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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenMittelaltermarkt, Ritterturnier und nachgestellte Schlachten10.07.2014

Geschichte als ErlebnisMittelaltermarkt, Ritterturnier und nachgestellte Schlachten

Geschichte und geschichtliche Ereignisse nachzuerleben, das reizt viele, auch Wissenschaftler. Spannend für sie sind weniger die Fantasiewelten auf Mittelaltermärkten, sondern mehr die lebensecht und authentisch nachgestellten Geschichtsereignisse, wie zum Beispiel große Schlachten.

Von Christian Forberg

Eine nachgestellte Szene der Schlacht von Brest am 22. Juni 1941 (picture-alliance/dpa/ Tatyana Zenkovich)
Eine nachgestellte Szene der Schlacht von Brest am 22. Juni 1941 (picture-alliance/dpa/ Tatyana Zenkovich)
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Eintrittskarten zur Schlacht (Deutschlandfunk, Kultur heute, 18.10.2014)

Mit klingendem Spiel marschiert eine Militärkapelle in historischen Kostümen über ein abgeerntetes Feld. Etwas entfernt ziehen anders Kostümierte eine altertümliche Kanone über den Acker. Ab und zu wird aus dieser und anderen geschossen. Das war sie, die Völkerschlacht zu Leipzig des Jahres 2013, zwei Jahrhunderte nach dem mörderischen Treffen. 6000 Komparsen und Zehntausende Zuschauer waren da, und hatten ihre jeweils eigene Freude daran. Frevel an der Geschichte? Nein, sagt Wolfgang Hochbruck, Professor für Amerika-Studien an der Uni Freiburg. "Geschichtstheater" hat er sein jüngstes Buch genannt.

"Man spielt eine Schlacht nach eben als Spiel. Es geht nicht darum, einen Krieg zu verherrlichen, so, wie er geführt worden ist, sondern sich selbst und gegenseitig in dieser Nachinszenierung zu versichern, dass das vorbei ist. Dass das etwas ist, was in der Vergangenheit liegt und in dieser Vergangenheit gesichert abgespeichert werden kann. Und dass die ehemaligen Gegner sich jetzt gegenüberstehen können, ohne dass es jetzt noch irgendwelche Animositäten gibt."

Diese "Re-enactment" genannten Nachspiele als Kulturtechnik zu analysieren, nahm breiten Raum auf der Potsdamer Tagung ein. Dr. Stefanie Samida, involviert in das Tübinger Forschungsprojekt "Living History", lief ein Stück mit auf einem Feldzug, den Kaiser Caracalla vor 1800 Jahren gegen die Germanen führte. Wobei der Weg das Ziel der neuntägigen Aktion war:

"Wir wollen mal gucken, wie die Ausrüstung auf bestimmte Sachen reagiert hat: Wenn ich in den Schuhen laufe - wie halten die sich? Oder wenn ich mein Schild auf dem Rücken trage - was passiert dann? Gibt es irgendwelche Druckstellen? Können die das so getragen haben in der Römerzeit?"

Geschichtswissen wird sich über Selbsterfahrung angeeignet, die bis zur Schmerzgrenze reicht. In diesem Falle waren es Blasen: Genagelte Sandalen und Asphalt - da vertrugen sich Vergangenheit und Gegenwart schlecht. Derartige Detailversessenheit sei kein Einzelfall, stellt Professor Frank Bösch, Historiker und Direktor des Potsdamer Zentrums für Zeithistorische Forschung fest:

"Eine Erkenntnis unserer Tagung ist, dass das Objekt dasjenige ist, dem die höchste Authentizität zugesprochen wird; wo die Detailgenauigkeit ganz stark überwiegt, während in anderen Formen etwa des Handelns, des sozialgeschichtlichen Kontext oder auch des Sprechens eine relativ große Toleranz besteht, wie genau Dinge rekonstruiert werden oder nicht."

Nähe suchen zum einstigen Original

Auch viele der Vereine, die sich als Römer, Hunnen oder Germanen in den "Kölner Stämmen" gesammelt haben, suchen quasi wissenschaftlich die Nähe zum einstigen Original. Anderen läge eher das Karnevaleske näher, sagt die Ethnologin Anja Dreschke von der Uni Siegen. Sie hat einen Film über die Stämme gedreht und vor allem deren spirituellen Praktiken untersucht.

