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StartseiteKalenderblattGeschäft mit SDI27.03.2006

Geschäft mit SDI

Vor 20 Jahren vereinbarten die USA mit Deutschland die Beteiligung am Atomabwehrprogramm

Am 27. März 1986 unterschrieb der damalige Bundeswirtschaftsminister Martin Bangemann in Washington zwei Abkommen über die Beteiligung an der Strategic Defense Initiative (SDI), die die USA gegen einen Atomschlag unangreifbar machen sollte. Für das gigantische Forschungsprojekt hatte der US-Kongress 29 Milliarden Dollar genehmigt, und deutsche Unternehmen hofften auf einen Technologietransfer mit den USA. 1993 stellten die USA das Programm 1993 ein.

Von Matthias Rumpf

George W. Bush hat das SDI-Programm wieder aufgelegt. Es trägt heute den Namen National Missile Defense und soll die USA vor Raketen aus "Schurkenstaaten" schützen. (AP)
George W. Bush hat das SDI-Programm wieder aufgelegt. Es trägt heute den Namen National Missile Defense und soll die USA vor Raketen aus "Schurkenstaaten" schützen. (AP)

Ronald Reagan: "Meine amerikanischen Mitbürger, heute Nacht treffen wir einen Entschluss, der die Geschichte der Menschheit sehr wohl ändern kann. Es wird Risiken geben, und es wird Zeit kosten, ehe wir zu guten Ergebnissen kommen. Aber es wird möglich sein. Wir tun diesen Schritt und wir brauchen dazu Ihr Gebet und Ihre Unterstützung."

Es klang ein wenig nach Hollywood, und das war dem Schauspieler auf dem Präsidentenstuhl wohl auch angemessen. Am 23. März 1983 verkündete US-Präsident Ronald Reagan eine neue Rüstungsinitiative. Ein Schutzschild aus Abwehrraketen und Laserkanonen sollten künftig die USA vor einem Angriff mit Interkontinentalraketen aus der Sowjetunion schützen. Diese Strategic Defense Initiative (SDI) sollte Amerika gegen einen Atomschlag unangreifbar machen.

So ordnete Ronald Reagan ein gigantisches Forschungsprojekt an. 29 Milliarden US-Dollar genehmigte der Kongress für die ersten fünf Jahre. Doch als die Ergebnisse ausblieben, drehten die Abgeordneten den Geldhahn schnell wieder zu. Um das Projekt dennoch weiterzuführen, besannen sich die USA ihrer Verbündeten. Die Europäer sollten einen Teil der Kosten tragen und in einer zweiten Ausbaustufe ebenfalls unter den Schutzschirm von SDI schlüpfen.

Die Reaktionen auf der anderen Seite des Atlantiks waren zwiespältig. Alleine die Bundesregierung zeigte unter Helmut Kohl im April 1985 ihr grundsätzliches Interesse und erntete dafür vor allem Kritik. Westdeutschland hatte kaum die Auseinandersetzung um die Nachrüstung mit den Pershing II Raketen überstanden. Da schien SDI jede Hoffnung auf Abrüstung zunichte zu machen.

"Die Unmöglichkeit von SDI liegt meines Erachtens nicht daran, dass man gewisse technische Optionen, die sich im Augenblick anbieten nicht auf irgendeine Weise technisch lösen wird, sondern sie liegt daran, dass Wissenschaftler und Techniker einen enormen Einfallsreichtum und ein enormes Können entwickeln und zu jeder Maßnahme auch wieder eine Gegenmaßnahme entwickeln wollen. Und das führt meines Erachtens notwendigerweise in einen Rüstungswettlauf hinein","

so der Physiker Hans-Peter Dürr, der sich gemeinsam mit 350 deutschen Wissenschaftlern in einem Brief an den Kanzler weigerte, an dem Projekt mitzuwirken. SDI war in Deutschland auch deshalb umstritten, weil es bestehende Verträge zur Rüstungsbegrenzung unterlaufen hätte. Auch die SPD-Opposition lief deswegen Sturm. Norbert Gansel, SPD-Verteidigungsexperte im Deutschen Bundestag:

""Wir lehnen sie ab, weil sie die Sicherheit Europas und der Bundesrepublik nicht erhöhen sondern vermindern werden. Wir lehnen deshalb auch die Beteiligung von Unternehmen und Wissenschaftlern aus der Bundesrepublik an SDI ab."

"Angesichts der finanziellen und technologischen Größenordnung dieses Programms rechnen wir mit einem technologischen Innovationsschub. Wir müssen daran interessiert sein, Forschungsergebnisse auch für unsere Wirtschaft nutzbar zu machen. Das spricht für eine Beteiligung der deutschen Industrie","

so Verteidigungsminister Manfred Wörner in der gleichen Debatte. Obwohl es sich um ein Rüstungsprojekt handelte, waren die deutschen Interessen vor allem wirtschaftlicher Natur. Deutsche Unternehmen wollten ihr Stück vom Förderkuchen abhaben und hofften auf einen Technologietransfer aus den USA. Und so war es, wie der RIAS berichtete, auch der Bundeswirtschaftsminister, der am 27. März 1986 den US-Verteidigungsminister in Washington traf:

""Während in Bonn bereits vorösterliche Ruhe den Gründonnerstag bestimmte, kam wichtige Kunde aus Washington. Dort in der amerikanischen Bundeshauptstadt haben Caspar Weinberger und Martin Bangemann heute zwei Abkommen über die Beteiligung der Bundesrepublik an den amerikanischen SDI-Forschungen unterzeichnet."

Die Ausbeute für die deutsche Industrie blieb jedoch spärlich. Gerade einmal Aufträge im Wert von 50 Millionen Dollar konnten deutsche Unternehmen verbuchen. Die USA stellten SDI im Jahr 1993 offiziell ein, weil der Kalte Krieg vorbei war und sich ein lückenloses Raketenschild gegen einen massiven sowjetischen Angriff als technisch nicht machbar erwiesen hatte.

Mittlerweile sieht man das in Washington wieder anders. Präsident George W. Bush hat das SDI-Programm wieder aufgelegt. Es trägt heute den Namen National Missile Defense und soll die USA nicht mehr vor sowjetischen Waffen, sondern vor Raketen aus so genannten Schurkenstaaten schützen.

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