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StartseiteHintergrundGeradlinig und unbestechlich26.07.2005

Geradlinig und unbestechlich

Die Terror-Organisation Hamas wird zur politischen Kraft

Auf palästinensischer Seite ist es die islamistische Hamas, die Gewalt sät und erntet. Doch das ist nicht der Hauptgrund für den großen Rückhalt, den sie in der Bevölkerung genießt. Hamas gebärdet sich als soziale Bewegung – und ist überall dort präsent, wo die offizielle Politik versagt. Damit genießt sie weit mehr Vertrauen als die korrupten Eliten um Präsident Abbas.

Von Carsten Kühntopp

Palästinensische Unterstützer der Terror-Organisation Hamas demonstrieren in Gaza-Stadt. (AP)
Palästinensische Unterstützer der Terror-Organisation Hamas demonstrieren in Gaza-Stadt. (AP)
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Januar 2004 in Jerusalem: Ein Palästinenser hat sich an Bord eines Stadtbusses in die Luft gesprengt, elf Menschen kommen ums Leben. Den Attentäter geschickt hat Hamas, die "Islamische Widerstandsbewegung". Seit ihrer Gründung 1987 bis jetzt hat Hamas das Leben hunderter Israelis auf dem Gewissen. Nun drängt es die Islamisten in den palästinensischen Gebieten an die Macht. Hamas wird zu einer politischen Kraft.

Beit Hanoun, ein Ort im Norden des Gaza-Streifens. Jeden Tag und rund um die Uhr kreist eine israelische Aufklärungsdrohne über der Stadt. Abu Mohammed, ein alter Mann in einem weißen Gewand mit einer Keffiye auf dem Kopf, schaut über sein Grundstück hinter dem Haus. Eintausend Zitrusbäume standen hier - bis letzten Oktober; da kamen israelische Soldaten und rodeten den ganzen Hain. Einige Monate zuvor hatten die Israelis bereits eine andere Plantage von Abu Mohammed zerstört. Der alte Mann schüttelt den Kopf.

Früher brachten ihm seine Plantagen ein Einkommen von 20.000 Dinar ein, erzählt er, 20 Menschen konnte er davon ernähren. Doch jetzt besitzt Abu Mohammed nichts mehr. Nur wenige Orte im Gaza-Streifen haben so unter den Strafaktionen der israelischen Armee gelitten, wie Beit Hanoun mit seinen 40.000 Einwohnern. Um zu verhindern, dass Guerillakämpfer der Hamas-Bewegung die Oliven- und Zitrushaine der Stadt als Versteck benutzen, um dann selbstgebaute Raketen Richtung Israel zu schießen, deswegen zerstörte die Armee einen großen Teil der Plantagen. Das blieb nicht ohne Folgen, meint der Sohn von Abu Mohammed, Mohammed Abdel-Aziz:

"Es führte zu noch mehr Hass auf die Besatzung, und die Menschen brauchen jetzt soziale Unterstützung."

Eine Unterstützung, die häufig von der islamischen Wohlfahrt kommt, und so manch ein Bürger der Stadt dürfte sich auch an der Wahlurne bei der Hamas-Bewegung dafür bedankt haben: Bei der Kommunalwahl Anfang Mai konnte Hamas in Beit Hanoun einen überwältigenden Sieg erringen. Von elf Sitzen im Stadtrat gingen neun an Hamas; die Fatach-Bewegung von Palästinenserpräsident Machmud Abbas konnte kein einziges Mandat erringen. Haben die Menschen von Beit Hanoun also aus Zorn auf Israel Hamas gewählt? Abdel-Aziz sagt nein:

"Jeder hat hier seine Gefühle, und man möchte sie eigentlich nicht laut sagen, aber: Die Widerstandskämpfer haben eine wichtige Rolle bei dieser ganzen Zerstörung gespielt. Man muss sagen, dass diese Widerstandsaktionen letztlich nichts gebracht haben."

Die Menschen hätten weniger für Hamas, als vielmehr gegen Fatach gestimmt, so Abdel-Aziz - aus Protest gegen die Korruption und Misswirtschaft in der Palästinenserbehörde.

