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StartseiteInterviewGermanwatch: "Es lohnt sich, um jedes Zehntel Grad zu kämpfen"27.09.2013

Germanwatch: "Es lohnt sich, um jedes Zehntel Grad zu kämpfen"

Weltklimarat befürchtet drastischen Anstieg des Meeresspiegels in der Zukunft

Die Ergebnisse des Weltklimarates seien ein deutlicher Alarmruf, meint Christoph Bals von Germanwatch. Das Positive sei, dass man jetzt noch die Chance habe, durch entschiedenen Klimaschutz den Meeresspiegel-Anstieg zu verhindern. Je länger man aber warte, um so teurer werde es.

Christoph Bals im Gespräch mit Thielko Grieß

Mit solchen Sensorbojen wird unter anderem vor Malta der Meeresspiegel überwacht. (IOI-MOC)
Mit solchen Sensorbojen wird unter anderem vor Malta der Meeresspiegel überwacht. (IOI-MOC)

Thielko Grieß: Der Weltklimarat ist ein Gremium unter dem Dach des Umweltprogramms der Vereinten Nationen. In diesem Rat versuchen Wissenschaftler, Fakten zu sammeln und zu überprüfen und daraus auch Empfehlungen abzuleiten für die Politik. Dieser Weltklimarat hat in den vergangenen Jahren mehrere Berichte darüber veröffentlicht, wie wahrscheinlich es etwa ist, dass der Mensch für Klimaveränderungen auf dieser Erde verantwortlich ist. Seit dem Vormittag liegt ein neuer Bericht vor.
Das alles wollen wir jetzt einordnen, und dazu ist jetzt Christoph Bals am Telefon, politischer Geschäftsführer bei der Umwelt-Lobby-Organisation Germanwatch. Herr Bals, Guten Tag!

Christoph Bals: Ich grüße Sie.

Grieß: Es heißt, der Meeresspiegel könnte bis zum Ende dieses Jahrhunderts um bis zu 82 Zentimeter ansteigen. Da könnte man ja nun sagen, dann legen wir auf die Deiche in Ostfriesland einfach noch eine Schippe drauf und gut ist.

Bals: Um nur die Zahl zu korrigieren: Es heißt sogar um bis zu 98 Zentimeter bis Ende des Jahrhunderts.

Grieß: Zwei Schippen!

Bals: Aber im wesentlichen geht es darum, dass das bedeuten würde, dass zum Beispiel in Bangladesch 30 Millionen Menschen umgesiedelt werden müssten, weil dort es nicht absehbar ist, dass die finanziellen Möglichkeiten da sind, mit Deichbauten sich des Problems Herr zu werden, ja sogar Deichbauten ausgesprochen problematisch sein könnten, weil gleichzeitig die Fluten im Land zunehmen und damit man dann Sperren bauen würde, wo das Wasser nicht abfließen kann, um sich nur an einem Land die Problematik vor Augen zu führen. Von daher ist das wirklich ein Alarmruf, auf den die Politik sehr gut tun würde zu reagieren.

Grieß: Sie haben 98 Zentimeter angesprochen. Nun ist ja die Spannbreite relativ groß. Ich glaube, der kleinste Wert liegt bei etwa 15, 20 Zentimetern. Das ist eine große Unsicherheit, das ist ein schwieriges Ergebnis eines solchen Berichts?

Bals: Nein. Die Unsicherheit, die beruht ja zu einem großen Teil darauf, wie stark wir Klimaschutz machen. Die hängt ja gerade davon ab. Und das ist das Positive natürlich daran auch, wenn wir noch entschiedenen Klimaschutz machen, dass wir dann die Chance haben, den Meeresspiegel-Anstieg deutlich geringer zu haben. Natürlich ist ein anderer Teil der Unsicherheit, wie stark Grönland und die West-Antarktis vor allem auf den Temperaturanstieg reagieren. Da bedeutet es aber nur, wenn wir den Anstieg nicht jetzt bekommen, dann bekommen wir ihn etwas später, denn wir wissen, dass wir ihn damit auslösen. Um das in ein Bild zu fassen: wenn wir die Temperatur relativ hoch in unserem Zimmer haben, dann wissen wir, dass am nächsten Tag der Eisklumpen in einem Glas Wasser geschmolzen sein wird. Es ist aber sehr schwierig, genau vorherzusagen, in welcher Stunde oder bis wann er geschmolzen sein wird. Das ist das Gleiche, was wir hier als Phänomen haben.

Grieß: Nun steckt in dem Bericht aber auch der Hinweis, dass in manchen Regionen etwa im Mittelalter das Klima schon einmal so ähnlich gewesen ist, deutlich wärmer zum Beispiel. Da soll es solche Perioden auch schon gegeben haben. Was entgegnen Sie jenen, die sagen, wir müssen uns keine Sorgen machen, denn im Prinzip kennt die Menschheit das?

Bals: Ja das ist sehr schön, dass man sich diesem Problem zugewandt hat, denn damit wird auf der einen Seite deutlich, dass wir hier das erste Mal auf globaler Ebene einen solchen Temperaturanstieg gehabt haben, dass gesagt wird, dort hat es in bestimmten Regionen einen ähnlich hohen Temperaturanstieg gehabt, wie wir ihn bisher gesehen haben, nicht etwa so, wie wir ihn jetzt für die nächsten Jahrzehnte erwarten, aber das war auf bestimmte Regionen bezogen, aber dass wir es diesmal für den ganzen Globus sehen, und das ist natürlich der große Unterschied dabei.

Grieß: In der politischen Diskussion über die Konsequenzen, die man aus dem Klimawandel zu ziehen hat, spielt das Zwei-Grad-Ziel eine wichtige Rolle. Ist es noch zu retten?

Bals: Ja das ist eine der sehr positiven Aussagen aus diesem IPCC-Bericht. Das Zwei-Grad-Limit ist noch einzuhalten. Das heißt aber, dass sehr entschiedener Klimaschutz jetzt gemacht werden muss. Und jedes Jahr, wo wir das verzögern, wird es erheblich teurer, dieses Zwei-Grad-Limit noch einzuhalten.

Grieß: Gibt es denn da auch so eine Art Deadline, eine Frist, über der hinaus man dann nichts mehr machen kann?

Bals: Es gibt nicht eine Frist, wo man nichts mehr machen kann, sondern es wird einfach mit jedem Jahr, wo man es verzögert, um einen großen Sprung teurer. Das heißt, wir könnten auch in 20 Jahren das noch erreichen, aber dann wird es extrem teuer und dann muss man sich allmählich die Frage stellen, ist es dann noch sinnvoll, so viel Geld hineinzustecken, um dieses Ziel zu erreichen. Auf der anderen Seite muss man sich vor Augen halten, dass dieses Ziel eine politische Orientierung ist, um einen großen gefährlichen Klimawandel noch abzuwenden. Aber es lohnt sich, um jedes Zehntel Grad zu kämpfen. Wenn es dann bei 2,1 oder 2,3 Grad landet, dann haben wir auch eine ganze Menge erreicht. Im Moment steuern wir auf 3,5 bis 4,5 Grad zu, wenn die Emissionen so weiterlaufen, wie das im Moment damit aussieht.

Grieß: ... , sagt Christoph Bals, politischer Geschäftsführer bei der Organisation Germanwatch. Herr Bals, ich bedanke mich für das Gespräch heute Mittag.

Bals: Ich danke auch.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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