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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische LiteraturÜber die neuen Kriege in der arabischen Welt23.01.2017

Gescheiterte ArabellionÜber die neuen Kriege in der arabischen Welt

Marc Lynch geht den Krisen und Kriegen in der arabischen Welt auf den Grund. Der Politikwissenschaftler erläutert die jeweiligen regionalen Konfliktlinien sowie die internationalen Eingriffe. Und er rechnet mit weiteren gescheiterten Staaten und neuen Stellvertreterkriegen - ein düsterer Ausblick.

Von Susanne El Khafif

Der frühere ägyptische Präsident Mohammed Mursi (picture alliance / dpa  / Fernando Bizerra Jr)
Mohammed Mursi wurde 2013 vom Militär gestürzt (picture alliance / dpa / Fernando Bizerra Jr)
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Die Thesen des Autors sind gewagt. "Der arabische Aufstand war ein einheitliches Geschehen." Und er sei gescheitert. Gescheitert in Ägypten, Syrien und Libyen, im Irak und im Jemen. Weil sich die Regime jeder Form von demokratischem Wandel widersetzten. Und weil andere die Region zum Schlachtfeld ihrer Kriege machten. "Internationale Kräfte mischten in jeder Phase der regionalen Unruhen mit – vom Beginn des Aufstands bis zu den Auseinandersetzungen um den Übergang und den Stellvertreterkriegen und –aufständen." Mittels Geld, Informationen, Menschen und Waffen.

Die Konfliktlinien und die maßgeblichen Staaten

Es gibt Konfliktlinien, die die lokalen Kriege und Krisen überlagern: die iranisch-saudische Feindschaft. Das Agieren der islamistischen Netzwerke. Die Rivalität um die Führung im sunnitischen Lager. Die laut Lynch maßgeblichen Staaten: Saudi-Arabien, Iran, Katar, die Türkei, die Vereinigten Arabischen Emirate, Russland, die USA. "Alle Beteiligten sahen sich als Akteure in einer einzigen großen regionalen Arena – und diese Wahrnehmung gestaltete die politische Wirklichkeit." Eine Wirklichkeit, in der die Spirale der Gewalt immer höher drehte. "Alle rüsteten für den Kampf, und niemand sah den Wert eines Kompromisses."

Der Ausblick des Autors: düster. "Es wird weiteren Aufruhr, weitere gescheiterte Staaten, weitere Regimezusammenbrüche, weitere bewaffnete Aufstände und weitere Stellvertreterkriege geben."

Marc Lynch fordert weniger US-Engagement in der arabischen Welt

Die Botschaft des Autors an die Regierung seines Landes: "Die USA wären besser beraten, ihr Engagement in dieser Region weiter zu reduzieren."

Soweit in Kürze, was Marc Lynch auf fast 450 Seiten darlegt und analysiert – ausgesprochen detailliert und mit großem Sachverstand. Zwar hätte mancherorts eine Straffung gut getan, zwar mangelt es anfangs an Stringenz, doch je weiter die Lektüre fortschreitet, desto mehr zieht das Buch in seinen Bann und erschließt sich die Argumentation des Autors. Lynchs Buch: "Die neuen Kriege in der arabischen Welt" - ein fraglos wichtiger Beitrag in der aktuellen Diskussion um die Entstehung von Kriegen und Konflikten in der Region. Weil das Buch die Verstrickungen von lokalen und regionalen Akteuren darstellt und analysiert, damit den Blick schärft für die Komplexität der Entwicklungen. Ein erhellendes Buch, das hilft, Wissenslücken zu schließen. Dennoch: Der Blick des Autors auf die Nahost-Politik der Regierung Obama, die er nach eigenen Angaben beraten hat, ist problematisch.

"Von Ägypten und Tunesien bis nach Libyen unterstützten die Vereinigten Staaten offiziell den demokratischen Übergang – ungeachtet dessen, wer die Wahlen gewann: eine bewundernswerte und meiner Ansicht nach richtige Position."

Etwas zu viel Nähe zur Obama-Regierung

Hier wie an anderen Stellen wäre mehr kritische Distanz nötig gewesen. Zwei Themenkomplexe machen das deutlich: Die Haltung der Regierung Obama zu Wahlsiegern im Nahen Osten – ungeachtet dessen, wer und wes Geistes Kind die neuen Führer waren. Problematisch auch Lynchs Gutheißen von Obamas Politik der "Redimensionierung" – des graduellen Rückzugs der USA aus der Region. Beide Positionen hält der Autor auch im Rückblick für richtig, wenn nicht gar für, Zitat, "bewundernswert". Zu ersterem ...

