakt zu diesen Gemeinden hier."

Eine Stadt erfindet sich ständig neu

Vom multi-ethnischen Charakter erzählt auch Ana, eine Autoren-Kollegin von Abo. In Tiflis aufgewachsen, hat sie früh einen deutschen Kindergarten besucht. Ana Kordsaia.

"Ich bin in Alt-Tiflis geboren und dort aufgewachsen. In meinem Hof waren wir zwei georgische Familien. Es gab eine kurdische Familie und Jesiden in unserem Hof. Unsere Jesiden hatten einen Spruch: 'Gott segne unsere Kinder und alle anderen 14 Völker der Welt.' Und jedes Mal, von Jahr zu Jahr, gab es ein Gebrüll, wer diese 14 Völker sind. In unserem Hof gab es Georgier, Juden, Ukrainer, Armenier, Kurden und einen Herrn Kurpel, einen Deutschen."

Tiflis, gegründet im vierten Jahrhundert nach Christus, wurde vierzig Mal erobert, so Geschichtsbücher. Ständig hat es sich dabei neu erfunden, erweitert und gewandelt. Abo Iaschaghaschwili:

"Hier sind typische Innenhöfe von Tiflis, mit Treppenhäusern. Das ist eine ganz tolle Straße hier. Das Viertel heißt Sololaki. Auch hier fühlt man die alten arabischen Spuren. Der Begriff Soloaki stammt vom arabischen Sulo lakh. Das sollt eine Grube für die Bewässerung heißen. Früher gab es hier sehr viel königliche Gärten. Im siebten, achten Jahrhundert ist dieser Begriff entstanden."

Ein Wandgemälde an einem alten Haus in der Altstadt von Tiflis. (picture alliance / Therin-Weise)Lange Zeit war Tiflis orientalisch geprägt - die Spuren davon sind noch überall zu sehen (picture alliance / Therin-Weise)

Arabische Herrscher haben die Wasserquellen früh als Schwefelbäder genutzt. Sololaki beherbergt heute ein knappes Dutzend davon. Der Besuch lohnt sich. Man trifft, auch für kleines Geld, auf beleibte Bademeister mit kräftiger Stimme Handtuch um den Bauch. Und im Hamam auf Weltreisende, die einem ost-westlichen Diwan alle Ehre machen. Mehr als die Araber haben persische Eroberer vom Mittelalter bis ins 18. Jahrhundert Tiflis ihren Stempel aufgedrückt, Alltag und georgische Kultur geprägt. Abo Iaschaghaschwili:

"Man sieht das in der Architektur, in der Dichtung und in der Tracht. Sogar in der Küche findet man den Einfluss: Die Könige haben nach persischer Art Gedichte geschrieben. Die persische Sprache ist sehr wohlklingend. Bis heute findet man dies in der georgischen Hochsprache."

Christlicher Glaube, orientalische Prägung

Zehntausende Georgier wurden im Mittelalter von persischen Herrschern verschleppt, um das Harem des Königs zu bereichern. Georgische Söldner stellten die Kerntruppe des persischen Heeres, bis nach Afghanistan. Nicht zuletzt deshalb finden die Georgier bis heute im Christentum Wurzel und Halt. Abo Iaschaghaschwili:

"Ich selbst bin europäisch aufgewachsen. Georgien ist auch ein christliches Land. Schon die Apostel haben hier das Christentum gepredigt. Und das Christentum ist bis heute ein Merkmal europäischer Länder gewesen." Ein kurzer Abstecher deshalb auf den heiligen Berg Mtazminda, oberhalb von Sololaki. Hier steht, steil am Hang, die Sankt Dawit Kirche, benannt nach Dawit dem Erbauer, der Georgien von den seldschukischen Türken befreite und die Hauptstadt nach Tiflis verlegte. Bei laufender Messe dürfen wir auf der Empore dem Sankt Dawits Chor lauschen. Die georgische Mehrstimmigkeit, also der Gesang, ist ein Unesco-Weltkulturerbe. Übertriebene Selbstkontrolle, sagt man, ist den meisten Georgiern beim Singen fremd. Daraus speist sich die Tiefe des Gesangs. Erneuter Abstieg nach Sololaki. Bestimmte Bauwerke sind gut erhalten. Andere Häuser bröckeln. In der Sommerhitze erinnern sie an eine Art kaukasisches Havanna. Abo Iaschaghaschwili:

