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StartseiteBüchermarktDie Lieblinge der Justiz17.07.2020

Gerichtsprozesse als RomanDie Lieblinge der Justiz

Der ukrainische Schriftsteller Juri Andruchowytsch wurde in Deutschland mit seinem 2005 in Übersetzung erschienenen Roman "Zwölf Ringe" bekannt. 2006 erhielt er den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung. Nun ist sein neues Buch "Die Lieblinge der Justiz" erschienen.

Von Christoph Schröder

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Der Schriftsteller Juri Andruchowytsch und seine „Die Lieblinge der Justiz“ (Buchcover Suhrkamp Verlag / Autorenportrait picture alliance / dpa / ArifotoUG)
Der Schriftsteller Juri Andruchowytsch und seine „Die Lieblinge der Justiz“ (Buchcover Suhrkamp Verlag / Autorenportrait picture alliance / dpa / ArifotoUG)
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Im Jahr 1990 stieß Juri Andruchowytsch, damals 30 Jahre alt und Student am Moskauer Literaturinstitut Maxim Gorki, in der Bibliothek auf einen dicken Wälzer. Es handelte sich um eine 1903 erschienene Rekonstruktion von Gerichtsprozessen in der Westukraine des 17. Jahrhunderts. Eine, wie Andruchowytsch selbst einräumt, abseitige Lektüre, in der er auf den Fall eines Mannes namens Samuel Nemyrytsch stieß. Nemyrytsch ließ sich um 1610 in Lemberg nieder, und schon bald wurde sein Haus zu einem Anziehungspunkt für Händler, Scharlatane und Banditen. Der Adelige selbst mordete und raubte, wurde mehrfach verurteilt, verliebte sich in die dreizehnjährige Tochter des Henkers von Lemberg und trat schließlich in ein Kloster ein, wo er im Jahr 1632 starb.

Diese Geschichte war der Ausgangspunkt von Juri Andruchowytschs neuem Roman, der zunächst als eine Sammlung von Erzählungen geplant war. Irgendwann bemerkte Andruchowytsch, dass die von ihm zusammengetragenen Kriminalfälle strukturelle Gemeinsamkeiten aufweisen: Zum einen ist es ihre Einbettung in die historisch-politische Landschaft Galiziens, diesem ewigen Zwischenreich zwischen Europa und Russland. Zum anderen ist es die Erkenntnis, dass jede Tat, und sei sie auf den ersten Blick noch so niederträchtig oder psychopathologisch, sich auch aus einer neuen Perspektive betrachten lässt.

Einer der gefragtesten Geheimdienst-Killer

Das gilt auch für Bohdan Staschynskyj, dem Andruchowytsch den zweiten Teil seines, wie er es nennt, "parahistorischen Romans" gewidmet hat. Staschynskyj wurde Ende der 1940er-Jahre in einem Regionalzug beim Schwarzfahren erwischt, landete beim KGB und wurde binnen kurzer Zeit zu einem der gefragtesten und erfolgreichsten Killer im Dienst des russischen Geheimdienstes:

"Ausschlaggebend ist wahrscheinlich die unerhörte und praktisch unerreichte Perfektion, mit der Staschynskyi sich vorbereitet und die Aufgabe dann ausgeführt hat. Der ideale Exekutor für Spezialaufgaben. Wie es in der Sprache der Spione heißt, er handelte sauber, also vollendet – keine menschliche Regung führte zu einer Abweichung, keinerlei sentimentalen Anwandlungen oder psycho-neurotischen Eskapaden."

Alle Figuren, von denen Andruchowytsch erzählt, hat es tatsächlich gegeben oder haben zumindest reale historische Vorbilder. Es geht Andruchowytsch keinesfalls darum, Verbrechen zu relativieren oder Verbrecher zu exkulpieren. Doch wo die Justiz und die öffentliche Meinung ein klares, unumstößliches Urteil fällen, lässt Andruchowytsch seinen Figuren den ambivalenten und differenzierten Blick der Literatur zukommen.

Tod in der Mönchszelle

Bohdan Staschynskyj beispielsweise war in Deutschland stationiert. In München tötete er 1959 den ukrainischen Politiker und Partisanen Stephan Bandera. Etwa zur gleichen Zeit lernte er die deutsche Friseurin Inge Pohl kennen und verliebte sich in sie. Als der KGB Staschynskyj unter Druck setzte, das Verhältnis zu beenden, floh das Paar in den Westen – und zwar exakt in jener Nacht, in der die Berliner Mauer gebaut wurde.

Das ist die Paradoxie der Verhältnisse, die Andruchowytsch herausarbeitet: Der Top-Killer rebelliert aus Liebe gegen das System, das ihn erst hervorgebracht hat. Wäre die Geschichte ausgedacht, wäre sie Kolportage. Romanhaft aufgearbeitet, fügt sie sich exakt in Andruchowytschs stets am Rand der Absurdität wandelndes Welttheater.

