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StartseiteCampus & Karriere"Die sich verändernde Gesellschaft macht Weiterbildung notwendig"14.01.2016

Geplante Novelle des Meister-BAföG"Die sich verändernde Gesellschaft macht Weiterbildung notwendig"

Ihre Partei würde die Reform des Meister-BAföGs ausdrücklich begrüßen, sagte die Ausbildungsexpertin der Grünen Beate Walter-Rosenheimer im DLF. Dadurch würden überfällige Anpassungen vollzogen. Doch sei auch zu kritisieren, dass es selbst damit noch immer nicht offen genug sei. Es würden immer noch viele Menschen nicht berücksichtigt.

Beate Walter-Rosenheimer im Gespräch Benedikt Schulz

Symbolbild/ Metallbau: Ein Metallarbeiter arbeitet mit einer Metallfeile (Foto vom 08.02.2012). Foto: Horst Ossinger dpa (picture alliance / dpa / Horst Ossinger)
Die betriebliche Weiterbildung in Deutschland funktioniert eigentlich ganz gut, sagte Beate Walter-Rosenheimer im DLF. (picture alliance / dpa / Horst Ossinger)
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Benedikt Schulz: Weiterbildung, das ist definitiv ein Schlüsselwort, wenn es um die Zukunft der Arbeitswelt geht. Und das ist auch einleuchtend, denn wenn allerorten von Fachkräftemangel gesprochen wird, liegt es ja auf der Hand, die vorhandenen Arbeitnehmer weiter zu qualifizieren. Also: Weiterbildung ist der Schlüssel. Nur ist Weiterbildung selten kostenlos. Zeit und Geld müssen investiert werden, und da wird es bei vielen schwierig. Es gibt seit Mitte der 90er-Jahre dafür das Aufstiegsfortbildungsförderungsgesetz, besser bekannt als Meister-Bafög. Und das soll jetzt, wenn es nach Bundesbildungsministerin Johanna Wanka geht, verbessert werden. Heute wurde der Entwurf der Regierung im Bundestag beraten. Weiterbildung soll damit leichter möglich werden. Nur: Das wird nicht passieren, meinen zumindest die Grünen. Ausbildungsexpertin der Grünen im Bundestag ist Beate Walter-Rosenheimer. Mit ihr habe ich vor dieser Sendung gesprochen. Meine erste Frage: Laut Entwurf der Bundesregierung soll der Höchstsatz für den Unterhaltsbetrag in Zukunft steigen, und zwar um rund 70 Euro monatlich, und der Höchstsatz für Prüfungs- und Kursgebühren steigt von gut 10.000 auf 15.000 Euro. Wo soll denn da der Haken sein?

Beate Walter-Rosenheimer: Wir sehen keinen Haken an den Verbesserungen, das kann ich jetzt gleich mal klarstellen. Wir haben heute auch im Plenum ganz klar begrüßt, dass diese Veränderungen kommen, dass es diese Reformen gibt. Die sich verändernde Gesellschaft macht ja Weiterbildung dringend notwendig, und es ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die wir zu bewältigen haben. Und wir begrüßen ausdrücklich, dass jetzt das Meister-BAföG geöffnet worden ist und dass da überfällige Anpassungen vollzogen worden sind. Wir kritisieren, dass es nicht offen genug ist und dass es eben viele Menschen gibt, vor allem sozial schwächer gestellte, Frauen, Menschen mit Migrationshintergrund, die da zurückbleiben nach wie vor. Wir würden uns wünschen, dass das ausgeweitet wird. Wir haben ein Konzept vorgelegt, "Weiterbildung plus", "Weiterbildungszeit plus" von den Grünen, wo wir eben all diese Menschen auch mit drin haben wollen. Also es geht uns gar nicht so darum, zu sagen, das, was gemacht worden ist, ist schlecht. Das ist gut, aber es geht nicht weit genug.

Schulz: Sie fordern einen, ich zitiere das jetzt mal aus Ihrem Antrag, aus Ihrem Konzept, einen "sozial gestaffelten, individuellen Mix aus Zuschuss und Darlehen". Den haben wir ja, genau genommen, jetzt schon. Was wollen Sie anders haben?

Walter-Rosenheimer: Wir möchten eben, dass es eben auch für Menschen gilt, die jetzt ausgeschlossen sind. Wir wissen aus vielen Statistiken und Erhebungen, dass es eben besonders zum Beispiel Menschen sind, die gering qualifiziert sind, die eben keinen Meister haben, die nicht Studienabbrecher sind. Es sind sehr oft Menschen mit Migrationshintergrund, es sind sehr viele Frauen, die in typischen Frauenberufen sind, und da sehr viele Alleinerziehende. Die sind bisher einfach nicht in dieser Förderung. Und wir möchten, dass die mit einem besonderen Zuschnitt von Zuschuss und Darlehen eben künftig auch da aufgenommen werden können und eine Chance haben, sich Weiterbildung leisten zu können, denn die sind es, die teilweise nicht die Zeit haben - deswegen möchten wir da auch Arbeitsreduktion mit dem Recht auf Rückkehr in den Umfang der Arbeitszeit, wie er vorher war, und eben diese Staffelung, dass die Menschen eben auch teilhaben können, wenn sie nicht das Geld haben, das selbst zahlen zu können, und auch nicht an einer betrieblichen Weiterbildung teilnehmen können.

