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StartseiteHintergrundGeschichte aktuell: Wasserwerfer und bestellter Jubel07.10.2009

Geschichte aktuell: Wasserwerfer und bestellter Jubel

Vor 20 Jahren: Der 40. Jahrestag der DDR in Ost-Berlin und der Provinz

Zu den Feierlichkeiten am 40. Jahrestag der DDR im Jahr 1989 hatte die SED-Führung auch den sowjetischen Staatschef Gorbatschow eingeladen. Doch der stand längst für Glasnost und Perestroika. Während sich die Herrschenden im Ostberliner Palast der Republik selbst feierten, versammelten sich auf den Straßen und Plätzen davor Tausende zum lautstarken Protest.

Von Harald Kleinschmid

Die Staats- und Parteichefs der Sowjetunion, Michail Gorbatschow, und der DDR, Erich Honecker, am 6. Oktober 1989. (AP)
Die Staats- und Parteichefs der Sowjetunion, Michail Gorbatschow, und der DDR, Erich Honecker, am 6. Oktober 1989. (AP)
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"Genossen Soldaten und Matrosen, Unteroffiziere und Maate, Genossen Fähnriche und Offiziere! Ich begrüße und beglückwünsche Sie zum 40. Jahrestag der Deutschen Demokratischen Republik! - Hurra, hurra, hurra!"

Der Tag begann martialisch in der Ostberliner Karl-Marx-Allee. DDR-Verteidigungsminister Heinz Kessler eröffnete die Militärparade aller Waffengattungen mit Panzern, Raketenwerfern und vorbei fliegenden Flugzeugen. Der Maler und Grafiker Manfred Butzmann beobachtete die Szenerie am Fernseher.

"Wir wissen ja alle, dass Honecker in dem Sommer krank war, und sein einziges Streben bestand wahrscheinlich darin, an dem 40. Jahrestag wieder auf der Tribüne zu stehen. Und Gorbatschow war ja auch eingeladen, und ein Bild, das ich vom 40. Jahrestag im Fernsehen dann sehen konnte, war einprägend: Honecker hatte Mühe, beim Vorbeimarsch der Soldaten und beim Vorbeifahren der Panzer seine Hand grüßend an der Stirn zu halten, und nebenbei zeigte die Kamera Gorbatschow, wie er in einem kleinen Notizbüchlein blätterte. Der eine wollte mit dem Gruß sozusagen die Zeit festhalten und Gorbatschow war offensichtlich, optisch für jeden deutlich zu sehen, mit ganz anderen Dingen beschäftigt."

Der sowjetische Staats- und Parteichef hatte seinem ostdeutsche Kollegen davor schon unter vier Augen mit dem Satz "Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben!" gehörig die Leviten gelesen. Vor der Presse hörte sich das so an:

"Meinen Sie, dass die Situation jetzt in der DDR gefährlich ist?" - "Ich denke nicht. Ich glaube, Gefahren warten nur auf jene, die nicht auf das Leben reagieren."

Trotzdem versuchte am Abend der erschöpfte Staats -und Parteichef Erich Honecker unter seinen hochrangigen Gästen Zuversicht zu verbreiten.

"Liebe Freunde und Genossen, meine Damen und Herren des diplomatischen Korps, liebe Gäste! (Beifall) Nehmen Sie die Gewissheit mit nach Hause, dass unsere Republik auch im 5. Jahrzehnt ihrer Existenz ein bedeutender, zuverlässiger Friedensfaktor im Zentrum Europas sein wird. Unsere Freunde in aller Welt seien versichert, dass der Sozialismus auf deutschem Boden, in der Heimat von Marx und Engels, auf unerschütterlichen Grundlagen steht."

Eine krasse Fehleinschätzung der überalterten DDR-Führung. Sie ignorierte die Sehnsucht der Bevölkerung nach Glasnost und Perestroika à la Gorbatschow ebenso wie die katastrophale Wirtschaftslage und die gewaltige Unzufriedenheit im Lande. Die äußerte sich in immer stärker besuchten Friedensandachten der evangelischen Kirchen, in Zehntausenden Ausreiseanträgen, Fluchtversuchen über die halb offene Grenze zwischen Österreich und Ungarn und Botschaftsbesetzungen. Die Fahrt der Flüchtlinge aus der Prager Botschaft in Zügen der Deutschen Reichsbahn durch die DDR, durch Dresden und Plauen ins bayerische Hof, war wenige Tage zuvor zum Fiasko geraten. Während sich die Herrschenden im Ostberliner Palast der Republik selbst feierten, versammelten sich auf den Straßen und Plätzen davor Tausende zum lautstarken Protest.

Ausgangspunkt der Demonstrationen war eine Kundgebung, die seit den Wahlfälschungen am 7. Mai am 7. Tag jeden Monats auf dem Alexanderplatz stattfand - also auch am 7. Oktober. Auf dem nächtlichen Weg der Demonstranten zur Gethsemane-Kirche im Prenzlauer Berg, einem Zentrum des gewaltfreien Widerstandes, ging die Volkspolizei massiv mit Wasserwerfern und Schlagstöcken vor, 3000 insgesamt wurden festgenommen, auf Lastwagen verladen und in Gefängnisse gebracht. Im DDR-Fernsehen hörte sich das am nächsten Tag so an.

"In den Abendstunden des 7. Oktober versuchten in Berlin Randalierer, die Volksfeste zum 40. Jahrestag der DDR zu stören. Im Zusammenspiel mit westlichen Medien rotteten sie sich am Alexanderplatz und Umgebung zusammen und riefen republikfeindliche Parolen. Der Besonnenheit der Schutz- und Sicherheitsorganen sowie den Teilnehmern an den Volksfesten ist es zu verdanken, dass beabsichtigte Provokationen nicht zur Entfaltung kamen. Die Rädelsführer wurden festgenommen."

Es wurden insgesamt etwa 3000 Demonstranten festgenommen. Einer dieser so genannten "Rädelsführer" war der Grafiker Manfred Butzmann, der später einer Kommission zur Untersuchung dieser Übergriffe angehörte. Er hatte sich in der Nähe der Gethsemane-Kirche auf die Suche nach seiner halbwüchsigen Tochter gemacht.

"Die Situation war so, dass sich da eine ganze Kette junger Leute nebeneinander auf der Straße versammelt hatten; die hatten Kerzen vor sich hingestellt, es wurde zum Teil gesungen, und genau gegenüber standen die Polizisten in mehreren Reihen hintereinander, und als ich jetzt von hinten zu dieser Stelle kam, merkte ich, da sind bereits Lkws aufgefahren mit der Ladeklappe hinten aufgeklappt, die offenbar bereitstanden, die jungen Leute zu verhaften...Ich wurde verhaftet und war dann mit - ich glaube - 46 Leuten in einer 16 Quadratmeter großen Zelle, und wir wurden dann einzeln vernommen, mussten uns alle auskleiden, und an diesem Abend kriegte ich noch einen besonderen Vernehmer, der sogar noch den Versuch machte, mich für die Stasi zu werben. Und das Ganze war dann sozusagen für mich noch ein Abschluss des Themas DDR. Und ich kann vielleicht sogar sagen, dass ich ganz zufrieden war, auch diese brutale Seite dieses Landes noch mitgekriegt zu haben am persönlichen Leben, damit ich nicht in irgendwelche Nostalgie voreilig verfalle, wenn mir manches jetzt nicht mehr gefällt."

Die Stasi war nicht nur in den Untersuchungsgefängnissen aktiv. So trafen sich im Pfarrhaus des brandenburgischen Dorfes Schwante nördlich von Berlin an diesem 7. Oktober unter streng konspirativen Bedingungen 43 Frauen und Männer, um die seit der Vereinigung von SPD und KPD in der DDR verbotene Sozialdemokratische Partei der DDR unter dem Namen SDP wieder in Leben zu rufen. Einer der Wortführer dieser Gruppe war Ibrahim Böhme. Ein halbes Jahr später hatte er als enttarnter Stasi-IM jegliches Ansehen verloren. In Schwante aber ergriff er, als man noch um Geschäftsordnung und Statuten rang, die Initiative:

"Aus diesem Grund haben wir uns undemokratisch angemaßt, dem Schritt der Gründung einer Initiativgruppe zur Bildung einer SDP - ich nenne sie schon einmal so -vorzugreifen, und heute unter Umständen vom Plenum getragen, bereits, auf einer programmatischen Rede fußend und auf einem Statut fußend, die SDP als gegründet zu erklären."

Diese programmatische Rede hielt der Pfarrer Markus Meckel, später Außenminister unter dem letzten DDR-Ministerpräsidenten Lothar de Maiziere, heute SPD-Bundestagsabgeordneter.

"Vorausgesetzt, wir einigen uns, gründen wir heute eine sozialdemokratische Partei in der DDR. Wir wollen damit ein Hoffnungszeichen setzen in der Unruhe und Spannung dieser Tage und Wochen. Es soll Zeichen sein eines beginnenden Endes und des notwenigen Anfangs einer wirklich demokratischen deutschen Republik. Wir tun dies an dem Tag, an dem die DDR 40 Jahre alt wird. Doch sehen wir keinen Grund zum Feiern. Die Situation in unserem Land ist bedrohlicher denn je, die Politik der SED hat das Land in eine schwere Krise geführt, eine Krise, die offenbart, was in diesem Land seit Jahrzehnten geschieht."

Die Männer und Frauen im Schwantener Pfarrhaus ahnten nur sehr vage, dass sie einen Spitzel in den eigenen Reihen hatten. Tatsächlich waren mehrere offizielle Stasi-Mitarbeiter in einem Haus auf der anderen Straßenseite postiert und beobachteten die Vorgänge. Trotzdem griffen sie nicht ein. Markus Meckel stellt darüber folgende Vermutung an:

"Natürlich hatte wir auch Angst. Aber die Frage ist ja nicht, ob man Angst hat, sondern wie man mit dieser Angst umgeht. Außerdem rechneten wir damals damit, dass es ein Kalkül der SED geben könnte, dass sie uns nicht verhaften, sondern uns mit unseren geringen Mitteln, mit unseren ganz geringen Kommunikationsmitteln, die wir damals hatten, weiterarbeiten zu lassen. Jede Verhaftung wäre eine ungeheure Werbung für diese neu gegründete Partei gewesen, das heißt, man hätte damit rechnen müssen, dass Abertausende in dieser gesellschaftlich aufgeladenen Situation, die wir damals hatten, dass sich Abertausende dem anschließen würden und zu Solidaritätsaktionen gefunden hätten. Denn man muss sich ja deutlich machen, dass die Gründung einer sozialdemokratischen Partei an die Wurzeln des Selbstverständnisses der SED ging Das war ja unsere Absicht: diese Perspektive einer westlichen Demokratie. Aber indem wir gerade eine sozialdemokratische Partei gründeten, zogen wir gewisser maßen die eine Hand aus dem Parteiabzeichen der SED - seit der Zwangsvereinigung."

Unter den SDP-Gründern in Schwante befand sich ein knappes Dutzend evangelischer Pfarrer. Das trug den Sozialdemokraten der DDR später den Vorwurf ein, sie hätte sich gewissermaßen unter das Dach der Kirche geflüchtet. Markus Meckel lässt das nicht gelten.

"Ich halte das für eine falsche Formulierung, weil es sich ja auch hier zeigte, dass viele engagierte Christen, auch viele Pfarrer, ja nicht unter das Dach der Kirche gegangen sind, sondern sie haben sich von ihrem Verständnis des Evangeliums, dass christlicher Glaube etwas mit dem ganzen Menschen, also auch den gesellschaftlichen Fragen etwas zu tun hat, von daher engagiert."

Auf ganz besondere Weise wurde das am 7. Oktober auch weit weg von den zentralen Feierlichkeiten in der tiefsten Provinz deutlich. In einem südlichen Winkel der Republik, in der vogtländischen Stadt Plauen, die bisher nur durch ihre DDR-weit begehrten Spitzen aufgefallen war, geschah Außergewöhnliches. Thomas Küttler war damals Superintendent der evangelischen Kirche der Stadt.

"Plauen geriet ja durch die Ausreisezüge aus Prag in den Brennpunkt. Als letzter Ort vor der Grenze. In der Nachbarstadt Hof kamen die Züge an, wurden herzlich empfangen, kriegten viele Dinge gestiftet, und das war für Plauen und für alle, die das dann abends im bayerischen Fernsehen brühwarm aufgetischt bekamen, eine enorme emotionale Inanspruchnahme. Und so bahnte sich das an, dass dieses Wochenende - der 7. Oktober fiel ja auf einen Sonnabend im Jahre 1989 - dass an diesem Wochenende etwas passieren würde. Also das spürten wir doch ziemlich deutlich."

Auch Thomas Küttler hatte gerüchteweise davon erfahren, dass am 7. Oktober um 15 Uhr im Zentrum eine Demonstration stattfinden würde.

"Die SED war auf 400 'Randalierer' eingerichtet, wie sie sich immer ausdrückte, und wir hofften eben, dass es doch sehr viel mehr werden würden. Und dann gingen wir alle auf den Platz, den wir den 'Tunnel' nennen, 'Theaterplatz' heißt er offiziell - und - ja, Sie müssen sich das so vorstellen: Ein schweigendes Miteinander, ein sich gegenseitig Zunicken, ein sich Erkennen: Ah, du bist auch dabei, schön! Natürlich auch Gestalten, die wir nicht deuten konnten oder anders deuten mussten. Aber es war eine ganz eigenartige Stimmung, dass man sagte: Mensch, der auch, sogar der Stabü-Lehrer, der Staatsbürgerkunde-Lehrer meiner jüngsten Tochter war dort."

Und als sich zahllose Menschen versammelt hatten, - die Zahlen schwanken zwischen 10.000 und 15.000 - geschah etwas, was zu diesem Zeitpunkt in seiner Bedeutung noch gar nicht erfasst wurde.

"Punkt drei ging eine Trillerpfeife, oder was das war, los, und auf einmal zog sich diese noch etwas locker stehende Menschenmenge zusammen , auf das vermutete Zentrum hin. Dort passierte aber gar nichts. Es stieg zwar einer auf eine 'Daphne'-Figur, die unser späterer Oberbürgermeister gestaltet hatte, und hielt eine schwarz-rot-goldene Fahne hoch, der wurde aber von den anderen, nicht bösartig, aber zurückgezogen, so unter dem Vorzeichen: Komm, das passt jetzt nicht, das ist zu früh! Ich deute es mal so."

Wie in Berlin war die Obrigkeit auch in Plauen nicht gewillt, irgendeine Art gegen sie gerichteter Kundgebungen hinzunehmen. Sie ließ einen Hubschrauber über dem Stadtzentrum kreisen, Löschfahrzeuge der Feuerwehr als Wasserwerfer auffahren und Hundestaffeln massiv gegen die Menge vorgehen. Superintendent Küttler hatte schon in der Vergangenheit von Berufs wegen Kontakte in die Stadtverwaltung.

"Inzwischen hatte sich die Staatsmacht sich darauf vorbereitet, das Rathaus sozusagen zu beschützen, abzuschirmen, hatte mehrere Ketten von Betriebskampfgruppen, Volksarmee und Polizei gebildet und riegelte das Rathaus ab, und die Menge drängte nun mächtig auf das Rathaus zu. Und manchmal sah es so aus, als sollte jetzt vielleicht doch noch ein Gewaltausbruch kommen, der das Rathaus sozusagen besetzen wollte. Und in dieser Situation, wo ich auch merkte, das wird jetzt siedend heiß, jetzt darf nichts passieren, da hab ich mich durch diese Sicherheitsketten durch bewegt, habe gesagt: 'Ich kenne den Oberbürgermeister!', und der von der Polizeitruppe, der wusste auch ein bisschen Bescheid, wer ich war, hab ich den Eindruck, denn er bahnte mir ein Stück sogar den Weg, und ich konnte da rein. Und da drin die versammelte Machtelite der ganzen Stadt, also die sah ich da alle , würde ich mal sagen, mehr oder weniger ratlos. Und dann sagten sie, ja, also Sie können ja zur Menge reden, haben sie von sich aus gesagt. Und da bin ich dann raus gegangen, hab einen Versuch gemacht, das ging aber unter. Sie können sich vorstellen, wenn Tausende da stehen, und einer mit bloßer Stimme spricht, das geht ja nicht. Und dann haben die mir ein Megafon sogar beschafft, mir gereicht, dann ging's besser."

Küttlers Versuche, die Menge zu beruhigen, seine Appelle zur Gewaltlosigkeit waren durchaus auch von Misstrauen begleitet, manche vermuteten ein Paktieren mit der Obrigkeit. Das schwand erst, als der Superintendent ein sichtbares Zeichen des Nachgebens der Sicherheitskräfte vorweisen konnte.