Dazu gehören auch die kalkuliert eingesetzten Anachronismen: Der Tod von Samuel Nemyrytsch in seiner Mönchszelle wird von einer versteckten Kamera gefilmt und auf YouTube veröffentlicht. In einer anderen Geschichte tragen Henker im 17. Jahrhundert feuerfeste Anzüge. Das ist mehr als nur das postmoderne Spiel, das Andruchowytsch in seinen frühen Romanen mit Übermut exerziert hat. Vielmehr geht es darum, die Ereignisse auf eine höhere, überzeitliche Ebene zu ziehen. Die Dichotomie von Recht und Gerechtigkeit ist schließlich keine historische Frage.

Söldner im Siebenjährigen Krieg

Eines der stärksten Kapitel des Romans spielt an der Schwelle zwischen Mittelalter und Aufklärung: Der Theologe und Philosoph Johann Caspar Lavater berichtet 1775 in seinen physiognomischen Fragmenten von einem Mann, den er als Frauenmörder und entsetzlichen Unmenschen bezeichnet. Jener Julius Grodt, wie er bei Andruchowytsch heißt, sticht schon früh durch besondere Fähigkeiten heraus:

"Das Schicksal des Julius Grodt war nicht außergewöhnlich. Außergewöhnlich war nur Julius Grodt selbst. Dass es den Jungen in Wirklichkeit zu Büchern und zu Gelehrsamkeit zog und er in der Sonntagsschule mit Freude in drei Sprachen zu lesen lernte, und zwar dreimal schneller als der Priester, bewog seinen Vater, ihn so schnell wie möglich loszuwerden."

Grodt verdingte sich als Söldner im Siebenjährigen Krieg und überlebte ihn mit entstelltem Gesicht. Zwei Dinge waren es, die ihn verdächtig machten: Seine Hässlichkeit und der Umstand, dass er Bücher las. Ob Grodt tatsächlich, wie er unter Folter gestand, mehrere Frauen umgebracht hat, ist bis heute ungeklärt. Die Habsburger Monarchie und deren Absage an Aber- und Hexenglauben, so folgert Andruchowytsch, kam für Grodt einige Jahre zu spät nach Galizien. An anderen Orten der Welt hätte man ihn zur gleichen Zeit wahrscheinlich als Genie gefeiert.

So temporeich, streckenweise höchst unterhaltsam und mit großem Gespür für grimmige Komik jedes einzelne Kapitel auch erzählt ist, so ernsthaft ist der Subtext, der Andruchowytschs Roman zugrunde liegt: Jenes System, das der Mensch geschaffen hat, um Rechtsfrieden herzustellen, reicht nicht aus, um menschliches Handeln in all seiner Abgründigkeit, Komplexität und Irrationalität zu erfassen. Dafür braucht es die Literatur.

Die neue deutsche Ordnung

Das letzte Kapitel ist zugleich das längste. Andruchowytsch hat dafür mehrere Jahre recherchiert und auch mit Zeitzeugen gesprochen: In seinem von den Deutschen besetzten Geburts- und Wohnort Iwano-Frankiwsk wurden im Jahr 1943 27 "Feinde des Dritten Reichs", wie es hieß, öffentlich hingerichtet. Andruchowytsch dekonstruiert in seiner multiperspektivischen Erzählung der Ereignisse gleich mehrere vermeintliche Gewissheiten:

"Die neue deutsche Ordnung hatte sich in konstant unkontrollierte Gewalt aller gegen alle verkehrt. Statt irgendwelcher Okkupationsgesetze galt nur eines – nach den treffenden Worten des erwähnten Chronisten jener Zeiten ‚das Gesetz der gegenseitigen Vernichtung‘. Anders gesagt, in der Stadt herrschte aggressiv todbringendes Chaos."

An der Erschießungsaktion waren insgesamt zehn Parteien beteiligt, neben den deutschen Besatzern unter anderem auch die ukrainische Hilfspolizei, polnische Nationalisten und sowjetische Partisanen.

Es geht Andruchowytsch, das muss noch einmal betont werden, keineswegs um die Relativierung von Verbrechen. Vielmehr zeigt "Die Lieblinge der Justiz", dass Gerichts- und Geschichtsschreibung lediglich wackelige Hilfskonstrukte sind. Ihnen setzt Juri Andruchowytsch gekonnt und spannungsreich die Komplexität literarischer Darstellung entgegen.

Juri Andruchowytsch: "Die Lieblinge der Justiz".
Aus dem Ukrainischen von Sabine Stöhr.
Suhrkamp Verlag, Berlin, 300 Seiten, 23 Euro.

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