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Startseite@mediasresKein guter Rentner09.08.2018

Gerd Ruge wird 90Kein guter Rentner

Gerd Ruge war bis zu seiner Pensionierung 1993 als Korrespondent in Moskau tätig. Danach startet er seine zweite Karriere als Reisereporter und Buchautor. Er bereist Krisengebiet um von dort zu berichten. "Als Rentner bin ich ein absoluter Versager!" Heute wird er 90 Jahre.

Von Annika Schneider

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Portrait von Gerd Ruge (imago stock&people/ Dlf)
Der Journalist Gerd Ruge wird 90 (imago stock&people/ Dlf)
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"Guten Abend, meine Damen und Herren! An dieser Stelle werden in Zukunft regelmäßig  unsere Auslandskorrespondenten in aller Welt berichten über wichtige politische Ereignisse und Entwicklungen...."

Gerd Ruge 1963, bei der ersten Ausgabe des "Weltspiegel". In der von ihm initiierten ARD-Sendung kommen bis heute die deutschen Auslandskorrespondenten aus aller Welt zu Wort. Jahrzehntelang war Gerd Ruge einer von ihnen. Sein Gesicht und sein charakteristisches Nuscheln prägten die Berichterstattung aus Moskau, Washington und Peking. Wer Bonner Passanten nach ihm fragt, bekommt bis heute viel Anerkennendes zu hören.

Charakteristisches Nuscheln

"Der war ein ganz hervorragender Korrespondent. Sehr neutral und man hat immer den Eindruck gehabt, der steht über allem und kann sehr neutral alles berichten. Ich mochte ihn sehr, Gerd Ruge."

"Er war sehr sachlich, sehr sympathisch, er war auch ein bisschen introvertiert, aber das ist bei ihm sympathisch rübergekommen."

"Er war immer objektiver, er hat immer beide Seiten näher betrachtet. Er hatte nicht so eine einseitige Sichtweite. Das mochte ich immer an ihm."

"Vor allen Dingen, man hat ihm ja immer ein bisschen nachgesagt, er nuschelte ein bisschen. Aber trotzdem: Jeder hat zugehört. Alle haben es mitbekommen.  Er hatte das gar nicht nötig, sich da besonders gut zu präsentieren."

Der Alltag der Menschen und weltbewegende Ereignisse

Die Karriere von Gerd Ruge begann mit einem Zufall:  Über einen Bekannten bekam er 1950 als einziger deutscher Journalist ein Visum für Jugoslawien und wurde dort der erste Korrespondent aus der Bundesrepublik – mit nur 22 Jahren. Danach führte ihn die Auslandsberichterstattung in die ganze Welt, und er war dabei immer nah an den Menschen, deren Geschichten er erzählte. Wie das ging, erklärte er 2003 in einem Interview.

"Irgendwie hat es funktioniert, mit den Leuten zu sprechen. Irgendwie hatten die immer das Gefühl, dass ich doch wirklich interessiert wäre an dem, was sie erzählten, sie erzählen lassen wollte, und dass  ich nicht nur irgendeine vorgestanzte Meinung wiedergebe. Und wenn die Leute merken, dass man sich wirklich für sie interessiert, dann werden sie auch gesprächiger."

Gerd Ruge zeigte nicht nur den Alltag der Menschen, sondern war auch bei weltbewegenden Ereignissen dabei. Von ihm erfuhren die Fernsehzuschauer 1968 von der Ermordung des Bürgerrechtlers Martin Luther King. Und 1991 berichtete er live aus Moskau über den Putsch-Versuch gegen Michail Gorbatschow – weil es schnell gehen musste, mit ungekämmten Haaren.

"12 Uhr mittags am Weißen Haus in Moskau. Eine riesige Menschenmenge ist zusammengekommen. 80.000 sagt man, 100.000, vielleicht mehr – niemand weiß es genau…"

Aber nicht immer war es so aufregend.

"Wir haben auch schöne Sachen gemacht. In China mit anderen Kollegen. Manchmal, wenn es ruhiger war, sind wir nachts zu einem alten zerfallenen Kaisergrab gefahren, haben uns da Geistergeschichten vorgelesen. Oder ich habe in Sibirien eine Kanufahrt gemacht mit russischen Freunden."

Hintergrundjournalismus muß gewährleistet sein

1993 ging der Journalist offiziell in den Ruhestand. Ein guter Rentner sei er aber nicht, sagte er einmal in einem Interview. Auch im Rentenalter lieferte er Reisereportagen aus China, Georgien, Afghanistan, Sibirien unter dem Titel "Gerd Ruge unterwegs". Für seinen Einsatz verlieh ihm Bundespräsident Joachim Gauck 2014 das Große Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland.

Heute wohnt Ruge in München. Für ein Interview steht er zwar nicht zur Verfügung. Aber über den WDR lässt er schriftlich mitteilen:

"In dieser Periode weltpolitischer Krisen, die von Umbrüchen und Unsicherheit geprägt ist, erscheint mir die Rolle einer unabhängigen journalistischen Berichterstattung als besonders wichtig. Heute verfolge ich mit Interesse die Entwicklungen der digitalen Medien: Sie eröffnen neue Möglichkeiten. Wichtig erscheint mir, dass weiterhin Sendungen wie beispielsweise der "Weltspiegel" in den Programmen ihren Platz haben. Neben der schnellen Nachricht muss auch heute vernünftiger Hintergrundjournalismus gewährleistet sein."

Dafür sind inzwischen andere verantwortlich: Gerd Ruge zeigt sich kaum noch in der Öffentlichkeit. Es gehe ihm soweit gut, heißt es vom WDR. Seinen 90. Geburtstag feiert er im Kreis seiner Familie.

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