Marc Lynch beschreibt die Lage in Ägypten, 2013, kurz vor der Absetzung von Mohammad Mursi, demokratisch gewählter Präsident seines Landes, ein Muslimbruder. "Am 30. Juni berichteten die Medien euphorisch von 30 Millionen Teilnehmern, dem angeblich größten Protest der Menschheitsgeschichte. Solche Behauptungen waren zwar stark übertrieben, aber die Proteste waren fraglos gewaltig."

Der Autor wundert sich: "Tatsächlich fehlt bis heute eine überzeugende Erklärung für diese offenkundig weit verbreitete Abkehr von den Muslimbrüdern." Sein Unverständnis für die Situation veranlasst den Autor nicht, die eigene Haltung zu überdenken. Stattdessen bleibt die Bruderschaft bis zum Ende seines Buches der Zitat: "wichtigste Akteur des gemäßigten Islamismus" - lediglich vom Militär darum betrogen, friedlich am demokratischen Prozess teilzuhaben.

Ereignisse in Ägypten waren vorhersehbar

Der Autor und mit ihm die Obama-Regierung hätten es besser wissen müssen: Dass es bereits 2010 einen Wechsel in der Führung der Bruderschaft gab; dass sich diese infolge vom moderaten Kurs abwandte und erst den Schulterschluss mit den Salafisten, später auch mit den Dschihadisten suchte. Dass Mohammad Mursi als Muslimbruder per Eid dem Obersten Führer der Bruderschaft unterstand, "Demokratie" zum Lippenbekenntnis verkam und immer deutlicher wurde, dass im Namen der Demokratie ein islamistisches Gesellschaftskonzept oktroyiert werden sollte. Diese Erkenntnis aber trieb die Menschen auf die Straße, nicht erst am 30. Juni, sondern bereits in den vielen Monaten zuvor. Für den Autor aber gilt: Der 30. Juni war der Tag, an dem das Militär putschte.

Die Ereignisse in Ägypten machen deutlich, welche Schwächen auch das Modell "Demokratie" in sich trägt. Es ist schade, dass der Autor, Politikwissenschaftler, der er ist, das nicht erkannt und problematisiert hat. Zu zweitem ... "Die Schuld am Scheitern der arabischen Aufstände tragen in erster Linie die Regionalmächte" ... nicht aber die USA unter einem Präsidenten Obama, dem der Autor attestiert, er habe – trotz einiger Fehler - die richtige Wende eingeleitet. Das mag angesichts des Trümmerfeldes Irak, das ihm seine Vorgänger hinterließen, durchaus verständlich, in einer besseren Welt vielleicht auch richtig gewesen sein, doch es hat wenig mit Realpolitik zu tun.

Lynchs Thesen regen zum Widerspruch an

Der Autor selbst definiert die Ordnung in der arabischen Welt bei Amtsantritt Obamas als Zitat: "zutiefst amerikanisch" – mit Autokraten, die aufgebaut wurden, um die Interessen der USA abzusichern. Warum aber sollten eben diese Autokraten plötzlich zu Demokraten werden? Nur weil Obama jetzt anderes forderte als seine Vorgänger? Warum plötzlich Ideale teilen, von denen es neuerdings aus Washington hieß, sie seien hehr, großartig und uneigennützig? Demokratie, Freiheit, Menschenrechte – Ideale übrigens, die nicht nur während des Aufstands in Bahrain schnell wieder über Bord geworfen wurden.

Es ist festzuhalten, dass Obamas letztlich unentschlossener Rückzug dazu führte, dass andere danach strebten, das große Vakuum, das sich auftat, zu füllen, ungezügelt, eigenmächtig und nicht minder egoistisch. Die Regionalmächte. Und Russland. Russland, dessen Einzug in Syrien alles veränderte. Dass die Kriege und Konflikte daher im lokalen und regionalen, aber auch im internationalen Kontext zu betrachten sind, findet in der Analyse kaum Beachtung. Die Thesen von Marc Lynch sind gewagt. In der Tat. Doch sie regen an, zum Nachdenken und zum Widerspruch. Gerade deshalb ist das Buch zu empfehlen.

Marc Lynch: "Die neuen Kriege in der arabischen Welt. Wie aus Aufständen Anarchie wurde"
edition Körber-Stiftung, 448 Seiten, 22 Euro.

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