"Dieser Stil heißt pseudo-maurischer Stil. Das ist die Zeit zwischen Ende des 19. und dem Anfang des 20. Jahrhunderts. Hier gibt es ein ganz tolles Treppenhaus, wir werden reinschauen. Das sind auch persische Einflüsse. Obwohl es zur europäischen Architektur zählt. Das andere Gebäude daneben ist die alte Botschaft von Österreich-Ungarn gewesen. Die Österreicher haben das gesamte persische Heer mit Material und Kanonen ausgestattet. So begründet sich ihr Einfluss hier in Tiflis, das auf dem Weg in den Iran lag."

Anfang des 19. Jahrhunderts ist Tiflis noch deutlich orientalisch geprägt. Mit einer Mehrheit an Armeniern, wie bei Alexander Puschkin und Alexandre Dumas nachzulesen. Mit der Gründerzeit, um 1860, beschleunigt sich die Urbanisierung. Bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs gibt es 150 Hochschulen und Lehranstalten, fünf Theater, acht Kinos, 37 Hotels, zehn Bibliotheken, 68 orthodoxe und armenisch-gregorianische Kirchen, Synagogen und Moscheen. Und 1904 die erste Straßenbahn.

Eine deutsche Gemeinde

Predigt in der Ashkenazi-Synagoge, einem der beiden jüdischen Gotteshäuser. Hier versammeln sich bis heute Gläubige. Die blaue Moschee in Sololaki dagegen ist ein Trugbild. Hinter der Fassade versteckt sich ein Thermalbad. Abo Iaschaghaschwili:

"Das ist auch ein ganz tolles Haus. Man nennt es Pseudo-Renaissance. Man sieht bis heute den Namen des Inhabers am Namen. Und hier steht: 'Stellen Sie hier keine Autos ab'. Und das das ist die alte deutsche Botschaft gewesen. Anfang des 20. Jahrhunderts residierte hier der deutsche Botschafter. Es ist ein bisschen beschädigt. Wir kennen den Namen des Botschafters und seine Geschichte. Es ist Graf von der Schulenburg. Er hat am berühmten Komplott gegen Hitler teilgenommen."

Es gab auch die Deutsche Gemeinde in Tiflis. Seit 1817. Da siedelten die schwäbischen Kolonisten hier. Sie wollten nach Palästina ziehen, ursprünglich. Es waren Pietisten. Die hatten religiöse Gründe. Dann haben sie entschieden, hier im Kaukasus zu bleiben, nicht weit vom Berg Ararat. In Tiflis haben sie zwei Siedlungen gegründet. Neu-Tiflis und Alexander-Dorf. Man sieht die Spuren dieser Siedlungen immer noch. Leider wurden sie im Zweiten Weltkrieg umgesiedelt und ihre Geschichte wurde abgebrochen. Man hat sie nach Kazachstan und Sibirien gebracht."

Ansicht von Tiflis bei Sonnenaufgang. (picture alliance / Zurab Kurtsikidze)Tiflis - seit Jahrhunderten eine internationale Stadt (picture alliance / Zurab Kurtsikidze)

Anfangs religiös motiviert, hat deutsche Migration nach Georgien später vor allem wirtschaftliche Gründe. Mit allerlei Symbiosen: Abo Iaschaghaschwili:

"Die Deutschen haben uns gelehrt, die Weinfässer zu machen. Sie brachten die Kyffereien-Kultur mit. Seitdem können wir den Wein in den großen Barrique-Fässern machen und transportieren. 7.00 Georgien ist ein Weinland. Seit 6.000 Jahren gibt es die Kultur hier. Die Archäologen haben die Körner, Samen und Blätter aus der Zeit entdeckt. Wir wussten vorher nicht diese Fässer zu machen, wir hatten Tonkrüge verwendet und für den Transport Schläuche aus Leder."

Nach 1941 verschwindet alles Deutsche

Der georgische Wein: Viel dreht sich um ihn im Alltag, in Literatur und Mythologie. Abo Iaschaghaschwili:

"Noch über die Innenhöfe: Man sieht hier überall die Weinrebe. Das ist typisch. Hier keltert praktisch jeder seinen eigenen Wein. Im Herbst. Nicht jeder hat seinen Weinberg. In dem Fall kauft man auf dem Basar Trauben. Und keltert im Innenhof, im Keller oder auf dem Balkon. Ich mache das auch gerne. Das ist auch ein Teil der Kultur, des Landes hier."

