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StartseiteDie neue PlatteFünf Tage Musik02.08.2020

Gesamteinspielungen mit John BarbirolliFünf Tage Musik

Nach dem Krieg rettete John Barbirolli das Hallé-Orchester vor dem Verschwinden. Und das, obwohl er gerade erst Nachfolger von Arturo Toscanini in New York geworden war. Eine Neuerscheinung zeichnet die spannende Laufbahn des Dirigenten zu seinem 50. Todestag nach – auf 109 CDs.

Am Mikrofon: Christoph Vratz

Schwarz-weiß-Fotografie eines Mannes, der sich aus einem Zugfenster lehnt und dabei seinen Hut schwenkt (imago / stock people)
Dirigent mit langem Atem, meisterhafter Mahler-Interpret: Sir John Barbirolli 1936 in New York. (imago / stock people)
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109 CDs umfasst die Edition der "Complete Warner Recordings", die aus Anlass des 50. Todestages des Dirigenten John Barbirolli beim Label Warner Classics erschienen ist. Anders gerechnet: Es sind rund 130 Stunden Musik, also mehr als fünf Tage rund um die Uhr. Die Box aber zeigt, dass Barbirolli diese Zeit Wert ist, auch wenn man sich einige Phasen Schlaf zwischendurch sehr wohl gönnen sollte. Sonst würden einem viele der wunderbaren Details entgehen; denn zur Erbauung hat Barbirolli nicht dirigiert, sondern immer mit äußerster Hingabe für die Kunst, für die er gelebt hat. 1936 ging John Barbirolli nach Amerika. Sein mehrjähriges Gastspiel als Nachfolger Toscaninis beim New York Philharmonic glich zunächst einer Sensation. Doch wurde es, wegen diverser Ränkespiele im Hintergrund, keine problemfreie Zeit. Auch in der Rückschau ist sie nicht leicht auf einen einheitlichen Nenner zu bringen. Nur so viel: die in New York entstandenen Aufnahmen sind in der vorliegenden Edition nicht enthalten, da sie für das Label RCA produziert wurden und heute auf 6 CDs bei Sony erhältlich sind – sie bilden eine willkommene Ergänzung.

Mitten im Zweiten Weltkrieg, Ende 1942, erhielt Barbirolli im fernen Amerika ein Fax aus seiner alten Heimat: ein Hilferuf des Hallé Orchestra in Manchester, benannt nach dem aus Westfalen eingewanderten Karl Halle; er hatte 1858 das damit älteste ständige Orchester in England gegründet. Da nun viele der Musiker zur Armee eingezogen worden waren und der Stamm-Konzertsaal von Bomben getroffen darniederlag, suchte man, symbolisch gesehen, einen Feuerwehrmann. Barbirolli reizte diese kaum zu bewältigende Aufgabe und reiste, nachdem er seinen New Yorker Vertrag nicht verlängert hatte, quer über die britische Insel, um neue Musiker zu finden. Dabei traf er für seine Zeit durchaus unpopuläre Entscheidungen, etwa indem er die erste Posaune mit einer Lehrerin der Heilsarmee besetzte. Doch nicht zuletzt diese Verdienste brachten Barbirolli 1949 die Ernennung zum "Sir" ein.Mehr als 3100 Konzerte und Aufführungen bilden die Essenz einer 27 Jahre währenden Zusammenarbeit. Barbirollis Einspielungen mit dem Hallé Orchestra bilden einen Großteil der vorliegenden CD-Edition, darunter wahrlich Herausragendes. So wie in der folgenden Aufnahme mit einem Ausschnitt aus dem Finale der fünften Sinfonie von Peter Tschaikowsky, aufgenommen 1959. Es ist der Übergang von der langsamen Einleitung zum schnellen Abschnitt: Raunen der Pauken, straffer Rhythmus, Steigerung – und eine Ahnung von jenen Tumulten, die sich später mehrfach entladen.

Barbirolli, der im Laufe seines Künstlerlebens rund 450 Werke (oder Werk-Teile) auf Schallplatte festgehalten hat, wählte auch unpopuläre Entscheidungen. So dokumentiert sich seine Vorliebe zeitgenössische Musik vor allem darin, dass er von den 22 britischen Komponisten, deren Werke er dokumentiert hat, 15 zu seinen Zeitgenossen zählte. Durchhörbarkeit war zeitlebens eine von Barbirollis Prämissen, selbst bei impressionistischer Musik, die in den 1950er und 60er Jahren allgemein gern nebelhaft-verschleiert aufgeführt wurde, aber umgekehrt, genau wegen dieser Gefahr, eine eigene Transparenz verlangt – Barbirollis Debussy-Aufnahmen waren insofern ihrer Zeit voraus. Auch seine Einspielung der vierten Schubert-Sinfonie verrät eine Ernsthaftigkeit, die fast schon anachronistisch zum eher verzärtelten Schubert-Bild der damaligen Zeit wirkt. Ebenso fällt Barbirollis Gustav Mahler-Pflege in eine Epoche, als der Komponist noch längst nicht zum Konzert-Alltag gehörte. Das gilt auch für die Sinfonien von Jean Sibelius, die zugegebenermaßen in England von jeher einen größeren Stellenwert besaßen als in Deutschland. Barbirolli hat den Sinfonien-Zyklus (sowie weitere Orchesterwerke) zwischen 1966 und 1970 aufgenommen, einige Sinfonien hatte er schon in früheren Produktionen vorgelegt.

John Barbirolli - The Complete Warner Recordings
Werke von Beethoven, Elgar, Mahler, Berlioz, Debussy u.a.
BBC Symphony Orchestra, Berliner Philharmoniker, Hallé Orchestra, London Philharmonic Orchestra, London Symphony Orchestra, Philharmonia Orchestra, New Philharmonia Orchestra, Wiener Philharmoniker u.a.
John Barbirolli (Ltg.)

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