"Es fallen Arbeitsplätze weg, es kommen auch ganz viele neue Berufsbilder ja hinzu"

Schulz: Weiterbildung macht nicht in jedem Job, in jeder Branche gleichermaßen Sinn. Was machen Sie denn mit denjenigen, deren Arbeitsplätze durch die Digitalisierung der Arbeitswelt zum Beispiel langfristig wegfallen werden?

Walter-Rosenheimer: Das ist natürlich ein Thema, mit dem wir uns befassen müssen, aber das ist ja genau das Thema, dass eben heute es nicht mehr so ist, dass Sie mit 17 einen Beruf lernen und dann das ganze Leben darin bleiben. Es fallen Arbeitsplätze weg, es kommen auch ganz viele neue Berufsbilder ja hinzu. Und genau da ist ja eigentlich die Chance, dass Menschen dann umsteigen können und dass man es auch zeitlich nicht begrenzt, dass man nicht sagt, okay, da und da ist Schluss. Die meisten Menschen, die heute so eine Fort- oder Weiterbildung machen, sind unter 35 Jahre alt. Auch das würden wir gern auflösen, dass wir sagen, es müssen gerade auch Menschen, die einige Zeit in einem bestimmten Beruf waren, den es vielleicht nicht mehr gibt, die man dort nicht mehr brauchen kann, dass die die Möglichkeit haben, auch noch mal umzusteigen.

"Betriebliche Weiterbildung funktioniert in Deutschland eigentlich ganz gut"

Schulz: Jetzt ist es so, dass von fortgebildeten Arbeitskräften ja nicht zuletzt die Unternehmen selbst profitieren. Viele Unternehmen halten sich mit ihrem Engagement in Sachen Weiterbildung aber, ich sage mal, eher zurück. Muss man nicht eigentlich einen finanziellen Beitrag vonseiten der Arbeitgeber da fordern, was die Weiterbildung angeht?

Walter-Rosenheimer: Ich glaube, dass insgesamt, wie wir das wissen, die betriebliche Weiterbildung in Deutschland eigentlich ganz gut funktioniert, dass es vor allem schwierig ist für die Menschen, die nicht in einem Betrieb sind, wo das passiert, die dann selbst dafür sorgen müssen. Wir haben jetzt darüber nicht verhandelt. Ob wir da von den Betrieben was fordern, das kann ja auch irgendwie kontraproduktiv sein, da zu sagen, ihr müsst das zahlen, weil man genau hinschauen muss, was für ein Betrieb ist es denn. Es ist ja schon ein Unterschied, ob ich eine richtig große Firma habe, ein großes Unternehmen, die das sich leisten können, oder ob ich den kleinen Handwerksbetrieb habe, der eben irgendwie gerade so über die Runden kommt. Ich glaube, da muss man schon individuell auch schauen und kann sicher nicht einfach irgendeinen Hut überstülpen.

Schulz: Und was ist mit sogenannten atypischen Verhältnissen? Diejenigen, die in solchen Arbeitsverhältnissen sind, die sind ja gewissermaßen doppelt gelackmeiert. Einmal, weil sie in einem atypischen Verhältnis sind, und b) weil sie sozusagen per se keine Möglichkeit zur betrieblichen Weiterbildung haben. Was ist denn mit denen? Wie soll man denen helfen?

Walter-Rosenheimer: Tja. Das ist eine sehr gute Frage. Da muss man auch da natürlich sehen individuell, was die Menschen vorhaben, wo die gern hinmöchten, und ihnen die Möglichkeiten zur Verfügung stellen. Ich weiß nicht – wenn Sie mir mal ein Beispiel jetzt nennen würden? Mir fällt jetzt gerade keines ein.

"Man muss nicht so kleinteilig bleiben, wie es jetzt ist mit diesem sehr deutschen Ansatz"

Schulz: Jemand, der in einem Unternehmen als Zeitarbeiter beschäftigt ist.

Walter-Rosenheimer: Genau das ist ja etwas, was wir generell kritisieren. Und diese Menschen haben natürlich ganz andere Schwierigkeiten. Da kümmert sich ja auch bis heute niemand darum, zu sagen, okay, was wird aus denen. Und das ist ja genau das, was wir wollen, dass eben auch diese Menschen aufgenommen werden. Und ich denke schon, dass man da einen Weg finden kann, dass auch mit in einen großen Rahmen, mit in ein Weiterbildungsgesetz aufzunehmen. Und dass man eben nicht da so kleinteilig bleiben muss, wie es jetzt ist mit diesem sehr deutschen Ansatz, dass eben wir dieses duale System haben, das natürlich sehr gut ist, und dann haben wir einen Meister, und dann können wir uns weiter nach oben entwickeln und entfalten, sondern dass es eben auch Menschen gibt, die nicht so genau in dieses System passen. Und genau denen wollen wir helfen.

Schulz: Über die geplante Novelle des Meister-BAföG habe ich gesprochen mit Beate Walter-Rosenheimer, Ausbildungsexpertin der Grünen im Bundestag.

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