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StartseiteInformationen am MorgenDer Mann, dem Josef Königsberg sein Leben verdankt27.01.2020

"Gerechter unter den Völkern"Der Mann, dem Josef Königsberg sein Leben verdankt

Als die SS alle Juden von Chrzanów auf den Marktplatz trieb, war Josef Königsberg 17 Jahre alt. Dass der heute 95-Jährige noch lebt, hat er Helmut Kleinicke zu verdanken. Der damalige Kreisbauleiter rettete ihn durch sein resolutes Auftreten und wurde dafür nun posthum geehrt.

Von Sebastian Engelbrecht

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Das Bild zeigt eine Urkunde für jene Menschen, die von der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem mit dem Titel "Gerechte unter den Völkern" geehrt werden. (picture alliance/dpa/Arne Immanuel Bänsch)
"Gerechte unter den Völkern" ist ein Ehrentitel für nichtjüdische Menschen, die unter der NS-Herrschaft ihr Leben einsetzten, um Juden vor der Ermordung zu retten (picture alliance/dpa/Arne Immanuel Bänsch)
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Josef Königsberg trägt einen schwarzen Anzug. Den weißen Hemdkragen hat er über das Jackett geschlagen. Der 95-Jährige aus Essen stammt aus dem oberschlesischen Kattowitz, überlebte ein Ghetto und vier Konzentrationslager. Wie empfindet er die vielen feierlichen Gedenkstunden in diesen Tagen, 75 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz?

"Das alles ändert nichts an der Tatsache, dass man Millionen Menschen umgebracht hat."

Königsberg will auf die Frage nicht antworten. Und die Antworten, die er gibt, deuten darauf, dass ihm das Gedenken wie eine vergebliche nachträgliche Bemühung erscheint.

"Das bedeutet, dass das jüdische Volk kein glückliches Volk ist. Es ist ein Volk, was, so wie ich die Geschichte kenne, immer verfolgt war. Ob das Römer, Syrer oder Philister. Es hat sich nicht viel geändert. Weil der Antisemitismus nicht nur in Deutschland stattfindet, mehr oder weniger so gut wie fast in der ganzen Welt."

Aber all die Staats- und Regierungschefs – sie sagen doch dem Antisemitismus den Kampf an – in Jerusalem, in Auschwitz, in Berlin, überall in der Welt. Königsberg geht darauf nicht ein.

"Man stellt sich die Frage mit einem großen Fragezeichen: Warum? Warum? Warum der Antisemitismus? Was will man von den Leuten? Das Volk will ja nur ruhig leben, aber auf die Frage Warum gibt es keine Antwort, ist es schlecht zu antworten. Ist es schlecht, eine Antwort zu finden.

Einer der glücklichsten Tage seines Lebens

Alles rituelle Gedenken interessiert Josef Königsberg wenig. Aber die Feierstunde, die er an diesem dunklen Januarabend in der israelischen Botschaft in Berlin erlebt – die interessiert ihn. Er sagt sogar mit tränenerstickter Stimme, dieser Tag sei einer der glücklichsten seines Lebens. An diesem Abend verleiht der Staat Israel einem 1979 gestorbenen Retter den Titel des "Gerechten unter den Völkern": Helmut Kleinicke war der Mann, dem Josef Königsberg sein Leben zu verdanken hat.

Ein Foto zeigt die posthume Verleihung des Titels "Gerechter unter den Völkern" der Gedenkstätte Yad Vashem an Helmut Kleinicke. Von links: Israels Botschafter Jeremy Issacharoff, Kleinickes Tochter Jutta Scheffzek und Josef Königsberg (Deutschlandradio / Sebastian Engelbrecht)Posthume Verleihung des Titels "Gerechter unter den Völkern" an Helmut Kleinicke. (v.l.) Israels Botschafter Jeremy Issacharoff, Kleinickes Tochter Jutta Scheffzek und Josef Königsberg (Deutschlandradio / Sebastian Engelbrecht)

"Die Kommission hat ihm deshalb die Medaille der ‚Gerechten unter den Völkern‘ zuerkannt. Sein Name soll auf der Ehrenwand im Garten der Gerechten in Yad Vashem in Jerusalem verewigt werden."

Sandra Witte von der israelischen Botschaft verliest die Urkunde der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem und übergibt sie Kleinickes Tochter Jutta Scheffzek.

Der Eingang zum Garten der Gerechten unter den Völkern in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem (Israel). An dem Ort werden mit Namenstafeln nichtjüdischer Menschen gedacht, die ihr Leben zur Rettung von Juden geopfert haben.  (dpa / Daniel Karmann)Der Eingang zum Garten der Gerechten unter den Völkern in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem (dpa / Daniel Karmann)

"Nehmen sie den Juden mit"

Helmut Kleinicke war Kreisbauleiter im Kreis Chrzanów, nicht weit von Auschwitz entfernt. Er versteckte Juden, versorgte sie mit Lebensmitteln, verhalf ihnen zur Flucht. 1942 rettete er auch Josef Königsberg. Unter der Regie von Kleinicke war Königsberg zunächst Zwangsarbeiter, in Gruben und beim Straßenbau. Dann musste Königsberg einmal in der Woche das Haus von Helmut Kleinicke saubermachen. Aber im Februar 1942 trieb die SS alle Juden von Chrzanów, auch Königsberg, auf den Marktplatz. In diesem Moment erschien Kreisbauleiter Helmut Kleinicke.

"Er zeigte dem SS-Mann mit dem Finger auf mich und sagte: ‚Den nehmen Sie nicht mit, den nehme ich mit.‘ Der SS-Mann sagte: ‚Nein, das muss mit einem Gruppenführer besprochen werden.‘ Kleinicke sagte: ‚Wenn Sie den Jungen nicht freigeben, werde ich mit Berlin telefonieren und mit Herrn Himmler sprechen."

Daraufhin, erzählt Josef Königsberg, habe der SS-Mann zu Kleinicke gesagt: "Nehmen sie den Juden mit". Das Leben des 17-Jährigen war vorerst gerettet. Später überlebte er vier Konzentrationslager.

Und heute? Heute fragt sich der 95-jährige Josef Königsberg, von Beruf Journalist, warum der Judenhass immer noch nicht überwunden ist. "Traurig, traurig, traurig, dass wir nach 80 Jahren nicht nur den Antisemitismus noch haben, dass er auch wächst. Viel mehr kann man dazu nicht sagen."

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