Mittwoch, 18.09.2019
 
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Gescheiterte Aufklärung

Georg Schmidt: "Wandel durch Vernunft", Verlag C.H. Beck

In der Rückschau erscheint das 18. Jahrhundert in Deutschland als das Jahrhundert der Aufklärung. Deutsche Dichter und Denker machten sich stark für "Wandel durch Vernunft". Und das ist auch der Titel der von Georg Schmidt verfassten "Deutschen Geschichte im 18. Jahrhundert".

Von Herfried Münkler

Kann man Goethe einen Aufklärer nennen?  (AP Archiv)
Kann man Goethe einen Aufklärer nennen? (AP Archiv)

Das 18. Jahrhundert gilt in Europa als das Jahrhundert der Aufklärung – auch in Deutschland, wenngleich die Aufklärung hier erst in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts in Gang gekommen ist und keine so große Kraft entfaltet hat wie in Frankreich. Außerdem fehlen in Deutschland, sieht man von Kant einmal ab, die großen Namen. Das dürfte auch mit der Dezentriertheit Deutschland zu tun gehabt haben. Es gab kein Paris oder London vergleichbares Zentrum, wo sich neben der politischen auch die intellektuelle Elite versammelte. Die Universitäten Halle und Göttingen waren Versammlungsorte der Aufklärer, und gegen Ende des 18. Jahrhunderts kam noch Jena dazu. In Jena hatten sich nicht nur Professoren, sondern auch Dichter und Schriftsteller versammelt, und in Verbindung mit Weimar, wo Wieland und Herder, Goethe und Schiller waren, kann man schon davon sprechen, dass sich hier ein Zentrum der Aufklärung gebildet hatte, das mit denen der westlichen Hauptstädte mithalten konnte. Aber die thüringische Zentrumsbildung währte nur kurze Zeit, und dann zog die in Jena versammelte intellektuelle Blüte Deutschlands in alle Himmelsrichtungen weiter. Schiller starb, nur Goethe blieb und brachte seine großen Projekte zu Ende.

Aber kann man Goethe wirklich einen Aufklärer nennen? Als er nach Weimar kam, rechnete man ihn dem "Sturm und Drang" zu, und die letzten beiden Lebensjahrzehnte stilisierte er sich zu einem den Alltäglichkeiten überhobenen "Olympier". Und bildeten die in Jena zeitweilig versammelten Originalgenies nicht die Kerngruppe der Frühromantik, mit der in Deutschland das Ende der Aufklärung markiert wird? Georg Schmidts Geschichte des 18. Jahrhunderts in Deutschland beruht auf einem ausgesprochen weiten Begriff der Aufklärung, und nur so ist sie in der Lage, das Ganze 18. Jahrhundert unter den Aufklärungsbegriff zu stellen.

"Aufklärung war Credo und Lebensstil einer adlig-bürgerlichen Elite, die sich selbst zum Denken, Mitleiden und Verstehen ermächtigt hatte. Die literarische Fiktion prägte ihre Vorstellungswelt: Das Herz wies demnach den Lebensweg, Vernunft und Verstand verhinderten irrationale Abwege." Rousseaus Impuls wirkte. In Deutschland sollten die – nur auf den ersten Blick zweckfreien Ideale des individuell Schönen und der Selbstbildung die praktischen Reformen ergänzen und den Menschen zur inneren Harmonie führen, damit er sich zur Freiheit bilde und diese nicht für egoistische Ziele missbrauche. Nicht Uniformität, sondern Pluralität und die Anerkennung des Anderen standen am Beginn dieser Freiheit und der angestrebten republikanischen Verfassung. Das, was unter Klassik, Idealismus und Romantik verstanden wird, darf daher nicht von der eigentlichen Aufklärung getrennt werden. Das gilt vor allem für das mit der Doppelstadt Weimar/Jena verbundene Musenidyll, in dem die Aufklärung in der befruchtenden Vielheit von Wissenschaft und Literatur sowie verschiedenen Gesellschafts- und Lebensformen kulminierte.

