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StartseiteKommentare und Themen der WocheStrikte Tierschutz-Regeln statt wirkungslose Label07.03.2021

Geplantes TierwohlkennzeichenStrikte Tierschutz-Regeln statt wirkungslose Label

Julia Klöckners (CDU) geplantes vierstufiges Tierwohllabel sei der falsche Weg, kommentiert Alois Berger. Wer die Landwirtschaftspolitik vom Kopf auf die Füße stellen wolle, müsse woanders anfangen - nämlich bei einem weitgehenden Verbot von Antibiotika in der Tierzucht.

Ein Kommentar von Alois Berger

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Masthähnchen in Niedersachsen (picture alliance / dpa | Sonja von Brethorst)
Masthähnchen wachsen in Deutschland teilweise unter sehr ungesunden Bedingungen heran (picture alliance / dpa | Sonja von Brethorst)
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Wir müssen die Bauern endlich wieder ernst nehmen. Gute Landwirte wissen, wie man Tiere so hält, dass sie sich wohl fühlen und gesund bleiben. Das Tierwohl-Label der Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner ist der falsche Weg.

Ob in einem Stall 40.000 Hühner sechs Wochen lang im eigenen Kot stehen, oder doch nur 36.000 Hühner, das macht es nun wirklich nicht aus. Und dass darüber auch noch der Verbraucher entscheiden soll, das ist schon fast eine Bankrott-Erklärung der Agrarministerin.

Es braucht klare Vorschriften

Das kann nicht funktionieren und das darf auch nicht funktionieren. Einige Supermärkte haben längst eigene Tierwohllabel. Die Ergebnisse sind niederschmetternd. So gut wie niemand gibt freiwillig mehr Geld für ein Stück Fleisch aus, das nicht anders aussieht und nicht anders schmeckt als das billigere Schnitzel gleich daneben. Wer im Supermarkt vor dem Fleischregal steht, der fühlt sich nun mal nicht dafür verantwortlich, wie der Bauer mit seinen Tieren umgeht. Und er ist auch nicht dafür verantwortlich.

Tierschutz geht uns alle an. Tierschutz ist eine gesellschaftliche Aufgabe, dafür muss es klare Vorschriften geben. Es kann nicht sein, dass das Tierwohl nur von denen festgelegt wird, die viel Fleisch essen.

Das Wichtigste kommt zudem in Klöckners Tierschutzlabel gar nicht vor: Wie viel Antibiotika haben die Tiere bekommen? Wer gelegentlich in Mastbetrieben ist, der weiß: Je mehr Antibiotika in so einem Stall verfüttert werden, desto schlechter geht es den Tieren dort.

Man kann diesen Satz auch umdrehen, um ihn besser zu verstehen. Je schlimmer es den Tieren geht, desto mehr Antibiotika sind nötig, damit die Tiere bis zum Schlachthof durchhalten. 670 Tonnen Antibiotika werden jedes Jahr in deutschen Bauernhöfen verfüttert. Das ist mehr, als in allen Krankenhäusern und Arztpraxen zusammen verschrieben wird.

Das lässt nicht nur Schlimmes befürchten für Hühner und Schweine, das ist auch schlimm für unsere Gesundheit. Jede Antibiotika-Gabe, egal ob bei Mensch oder Tier, fördert die Entstehung von resistenten Keimen. Die Antibiotika wirken dann nicht mehr. Schon jetzt sterben jedes Jahr Tausende an multiresistenten Keinen. Ein Teil dieser Keime kommt aus der Landwirtschaft.

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Reserveantibiotika in Ställen

Vor allem in Geflügelbetrieben werden selbst Reserveantibiotika eingesetzt – Reserveantibiotika, die in Krankenhäusern für die schweren Fälle aufgespart werden. Reserveantibiotika, damit die Hühnerbrust billig bleibt.

Tierschutz ist längst auch Gesundheitsschutz. Viel zu lange haben unsere Agrarminister zugeschaut, wie immer größere Teile der Landwirtschaft in eine seltsame Verantwortungslosigkeit abgedriftet sind.

Wer einen Stall für 40.000 Hühner baut, der setzt von vornherein auf den Missbrauch von Medikamenten. Wenn ein einziges Huhn krank ist, bekommen 40.000 Hühner fünf Tage lang Antibiotika ins Trinkwasser. So funktioniert Massentierhaltung. Die Agrarbehörden haben diese Ställe nicht nur genehmigt, sie haben sie mit Steuermitteln auch noch gefördert.

Wer die Landwirtschaftspolitik vom Kopf auf die Füße stellen will, der muss mit einem weitgehenden Verbot von Antibiotika anfangen. Das geht, in Dänemark, einem der größten Exporteure von Schweinefleisch, sind viele Antibiotika längst verboten. Auch in Deutschland gibt es Bauern, die ohne auskommen. Das kostet mehr Platz, mehr Betreuung, mehr Sorgfalt und den Einsatz des gesamten bäuerlichen Wissens. Da geht es nicht um ein paar Zentimeter mehr, da geht es um ein Gespür dafür, was Tiere gesund hält und was sie krank macht. Dafür brauchen wir die Bauern. Weil sie sich mit Tieren auskennen. Medikamente ins Futter kippen, das kann jeder.

Mast ohne Antibiotika ist möglich, kostet aber

Tiermast ohne Antibiotika ist möglich, aber schwierig, weil solche Höfe mit den Billigpreisen der Agrarfabriken nicht mithalten können. Die niedrigen Fleischpreise, die der Bauernverband so oft beklagt, sie haben nur wenig mit der Geschäftspolitik der Discounter oder dem Geiz der Verbraucher zu tun. Deutsches Fleisch ist so billig, weil es Agrarfabriken gibt, die mit Hilfe von Antibiotika zu diesen Preisen rentabel produzieren können. Solange sich daran nichts ändert, wird Deutschland das Billigfleischland Europas bleiben.

Fleisch, das ohne Antibiotika hergestellt wird, kostet an der Theke 30 bis 40 Prozent mehr. Doch weil die Tiere anders gehalten werden, hat das Fleisch auch eine andere Qualität. Marktforscher sagen, dass viele Verbraucher bereit wären, dafür mehr Geld auszugeben.

Doch ein Verbot oder auch nur eine ernsthafte Einschränkung von Antibiotika ist von Julia Klöckner nicht zu erwarten. Aber vielleicht könnte sie mit einem Label anfangen, das Sinn macht, ein Label, auf dem klipp und klar steht: Dieses Fleisch wurde mit Hilfe von Antibiotika hergestellt, das schadet unserer Gesundheit. Oder eben: Dieses Fleisch wurde ohne Antibiotika hergestellt. Das wäre dann ein echtes Tierwohllabel, und nicht bloß eine Nebelkerze.

Alois Berger (privat)Alois Berger (privat)Alois Berger, gelernter Elektroniker, studierte Politik, Wirtschaft und Philosophie in Deutschland, Frankreich und den Philippinen und absolvierte die Deutsche Journalistenschule in München. Er arbeitete als Radioredakteur, Moderator und Reporter in Berlin, damals West- und Ost-Berlin. Danach fast 20 Jahre EU-Korrespondent in Brüssel für Zeitungen, Radio und Fernsehen. Seit fünf Jahren im Rheinland, hier macht er Dokumentarfilme für ARTE, Kommentare, Kolumnen und Hintergrundberichte für Deutschlandfunk und Deutschlandradio Kultur. Lebenserfahrung: verheiratet, zwei erwachsene Kinder.

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