Samstag, 25.01.2020
 
Seit 20:05 Uhr Studio LCB
StartseiteKommentare und Themen der WocheZeit zum Gegensteuern15.01.2020

Geringes WirtschaftswachstumZeit zum Gegensteuern

Zwar ist die deutsche Wirtschaft im vergangenen Jahr nicht in die Rezession gerutscht. Doch ein schleichender Niedergang sei nicht ausgeschlossen, kommentiert Eva Bahner. Der Mangel an geeigneten Arbeitskräften könne die Existenz einiger Unternehmen gefährden.

Von Eva Bahner

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Drei Bauaerbeiter bei der Arbeit. Das Fundament eine Gebäudes wird betoniert, der Beton kommt per Betonpumpe auf die Stahlbeton-Matten.  (imago images / Jochen Tack)
Das Wirtschaftswachstum in Deutschland hat sich 2019 abgeschwächt (imago images / Jochen Tack)
Mehr zum Thema

Konjunktur 2019 Deutsche Wirtschaft wächst um 0,6 Prozent

Bundeshaushalt Rekord-Überschuss offenbart strukturelle Probleme

Helmut Dedy (Deutscher Städtetag) "Was ist für die Zukunft der Gesellschaft eigentlich wichtig?"

Nun ist die deutsche Wirtschaft doch noch einmal mit einem blauen Auge davon gekommen. Keine Rezession, sondern ein Wachstum von 0,6 Prozent hat das Jahr 2019 gebracht, und damit einen neuen Rekord aufgestellt: die längste Aufschwungsphase im wieder vereinten Deutschland. Zehn Jahre also ging es mit der deutschen Wirtschaft stets aufwärts - ökonomisch betrachtet: ein "goldenes" Jahrzehnt. Und dennoch hält sich die Feierlaune in Grenzen.

Nicht nur, weil das aktuelle Wachstumstempo im Vergleich zu den Jahrzehnten zuvor deutlich abfällt. Sondern auch, weil das vergangene Jahr einen Vorgeschmack gibt auf das kommende Jahrzehnt. Und das sieht, aus heutiger Sicht, alles andere als "golden" aus.

Dafür verantwortlich sind weiterhin externe Faktoren, die der exportabhängigen deutschen Wirtschaft schon 2019 zu schaffen gemacht haben: die Ungewissheit über die Brexit-Kosten, die Unberechenbarkeit des US-Präsidenten, der nicht davor zurückschreckt, immer neue Handelskonflikte anzuzetteln.

Wirtschaft steht vor Herausforderungen

Neben dem Dauerstress des Protektionismus kämpft die deutsche Wirtschaft aber noch mit internen, hausgemachten Problemen. Die Industrie ist schon jetzt in eine Rezession gerutscht, die Autobranche steckt mitten in einem Strukturwandel – weg vom Verbrennungs- hin zum Elektromotor. Der Nachholbedarf in der Digitalisierung kostet einige Unternehmen viel Geld und Energie, nicht zuletzt weil die Suche nach Arbeitskräften, die den digitalen Wandel umsetzen und gestalten können, absehbar immer schwieriger wird.

Deutschland wird immer älter, der demographische Wandel wird wohl spätestens Mitte der 2020er Jahre zuschlagen, dann nämlich, wenn die sogenannten Babyboomer, die geburtenstarken Jahrgänge, in Rente gehen und nicht genügend arbeitsfähige Menschen nachrücken. Die Erwerbstätigkeit wird spürbar sinken und den Fachkräftemangel nochmals verschärfen.

Staatskassen sind gefüllt für Investitionen

Wenn es nicht gelingt, das Angebot am Arbeitsmarkt zu erhöhen über Zuwanderung oder auch über eine stärkere Erwerbsbeteiligung von Frauen, dann wird der Mangel an geeigneten Arbeitskräften das Wachstum schmälern, wenn nicht sogar die Existenz einiger Unternehmen gefährden.

Es ist höchste Zeit, gegenzusteuern mit Investitionen in Aus- und Weiterbildung, mit besseren Betreuungsmöglichkeiten, mit einer Politik, die dafür sorgt, dass Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen sind, mit Investitionen in Verkehr, Infrastruktur und Telekommunikation, die Deutschlands Attraktivität als Standort für Unternehmen erhöhen. Die Staatskassen sind gut gefüllt, einige Milliarden bereits freigegeben vom Bund. Jetzt müssen Mittel und Wege gefunden werden, dass diese auch abgerufen und sinnvoll investiert werden vor Ort.

Ein steiler Absturz der deutschen Wirtschaft steht zwar nicht unmittelbar bevor, aber ein schleichender Niedergang ist eben auch nicht ausgeschlossen.

Eva Bahner, Wirtschaftsredaktion, Funkhaus Köln, 27.06.2019 (Deutschlandradio - Bettina Fürst-Fastré)Eva Bahner (Deutschlandradio - Bettina Fürst-Fastré)Eva Bahner wurde 1973 in Baden-Württemberg geboren. Sie studierte Volkswirtschaft in Tübingen und Boston, danach Volontariat in der n-tv-Wirtschaftsredaktion und an der Georg-von-Holtzbrinck-Schule für Wirtschaftsjournalisten. Heute arbeitet sie in der Deutschlandfunk-Wirtschaftsredaktion.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk