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StartseiteCampus & KarriereWaldorf- und staatliche Pädagogik unter einem Dach in Hamburg23.02.2019

Gescheiterter SchulversuchWaldorf- und staatliche Pädagogik unter einem Dach in Hamburg

Vor sechs Jahren startete die Ganztagsschule Fährstraße in Hamburg zusammen mit dem "Bund der freien Waldorfschulen" einen Versuch: Unter dem Dach einer staatlichen Schule sollen auch Ideen der Waldorf-Pädagogik umgesetzt werden. Doch schon nach zweieinhalb Jahren war Schluss mit der Kooperation.

Von Axel Schröder

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Musikunterricht an einer Waldorfschule (Picture-Alliance / dpa / Tagesspiegel)
Von Anfang an gab es an der Schule-Fährstraße in Hamburg Unstimmigkeiten im Kollegium bezüglich der Kombination von Waldorf- und staatlich geprägter Pädagogik (Picture-Alliance / dpa / Tagesspiegel)
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In den Klassenzimmern der staatlichen Ganztagsschule Fährstraße findet gerade sogenannter Epochenunterricht statt. Auf der großen freien Fläche in der Mitte des Klassenzimmers stehen umgedrehte flache Holzbänke, über die die Zweitklässler balancieren. Konzentriert, Schritt für Schritt, einer nach dem anderen. Ihre Lehrerin ist ausgebildete Waldorfpädagogin. Und Schuldirektor Jochen Grob ist froh, dass mittlerweile acht Lehrkräfte an seiner Schule wissen, wie Elemente dieser Pädagogik in den Unterricht eingebracht werden können:

"Das sind Bewegungselemente, das sind Gesangselemente, das sind Sprachelemente. Das ist die Methode des chorischen Lernens, die wir explizit von Waldorf übernommen haben. Das ist sehr schön, weil schon mal alle einen Redeanteil haben, einen gemeinsamen.

Was bei uns am Standort, wenn 75 Prozent der Schülerinnen und Schüler Deutsch als Zweitsprache haben, schon mal sicherstellen kann, dass alle ein deutsches Gedicht, ein deutsches Lied von sich gegeben haben an diesem Tag."

Das Beste aus zwei Welten

Die Idee zur Mischung zweier pädagogischer Ansätze, dazu, so der Slogan, "Das Beste aus zwei Welten" zusammenzuführen, war 2013 in der Hamburger Schulbehörde entstanden. Die Pläne von waldorfbegeisterten Eltern, eine reine Schule nach den Grundprinzipien von Rudolf Steiner zu gründen, kamen in der Schulbehörde nicht gut an. Eltern mit bildungsbürgerlichem Hintergrund, so die Befürchtung, würden ihre Kinder dann vermehrt auf die Waldorf-Schule schicken. Die Kinder aus den migrantisch geprägten, eher bildungsfernen Milieus in Wilhelmsburg würden wiederum eher auf die staatliche Schule gehen. Also suchte man das Gespräch mit dem "Bund der freien Waldorfschulen" und einigte sich auf einen Schulversuch. Mit zunächst drei ausgebildeten Waldorfpädagogen.

Allerdings gab es von Anfang an auch Diskussionen darüber, wie viel Waldorf an der Schule Fährstraße möglich und sinnvoll ist. Die Einführung bestimmter Techniken im Textil- und Werkunterrichts schon im ersten Schuljahr funktionierte zum Beispiel nicht, so Schulleiter Grob:

"Das ist hier gescheitert, weil bei uns am Standort ein ganz großer Teil der Schülerinnen und Schüler von der Feinmotorik, von der Konzentrationsfähigkeit her in der ersten Klasse nicht in der Lage ist, die geforderten Aufgaben zu bearbeiten."

Bruch nach zweieinhalb Jahren

Nach zweieinhalb kam es zum Bruch. Der "Bund der freien Waldorfschulen" kündigte die Zusammenarbeit auf. Der Schule Fährstraße wurde rechtlich untersagt, sich als "Schule mit Waldorfelementen" zu bezeichnen. Schulleiter Grob erklärt, warum es zum Streit kam:

"Eine normale Waldorfschule ist einzügig, wir waren vierzügig. Wir sind ein KESS 1-Standort, normale Waldorfschulen sind privilegierte, bürgerliche Standorte. Die Kolleginnen waren von den Schülerinnen und Schülern und von der notwendigen Pädagogik überfordert."

Aus Sicht von Henning Kullack-Ublick vom "Bund der freien Waldorfschulen" war der Schulversuch zu schnell und zu umfassend organisiert worden. Nicht die Waldorf-Pädagogen, sondern das Kollegium der Schule sei überfordert gewesen mit den neuen Lernmethoden. Von Anfang an habe es Spannungen zwischen dem neu eingestellten Waldorf-Personal und dem angestammten Kollegium gegeben.

Überforderung und Unstimmigkeiten auf kollegialer Ebene

"Und dann prallten halt auch zwei völlig unterschiedliche Philosophien darüber, wie man eine Schule organisieren muss und organisieren kann aufeinander. Und es war einfach nicht genug Zeit, um das miteinander abzugleichen. Dann entstanden eben auch teilweise persönliche Spannungen, die sicherlich nicht dazu beigetragen haben, dass man das in Ruhe und auf einer kollegialen Ebene, möchte ich mal sagen, miteinander zu Ende aushandeln konnte."

Nach dem Scheitern der Kooperation entschied sich die Hamburger Schulbehörde, den eingeschlagenen Weg weiter zu gehen. Auch ohne den offiziellen Stempel des "Bundes der freien Waldorfschulen".

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