Aber ist das nicht doch nur der bildungsbürgerliche Mythos Weimar, mit dem man sich in Deutschland schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts über die politische Misere hinwegtröstete und hinwegtäuschte? Man verwies Politik und Gesellschaft ins zweite oder dritte Glied und erwärmte sich an Literatur und Musik. Das Verhängnis einer solchen Verhaltensweise bestand darin, dass es immer wieder zu Durchbrüchen ins Politische kam, bei denen ein ressentimentdurchtränktes Volk auch machtpolitisch die Spitzenposition für sich beanspruchte, die es in Kunst und Kultur innehatte. Georg Schmidt spricht dieses Problem an, er leuchtet es aber nicht weiter aus, wenn er die beiden berühmten Xenien Schillers zitiert.

"Deutschland? Aber wo liegt es? Ich weiß das Land nicht zu finden? Wo das Gelehrte beginnt, hört das politische auf." Schillers Xenion artikuliert keine Defizite, sondern die Hoffnung auf eine universalisierte deutsche Nation. In den Ruinen des zerfallenden Reiches hat sich etwas wissenschaftlich, ästhetisch und sittlich Fundiertes gebildet und alle Beschränkungen des Reichsstaates hinter sich gelassen. Dieser Deutung entspricht ein weiteres Xenion: "Zur Nation euch zu bilden, ihr hoffet es, Deutsche, vergebens. Bildet, Ihr könnt es, dafür freyer zu Menschen euch aus." Weil zu den alten herrscherzentrierten Staatsnationen kein Weg zurückführt, müssen sich die Deutschen den Herausforderungen der Freiheit stellen, denn sie seien – so Humboldt – im Vergleich zu den Franzosen "auf einem unendlich besseren Wege".

Aber warum ist die Geschichte der Deutschen im 19. und 20. Jahrhundert ganz anders verlaufen, als man das aus der Aufklärungsperspektive heraus erwartet hatte? Wenn man, wie Georg Schmidt, das 18. Jahrhundert nicht bloß als ferne Vergangenheit darstellt, die für uns nur noch historiografisch von Interesse ist, sondern in dieser Zeit ein paradigmatisches Muster mit erheblicher Relevanz für die Gegenwart sieht, kann man eigentlich nicht mit 1806 enden und so tun, als hätte das Spätere keine Verbindung zu den vorangegangenen Hoffnungen, aber auch Problemen und Schwierigkeiten. Wer, wie Schmidt, den Reichs-Staat des 18. Jahrhunderts in einer Begrifflichkeit darstellt, die aus der Beschreibung des verfassten Europas unserer Tage gewonnen ist – Mehrebenensystem, strukturelle Nichtangriffsfähigkeit –, muss auch einen Blick werfen auf das, was aus dem Projekt geworden ist. Wenn Schmidt das einschlägige Kapitel unter die Überschrift "Am Ende war Napoleon" stellt, so ist dies zwar eine süffisante Replik auf den berühmten Satz Thomas Nipperdeys, mit dem der seine Deutsche Geschichte des 19. Jahrhundert eröffnet hat – "Am Anfang war Napoleon" –, aber was bedeutet das im Hinblick auf die Reichsverfassung? Wäre ohne Napoleon alles gut gegangen? Oder haben die Verhältnisse im Reich Napoleon geradezu eingeladen?

Die vielen "Post-Diskurse" des späteren 20. Jahrhunderts belegen zwar weder das "Ende" der Aufklärung noch der Geschichte, wohl aber dasjenige einer nationalstaatlich eingehegten Moderne, die in Deutschland von den 1830er bis in die 1970er-Jahre reichte. Davor und danach finden sich Modernen, die den geschlossenen Nationalstaat mit seinen Eindeutigkeit und Gewissheit zumindest anstrebenden Normierungen noch nicht kannten oder hinter sich gelassen haben. Zu diesen Zeiten gilt das Prinzip des Aushandelns vor demjenigen autoritativer Entscheidungen. Das Andere und Fremde wird auch als Bereicherung verstanden und die Zeitgenossen erleben Formen der Uneindeutigkeit und Pluralisierung, die sie an den transformativen Charakter ihrer Gegenwart erinnern. All dies verbindet die erste mit der dritten Moderne und trennt sie sogleich von der zweiten, der nationalstaatlichen oder formierten Moderne, die inzwischen historisch geworden ist. Obwohl ihre Werte, Vorstellungen und Kategorien des eindeutig Machens nach wie vor die historiografischen und zeitdiagnostischen Deutungen dominieren.

Schmidts Vorschlag, man solle sich bei der politischen Perspektivenbildung nicht ausschließlich auf das 19. und 20. Jahrhundert verlassen, sondern auch das 18. Jahrhundert in die Formierung des Erinnerungsraums einbeziehen, hat viel für sich. Nur sollte man dann zuvor geklärt haben, ob die Reichsordnung am Einbruch Napoleons bzw. der Französischen Revolution oder – zumindest auch – an innerer Schwäche und notorischer Reformunfähigkeit gescheitert ist. Jenseits seiner programmatischen Zusammenfassungen macht Schmidt dies in seiner sorgfältigen, materialgetränkten und durch die Selbstreflexion der Zeitgenossen mit zahlreichen Spiegelungen versehenen Darstellung durchaus deutlich: Da ist der Gegensatz zwischen den Hohenzollern in Berlin und den Habsburgern in Wien, der im Verlaufe des Jahrhunderts nicht nur zur Selbstblockade der Reichsinstitutionen führte, sondern auch immer mehr Aufklärer dazu brachte, sich auf die Seite des Preußen Friedrich oder des Österreichers Joseph zu stellen und von einem der beiden den reformerischen Durchbruch zu erwarten. Zuletzt hat sich niemand mehr für die Reichsverfassung engagiert, und die der Aufklärung zuzurechnenden Autoren haben sich über die Verhältnisse im Reich lustig gemacht. Die auf Wandel drängende Vernunft jedenfalls hat sich mit den Reichskonstellationen und ihren mühseligen Aushandlungsprozessen nicht anfreunden können. Und als klar war, dass weder Friedrich noch Joseph die Verhältnisse im Reich zu reformieren vermocht hatten, begeisterten sich viele für Napoleon, vor allem diejenigen, die sich der Aufklärung zurechneten. Die Vernunft, die den Wandel mit der Überzeugungskraft der Argumente hatte herbeiführen wollen, war so oft enttäuscht worden, dass sie sich schließlich mit dem umstürzenden Zwang verbündete.

Offenbar ist Georg Schmidt, nachdem er eine direkte Verbindung zwischen dem 18. Jahrhundert und unserer Gegenwart sowie dem Reichsstaat und der Europäischen Union hergestellt hatte, davor zurückgeschreckt, das Menetekel des Scheiterns schärfer auszuleuchten. Natürlich wollte er nicht in die Falle der borussischen Historiografie gehen, die dieses Scheitern auf die innere Schwäche des Reiches zurückgeführt hatte, um dann einen Machtstaat unter preußischer Führung zu propagieren. Und auch das Spiegelbild einer auf Preußen zentrierten Historiografie, die Meistererzählung vom Sonderweg als Erklärung für das Unheil des 20. Jahrhunderts, hat Schmidt gemieden, um dem 18. Jahrhundert nicht seine Relevanz für die Gegenwart zu nehmen. Aber was wir eigentlich aus dieser Zeit intellektuellen Aufbruchs und reichskonservativer Strukturen für unsere Gegenwart lernen können, bleibt offen. Ohne es zu wollen hat Georg Schmidt einen historischen Warnspiegel für die EU aufgestellt, der für deren Zukunft nichts Gutes verheißt. Das allein lohnt die Lektüre.

Herfried Münkler über Georg Schmidt: Wandel durch Vernunft. Deutsche Geschichte im 18. Jahrhundert, Verlag C.H. Beck, München 2009, Euro 29.90.

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