Im Amtszimmer des neugewählten Bürgermeisters von Beit Hanoun, Mohammed el-Kafarna. In der Ecke Ständer mit gewaltigen Bouquets aus schwülstig-bunten Plastikblumen, Gratulanten schenkten die zur Amtseinführung, an der Wand ein Ganzkörper-Portrait von Yassir Arafat, dem einstigen Erzfeind der Hamas; offenbar hat sich el-Kafarna bisher nicht getraut, das Bild des Verstorbenen abzuhängen. El-Kafarna, 39 Jahre alt, früher Universitätsdozent, Vater von neun Kindern, ist ein Mann, der - bis auf seinen Bart - so gar nichts von einem radikalen Islamisten hat. Er ist unorientalisch-unterkühlt und spricht in nüchternen, klaren Sätzen. Gebeten, den Schaden zu schildern, den Beit Hanoun in vier Jahren Intifada erlitten hat, schaut er in den Laptop auf seinem Schreibtisch:

"Da haben wir eine Statistik im Computer angelegt", sagt el-Kafarna und liest sie vor: "Schäden an Brücken und Straßen: 740.000 Dollar, Schäden an privaten Wohnhäusern: 4,5 Millionen Dollar, Schäden an Plantagen: 1,9 Millionen Dollar, und so weiter."

"Der Gesamtverlust für Beit Hanoun beträgt 86 Millionen Dollar. Dazu kommen 72 Märtyrer und 200 Verletzte."

Mehr als die Hälfte der Felder und Haine sind zerstört, die Arbeitslosigkeit liegt bei 80 Prozent. Wunder hat auch Mohammed el-Kafarna, der neue Bürgermeister von der Hamas, bislang nicht bewirkt. Die Liste seiner bisherigen Taten hört sich bescheiden an:

"Im Bereich Erziehung haben wir einen Bus organisiert, der die Schüler vom Stadtrand abholt und in die Schule fährt. Außerdem haben wir zweitausend Schuluniformen an die Kinder der Grundschulen verteilt."

El-Kafarnas Wähler wissen: Die Probleme der Stadt sind zu groß, als dass der Bürgermeister sie allein lösen könnte; doch die Menschen hoffen, dass der Stil im Rathaus ein anderer wird - weniger Vetternwirtschaft und Filz, mehr fachkundige Sacharbeit; dies ist die Stunde unideologischer Technokraten wie el-Kafarna. Hamas hat viele wie ihn in ihren Reihen. Machmud a-Zahar ist stolz darauf, dass diese Leute den Ruf haben, geradlinig und unbestechlich zu sein. A-Zahar ist Chef der Hamas im Gaza-Streifen:

"Wir haben jeden überzeugt, dass wir rein genug sind, um sehr effektive, saubere Verwaltungen zu führen - zum Beispiel im Erziehungsbereich, von der Grundschule bis zur Universität. Wenn wir eine soziale Einrichtung führen, dann machen wir es auf eine reine Art und Weise: Wir helfen Menschen, die in Not sind - unabhängig von ihrer politischen Einstellung; wir helfen jedem, der den armen und schwachen Schichten angehört."

Nachdem Israel in den letzten Jahren die Anführer der Hamas einen nach dem anderen tötete, ist Machmud a-Zahar der letzte aus der alten Garde. Nun steuert er die Organisation in das Zentrum der palästinensischen Politik. Vor neun Jahren hatte Hamas es abgelehnt, sich an den Parlamentswahlen zu beteiligen; schließlich war das Parlament aus ihrer Sicht ein Teil des verhassten Osloer Prozesses mit Israel. Doch bei der nächsten Wahl in einigen Monaten wird Hamas dabei sein:

"Jede Zeit hat ihre Methoden und Interessen. In einer Zeit der Besatzung ist es das Ziel, die Besatzung zu eliminieren, und das Mittel zu diesem Zweck ist der bewaffnete Widerstand - so war es 1996. Heute aber, wo wir über einen teilweisen Abzug, ein teilweises Ende der Besatzung reden, sind wir in einer Zeit, die nach neuen Mitteln verlangt. Eines dieser Mittel ist die Beteiligung an Regierungseinrichtungen - mit einem entscheidenden Ziel: Das, was Israel zerstört hat - an Infrastruktur, in der Landwirtschaft, in der Industrie, an Wohnhäusern - das muss wieder aufgebaut werden, und zwar auf saubere Art und Weise."