"1870, das ist eine interessante Zeit für die Stadt. Viele Architekten zogen hierher und versuchten etwas Schönes zu bauen."

Zur Jahrhundertwende prägen deutsche Architekten das Bild der Stadt an der Mtkwari. Und Ingenieure mit klangvollem Namen: Abo Iaschaghaschwili:

"Hier wohnten die Brüder von Siemens. Sie haben hier eine Firma gegründet. Sie haben Kabel von Persien bis zum Schwarzen Meer verlegt. Sie sind sogar in Tiflis begraben. Der eine ist Otto von Siemens gewesen. Ich habe über die deutschen Siedler erzählt, die nach Tiflis kamen. Saltzman ist einer von ihnen. Er studierte Architektur, hat sehr interessante Häuser in Tiflis gebaut. Er hat versucht, den europäischen Stil mit dem georgischen Stil zu mischen. Hier, diese Schmuckdetails. Er hat sie von georgischen Kirchen gesammelt und als Außen-Dekor verwendet."

Im Oktober 1941 dekretiert Stalin nach dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion die Deportation aller Deutschen nach Osten. Deutsche Schulen, Germanistik-Unterricht an der Uni, die deutsche Sprache - alles verschwindet aus dem Alltag. Oberhalb von Sololaki, am Friedensplatz, mit der goldenen Statue des heiligen Sankt Georg, erneut Straßenmusik. Europa-Fahnen flattern im Wind. Man meint, Georgien sei bereits in der EU. Ein Wunschtraum. Zwar herrscht seit nun Visa-Freiheit für drei Monate. Aber viel mehr ist nicht in Sicht. Taucht man in die Seitenstraßen ab, wird klar, wie sehr die Bausubstanz von Tiflis leidet. Und bald unweigerlich zerstört ist, wenn nicht etwas geschieht. Abo Iaschaghaschwili:

"Jetzt hat man angefangen mit der Renovierung der Altstadt. Das Projekt heißt Neu-Tiflis. Das Grundproblem ist das Grundwasser. Das bleibt in den Kellern der Häuser. Es kommt von den Bergen runter. Früher ist es frei zum Fluss geflossen. Aber zu sowjetischer Zeit hat man den Fluss eingemauert. Und das Wasser von den Bergen konnte nicht mehr durch die Mauern sickern, frei fließen. Es hat sich gestaut in den Häusern und Kellern. Deshalb sieht man viele Häuser in der Altstadt die mit krummen Mauern stehen und verfallen. Die Stadt braucht viel Geld um sie auszutrocknen. Unsummen. Die Stadt hat angefangen mit kleinen Schritten. Aber der Geist der Häuser ist nicht mehr der Gleiche."

Die Gentrifizierung hat schon begonnen

Hochhäuser und allerlei Investoren verändern, ja verschandeln seit Jüngstem die Skyline von Tiflis. Die unabwendbare Nebenfolge: Gentrifizierung, auch hier. Abo Iaschaghaschwili:

"Oh mein Gott. Die haben das schon zu gemacht. Es ist neu für mich, diese Gerüste zu sehen. Man hat hier angefangen, hier zu renovieren. Das ist alles Wendezeit, Anfang des Jahrhunderts. Und hoffentlich gut. Ich habe das Projekt 'Neu-Tiflis' erwähnt. Es handelt sich um die Treppenhäuser. Und wahrscheinlich im Rahmen dieses Projektes hat man hier angefangen, so etwas zu machen. Es ist die letzte Möglichkeit, diesen alten Bilder zu sehen.

Hier sieht man diese typische Treppenhäuser, die Ornamente. Es ist teilweise sehr beschädigt. In ein paar Jahren werden wir keine Möglichkeit mehr haben, in solche Treppenhäuser rein zu gehen. Wir haben über die Gentrifizierung gesprochen. Dann werden hier wohl andere Inhaber wohnen. Sie werden die Tür schließen und es wird schwer sein, hier reinzukommen. Jetzt können wir noch einmal die Gelegenheit nutzen, reinzugehen und zu schauen, wie die Leute hier gewohnt haben.

Nach kurzer Zeit strebe ich immer zurück nach Tiflis. Ich fühle mich sehr froh. Ich mag es sehr hier."

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