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StartseiteSpielweisenOhne romantische Orchestersoße07.11.2018

Gesamtaufnahme der Schubert SinfonienOhne romantische Orchestersoße

„Schubert war nie ein spätromantischer Pathetiker", sagt der Dirigent Heinz Holliger. "Bei ihm ist eine Grundtrauer in der Musik, die aber nie laut schreit oder Selbstmitleid zeigt.“ Mit der Aufnahme der "Großen Sinfonie" von Schubert mit dem Kammerorchester Basel verfolgt Holliger darum andere Klangideale.

Komponist und Dirigent Heinz Holliger im Gespräch mit Susann El Kassar

Heinz Holliger, Schweizer Dirigent, Komponist und Oboist, aufgenommen am 02.05.2004 bei einer Pobe in Köln. (picture alliance / dpa /  H.J. Wöstmann )
Heinz Holliger, Schweizer Dirigent und Komponist nimmt mit dem Kammerorchester Basel alle Sinfonien von Franz Schubert auf. (picture alliance / dpa / H.J. Wöstmann )
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"Die meisten Dirigenten haben sich überhaupt erst Ende des 19. Jahrhunderts mit Schuberts Sinfonien beschäftigt. Sie wurden dann in eine dicke, romantische Orchestersoße reingetaucht, dabei ist die Klangwelt von Schubert unglaublich transparent." Dass Johannes Brahms auch noch die Originalpartitur veränderte, verschlimmerte lediglich das Ergebnis, erzählt Komponist und Dirigent Heinz Holliger. Viele Sinfonien wurden zudem auch von großen Dirigenten wie Wilhelm Furtwängler falsch gelesen, die dadurch beispielsweise die Einleitung in der großen C-Dur Sinfonie im halbem Tempo aufführten.

"Ein ewiges Klingen"

Heinz Holliger will Franz Schuberts Orchesterwerke so aufführen wie sie zu seiner Zeit höchstwahrscheinlich geklungen haben. Dazu gehört neben dem passenden zügigen Grundtempo auch die Besetzung: Das Kammerorchester Basel spielt auf Darmsaiten, mit leichten Bögen und setzt bewusst nur dosiertes Vibrato ein. Die große C-Dur Sinfonie hat das Kammerorchester Basel außerdem mit frühen Wiener Hörnern, die einen speziellen "weichen, schwerelosen Klang" besitzen und Trompeten und Posaunen mit enger Mensur eingespielt.

Da, wo Robert Schumann 1839 von "himmlischen Längen" in Schuberts großer C-Dur Sinfonie sprach meint Holliger, könne man gar nicht von Länge sprechen, sondern eher von einem durchgehenden Grundpuls ohne große Entwicklung. "Es ist einfach ein ewiges Klingen." Die Themen seien vielmehr wie Personen, die immer wieder in verschiedenen Klangfarben oder Beleuchtungen auftreten würden. "Schubert war nie ein spätromantischer Pathetiker, bei ihm ist eine Grundtrauer in der Musik, die aber nie laut schreit oder Selbstmitleid zeigt", meint Holliger. Deshalb schwanken seine Themen beständig zwischen Dur und Moll, Hell und Dunkel.  

Bezüge zur Neuen Musik

Heinz Holliger erkennt in der Musik von Franz Schubert durchaus Parallelen zur Musik des 20. Jahrhunderts, beispielsweise von György Ligeti. Auf den kommenden CDs kombiniert Heinz Holliger deshalb die Sinfonien nicht nur mit den Ouvertüren von Schubert, sondern auch mit den Orchesterbearbeitungen der Deutschen Tänze von Anton Webern oder einem  Kommentar zu dem Bläserstück "Franz Schuberts Begräbnis" des Schweizer Komponisten Roland Moser. Heinz Holliger selbst wird auch einen musikalischen Kommentar zu dieser Gesamtaufnahme beitragen.

Warum er die Sinfonien von Schubert mit seinen Ouvertüren koppelt, das Wort "historisch informiert" lieber meidet und wie genau er mit dem "musikalischen Raum" arbeitet, erzählt Heinz Holliger im DLF-Interview.

Franz Schubert
Symphonie Nr.8 in C-Dur "Die Große"
Ouvertüre zum Melodram "Die Zauberharfe"
Kammerorchester Basel
Leitung: Heinz Holliger
Sony classical (Co-Produktion mit SRF 2 und Deutschlandfunk)

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