Auf saubere Art und Weise - das heißt auch, dass Hamas nicht am Rand stehen und einfach zuschauen wird, wie sich die Politgrößen aus Fatach und Palästinenserbehörde die Wirtschaftsgüter und die Vermögenswerte, die die Israelis nach ihrem Abzug aus dem Gaza-Streifen zurücklassen, einfach unter den Nagel reißen. A-Zahar warnt:

"Uns geht es nicht darum, selber die neuen Besitzer der Siedlungen zu werden. Aber wir akzeptieren es auch nicht, wenn die PLO die Besitzerin würde. Es sollte dem nationalen Interesse dienen, mit Schulen, Krankenhäusern, Industrie, Landwirtschaft - und zwar durch die Investition des arabischen und islamischen Volkes und des palästinensischen Volkes."

Vom Widerstandskämpfer und Selbstmordattentäter zum Aufbauhelfer nach dem Gaza-Abzug der Israelis? Raji Sourani gehört zu den Palästinensern, die den Aufstieg der Hamas mit Sorge beobachten; gleichzeitig sieht er aber große Chancen. Sourani ist einer der bekanntesten Menschenrechtler im Gaza-Streifen. Vor vielen Jahren hatten die Hamas-Leute einmal ein Todesurteil gegen ihn ausgesprochen:

"Sie haben sich geändert, und bei ihnen passieren weitere Änderungen, in ihrer Mentalität, ihrer Art zu denken. Diejenigen von uns, die aufgeschlossen sind, sollten ihnen auf diesem Weg helfen. Sie verstehen etwas von Realpolitik, ziemlich viel sogar. Zukünftig wird Hamas ein Pfeiler in der palästinensischen Politik sein, ob es uns gefällt oder nicht. Wenn man Hamas jetzt angreifen würde - wo sie sich nun gerade auf diesem Weg befindet -, das würde sie nur zementieren und würde ihre Beliebtheit weiter fördern. Der Wettbewerb zwischen den Weltlichen und den Religiösen kann nur so sein, dass er im Rahmen des Gesetzes, der Demokratie und der Menschenrechte stattfindet. Wenn das passiert, wird die Stärke von Hamas abnehmen."

Auch einige Israelis beobachten die Radikal-Islamisten ganz genau. Yoram Schweitzer hält es für eine hoffnungsvolle Entwicklung, dass Hamas willens zu sein scheint, den Weg der Demokratie zu gehen. Schweitzer ist Terror-Experte am Jaffee-Zentrum für Strategische Studien der Universität Tel Aviv:

"Sie sind bereit, die demokratische Entscheidung des palästinensischen Volkes zu akzeptieren, und dabei werden sie auch bleiben. Ich glaube nicht, dass sie einen Bruderkrieg mit ihren palästinensischen Brüdern beginnen werden - das haben sie stets abgelehnt. Wenn die Wahlen kommen werden, und wenn die Palästinenser über ihre Volksvertreter entscheiden haben werden, dann wird Hamas innerhalb des Parlaments kämpfen."

Yoram Schweitzer empfiehlt der israelischen Regierung, die Realitäten in der Region nüchtern zu betrachten. Hamas zu dämonisieren helfe nicht - auch wenn ihre Kämpfer dämonische Taten verübt hätten; stattdessen müsse sich Israel auf einen Dialog mit Hamas einstellen.

"Israel hat das Recht, zu verlangen, dass es eine palästinensische Stimme gibt. Wenn die Palästinenser beschließen, dass Hamas diese Stimme sein wird, dann ist es Hamas. Angenommen, Hamas gewinnt die Parlamentswahl - für manche ist das ein Alptraum - und angenommen, sie sind bereit, politisch zu reden - wieso denn nicht? Aber sie sollten auf Gewalt verzichten. Wenn Gewalt zu einem Teil des politischen Dialogs wird, sollten wir nicht mit ihnen reden. Der Verzicht auf Gewalt sollte eine Bedingung sein, aber natürlich nicht diese Art von Bedingung, die nur eine Ausrede ist."

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