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StartseiteTag für TagDer Kreis ist offen23.08.2018

Germanisches HeidentumDer Kreis ist offen

Das germanische Neu-Heidentum hat einen zweifelhaften Ruf: Die auch "Asatru" genannten Polytheisten leiden darunter, wie ihre Traditionen von Nazis vereinnahmt wurden und werden. Bei ihrem internationalen Sommer-Camp in der Eifel hatten die Neu-Heiden den Schwerpunkt: Offenheit.

Von Tim Baumann

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Teilnehmer des International Asatru Summer Camps feiern neben der Jugendherberge in Gerolstein das Mittwochsritual "Blót" (Karel Kremel)
Das Mittwochsritual "Blót" beim International Asatru Summer Camp in Gerolstein (Karel Kremel)
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Auf einer Wiese neben der Jugendherberge in Gerolstein haben sich rund 80 Menschen in einem Kreis versammelt. In ihrer Mitte ein Gestell, das einen dicken Ast aufrecht hält. Der Ast symbolisiert den Weltenbaum Yggdrasil. Rundherum sind kleine Statuen aufgestellt, kunstvoll geschnitzte Runenstäbe und andere religiöse Symbole.

Es ist Mittwoch, der heilige Tag Odins, und die Teilnehmer des International Asatru Summer Camps feiern ihr Hauptritual, das sogenannte Blót. Sie rufen Götter und Geister an, laden sie ein, teilzunehmen und bieten ihnen Speise- und Trankopfer an - in Form von Äpfeln oder Met und Whiskey, die auf den Boden gegossen werden. Einige der Teilnehmer treten in den Kreis und sprechen zu den Göttern und den Versammelten. Per Lundberg ist aus Schweden zum Heidentreffen gereist – er ist ein Gode, also ein neu-heidnischer Priester. Er erklärt die Ritualform so:

"Dahinter stehen unsere demokratischen Werte – im Kreis hat jeder seinen Platz, keiner ist mehr oder weniger wert als der andere, keiner ist dem Göttlichen in all seinen Gestalten, Namen und Formen näher oder ferner als der andere. Die, die das Ritual anleiten, haben diese Funktion nur auf Zeit."

Kein Platz für Rassisten und Radikale

Die Teilnehmer des Rituals sind Männer und Frauen jeden Alters. Sie sind aus ganz Europa und den USA angereist. Manche tragen mittelalterlich-skandinavisch anmutende Gewänder, andere huldigen ihren Göttern in Alltagskleidung. Das Ritual ist mehrsprachig – Teile davon werden auf Schwedisch, Niederländisch, Deutsch und Englisch vorgetragen. Die Anrufungen werden vom Kreis der Gläubigen mit vielstimmigen Heil-Rufen beantwortet.

"Be welcome, Odin, Odin, Odin. Heil."

Das "Heil" sei eine Art Segen, sagt Ulrike Pohl vom deutschen Verein "Eldaring":

"Heil ist nicht eine Grußformel, wie es im Dritten Reich verwendet wurde oder eine Erkennungsformel, sondern es bedeutet: Sei heil, also es bedeutet eine Ganzheit, also eine geistige und körperliche Gesundheit, dass es einem gut geht."

Der Schwede Per Lundberg (l) mit Teilnehmern (Karel Kremel)Der Schwede Per Lundberg (l) mit Teilnehmern (Karel Kremel)

Dieses "Heil"-Sein finden die Neu-Heiden des Summer Camps in der Dynamik der Gemeinschaft mit anderen. Auf Weltoffenheit legen sie großen Wert. Wer den Wunsch verspüre, Teil der Gemeinschaft zu sein, sei willkommen, unabhängig von Nationalität, Alter, ethnischer Herkunft, sexueller Orientierung und individuellem Glauben. Abgewiesen würden nur Menschen, die sich gegen das Prinzip der Offenheit stellten – so zum Beispiel Rassisten und politisch Radikale. Per Lundberg erklärt:

"Wenn einer den Ruf der verschiedenen Götter und Geister hört und sich zu unserer Art und Weise hingezogen fühlt – wer sind wir, ihn abzuweisen?"