"Dann (war da) dieser Hubschrauber, der uns so bedrängte, weil er auch so niedrig flog - neben dem Rathaus steht die Luther-Kirche mit nicht gerade großer Spitze, aber doch schlecht berechenbar - da kriegte die Menge doch Zorn auf diesen Hubschrauber, und da hab ich dann gesagt, es wäre ein Zeichen des Friedens, wenn der abgezogen würde. Und tatsächlich zogen sie ihn ab, und da können Sie sich vorstellen: Das haben die Leute als Sieg empfunden!"

Auf diesen Erfolg folgten weitere Zugeständnisse der Staatsmacht.

"Als ich dann also die feste Zusage vom OB hatte, dass er in der nächsten Woche ein Gespräch mit Bürgern, die ich aussuchen durfte, führen würde, da hab ich das draußen gesagt, und da kamen die sofort mit Zetteln und wollten also daran beteiligt sein. Ich sagte: 'Das geht so nicht, am Montag' - da merken Sie wieder die Spießbürgerlichkeit unserer Revolution - 'also am Montag könnten sie sich in der Superintendentur melden'. 'Ja, wo ist denn das?', riefen dann welche, und: 'Wann ist denn die offen?' Damals haben wir noch früh angefangen. 'Um 7', sagte ich, und als denn Montag um 7 gekommen war, da standen sie Schlange in der Superintendentur."

Thomas Küttler wählte zwei Dutzend vertrauenswürdige Leute aus und begann mit ihnen die Gespräche mit den Herrschenden. Ihre erste Aufgabe war es, die Personen wieder freizubekommen, die in der Nacht vom 7. zum 8. Oktober doch noch willkürlich festgenommen worden waren, nachdem die Menge der über Zehntausend sich zerstreut hatte. Trotzdem sprach wie in Berlin die lokale, gleichwohl zentral gesteuerte Presse auch an diesem Montag noch von "Zusammenrottungen" in Plauen. Am Abend dieses Tages allerdings fand auf dem Leipziger Ring die friedlich verlaufende Demonstration der Hunderttausend statt, die der gesamten DDR und der übrigen Welt signalisierte, dass das Machtmonopol der SED-Führung gebrochen war.

""Wir sind das Volk! Wir sind das Volk!""

Unter diesem Eindruck blieben die Ereignisse in Plauen zwei Tage zuvor von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt. Lediglich die "Frankenpost" in Hof nahm einige Tage später Notiz davon, weil eine Rentnerin, die in dringenden Familienangelegenheiten über die nahe Grenze reisen durfte, in Wort und mit mitgebrachten Fotos davon berichten konnte. Heute streitet man in Plauen darüber, wie ein bescheidenes Denkmal, das an das erste erfolgreiche Aufbegehren in der DDR erinnern soll, gestaltet und finanziert werden könnte. Für Thomas Küttler ist diese Frage sekundär. Für ihn zählt die revolutionäre Tat.

"Wenn das Volk etwas will, kann es auch etwas erreichen. Es sind nicht nur die Bürgerrechtsgruppen. Die haben Pionierarbeit geleistet, aber die hatten dann die Schwierigkeit, von ihren Idealen runter zu kommen. Die hatten den ganzen Herbst über daran zu knaupeln, dass die deutsche Einheit sich so stark in den Vordergrund schob. Das ist deren Problem gewesen. In Plauen war ganz klar: Es war das Volk."

Und diese Erkenntnis hat auch Auswirkungen bis in die Gegenwart.

"Ich denke doch, dass eben eine Stadt wie Plauen, die sich selber so viel getraut hat, sich auch heute noch eine gewisse innere Freiheit bewahrt hat. Also das äußert sich jetzt nicht in irgendwelchen anderen Wahlergebnissen - die sind dort wie überall, - aber in einer guten Stimmung zu dem, was gewesen ist. Dass man sich also nicht nachträglich widerlegt und widerruft, was gewesen ist und sagt. "Hätten wir das gewusst, was da draus geworden ist!" So etwas, solche Stimmen hören Sie in Plauen weniger. Sondern es sind viele Stimmen, die sagen, wir haben damals richtig gehandelt und wir wollen auch, dass das entsprechend in der Erinnerung bewahrt wird."

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