"Alles ist Teil eines Ganzen"

Dieser Pluralismus hat seine Wurzeln vor allem im polytheistischen Weltbild der Neu-Heiden. In den überlieferten Geschichten aus der Edda interagieren die Götter miteinander und mit den Menschen und bilden so ein dynamisches Geflecht von Beziehungen. Auch heute könnten Neu-Heiden Teil dieses Beziehungsgeflechts werden, erklärt der Gode:

"Jeder kann seinen Weg zum Göttlichen finden. Das können die Landvaertir sein, Geister des Landes, die man verehrt und um deren Stätten man sich kümmert. Das können die Ahnen sein, von denen man abstammt. Aber es können auch die unterschiedlichen Götter sein. Wenn vom Heidentum die Rede ist, fokussieren sich die Leute aber häufig zu sehr auf die Götter. Sie sind wichtig, aber durch diesen zu starken Fokus verlieren wir den Kontakt zu unserer Umgebung, zur Erde, auf der wir jeden Tag leben – und auch zu unseren Vorfahren."

Und so werden beim Blót neben Odin, Thor und Freya auch regionale Gottheiten und Geister verehrt – zum Beispiel die Matronae Albiahenae, Muttergottheiten, die am Rand der Eifel vom germanischen Stamm der Ubier angebetet wurden. Und auch wenn im Neu-Heidentum überwiegend Götter aus dem nordischen Pantheon verehrt werden, sind Götter und Geister für Polytheisten ebenso wenig hierarchisch geordnet wie die Gemeinschaft selbst. Frigga Asraaf aus den Niederlanden:

"Ich sehe das ganzheitlich: Da gibt es die Götter. Dann sind da andere Geister wie Elfen, Riesen und die Geister des Landes. Dann sind da die Menschen und natürlich die Erde selbst. Alles ist Teil eines Ganzen. Und für mich ist kein Teil davon dominant."

Lernen als Bestandteil des Neu-Heidentums

Unabhängig vom polytheistischen Leitbild - ohne Vernetzung haben die Neu-Heiden keine Zukunft: Denn ihre Religion wurde mehr als tausend Jahre lang nicht praktiziert und erlebt erst seit dem 19. Jahrhundert eine Renaissance. Treffen wie das International Asatru Summer Camp dienen auch dazu, sich über die Erforschung ihrer alten Religion auszutauschen. Oder um darüber nachzudenken, wie sich andere Kulturkreise und Religionen einbeziehen lassen. So üben sich einige Neu-Heiden in Chakra-Meditation und Yoga. Etwa Andre Henriques aus Portugal:

"Es ist wichtig, die Werkzeuge zu haben, um sich selbst von innen heraus zu verändern, meditieren zu lernen. Im Heidentum gibt es keine Tradition von Meditation. Wir wissen nicht, ob man das in der Vergangenheit gemacht hat oder nicht. Aber heutzutage ist

das ein wichtiges Werkzeug für Spiritualität im Allgemeinen. Und ich glaube, wir können viel von der Hindu-Tradition lernen."

Für den Goden Per Lundberg ist dieses Lernen aber nicht nur Mittel zum Zweck, sondern Kern der Religion:

"Manchmal gibt es Spannungen. Sowohl bei den Göttern als auch bei uns im richtigen Leben: Manchmal kommt man miteinander aus, ein andermal nicht. Und für mich ist das der Sinn des Lebens und auch der Sinn von Religion, zu lernen, damit umzugehen."

Herausforderungen gibt es für Neu-Heiden jedenfalls genug: etwa den Balanceakt zwischen Offenheit und Beliebigkeit. Oder die Gratwanderung, wie eine verbindliche Ethik in einer undogmatischen Gemeinschaft aussehen könnte. Frigga Asraaf konstatiert:

"Wir haben tiefe Wurzeln - und doch sind wir ein sehr junger Baum."

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