"Beispielsweise gibt es in den Vereinen Schamanen, die Rituale durchführen: Taufen; Hochzeiten, die dann als hunnische Hochzeiten gefeiert werden, haben durchaus einen Stellenwert, der dann im Alltagsleben eine Relevanz hat. Es gibt viele, die nach der standesamtlichen Zeremonie jetzt keine kirchliche Trauung anhängen, sondern eine hunnische Hochzeit feiern."

Wer so etwas macht, kann in den Verdacht geraten, mit dem Heute nicht klar zu kommen.

"Häufig gibt's ja auch die Annahme, dass es darum geht, in eine einfachere Welt mit klareren Regeln zu flüchten. Ich würde aber genau das Gegenteil argumentieren: Es geht darum, eine Welt zu haben, die wesentlich komplexer ist als die Alltagswelt, und in der es Möglichkeiten gibt, Regeln auszuhandeln, permanent. Da geht's halt auch um das Aushandeln von dem, was man als authentisch empfindet: Wie macht man das eigentlich? Und das ist jetzt vielleicht kein akademischer Diskurs, aber eine Form von Wissenskultur."

Darum geht es den meisten Menschen, die Geschichte leben wollen. Ausnahmen bilden Neonazis, die an den Germanenkult der Faschisten anknüpfen, um sich ideologisch "aufzuladen". Frank Bösch fand im Internet die Mitteilung eines Neonazis, der als Komparse im Film "Der Untergang" mitgewirkt hatte und sich beklagte, dass jene Szene herausgeschnitten worden sei, wo er dem "Führer" die Hand geschüttelt habe.

"Er berichtete auch, dass die Komparsen, die in Nazi-Uniform in diesem Film stehen, sich Zeichen geben, sich erkennen würden und es auch wirklich genießen in diesen Szenen, in der nachgespielten Umgebung des Dritten Reiches zu stehen."

Auch die medial vermittelte Historie wurde auf der Tagung besprochen.

"Denn auch wenn wir in vermittelter Form, im Kino beispielsweise, Geschichte erleben, erleben wir sie körperlich, das heißt mit Emotionen, mit Reaktionen über den Körper."

"Situationen aufsuchen, die in der Zukunft als historisch gelten"

Wobei es nicht so sei, dass Berichte oder Inszenierungen im Fernsehen oder Kino den eigentlichen Originalen den Rang abgelaufen hätten. Frank Bösch meint sogar, dass die allgegenwärtige Medienwelt Geschichte schaffe:

"Nämlich, dass die zunehmende Auseinandersetzung mit dem Erleben von Geschichte dazu führt, dass Menschen Situationen aufsuchen, die in der Zukunft als historisch gelten."

Als Beispiel führte er unter anderem die "Yes-we-can"-Rede Barack Obamas in Berlin an. Fast eine Viertelmillion Menschen war dabei. Zum anderen wurde das Aufsuchen der in den Medien gesehenen Originale zum Bestandteil des Massentourismus. Anfänge gab es bereits im Ersten Weltkrieg, sagt die Historikerin Dr. Susanne Brandt von der Uni Düsseldorf: Die unglaublichen Zerstörungen, von denen die Zeitungen berichteten, wollten viele selbst in Augenschein nehmen. In den 1930 Jahren hatten französische Weltkriegsteilnehmer die Idee, im 1916 restlos zerstörten Fleury bei Verdun ein Museum zu schaffen, was jedoch erst 1967 eröffnet wurde.

"Das war vollgestellt mit Objekten; minimale Beschreibung, weil einfach alle wussten, was da zu sehen ist und was diese Objekte 'bedeuten'. Die Museen merken jetzt, dass das für die neuen Besucher nicht reicht. Dass die ganz viel erklärt haben müssen."

Andere Museen entstanden, die Informationen emotional wirksamer vermitteln; das Museum in Fleury wird bis 2016 umfassend erweitert. Allerdings können Emotionen allein kein Wissen von Geschichte schaffen, sagt Dr. Juliane Brauer vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung Berlin.

"Angst im Mittelalter können wir einfach nicht nachfühlen, auch wenn wir sagen: Wir kennen das Gefühl Angst. Aber das einzufordern in Re-enactments oder History Settings würde bedeuten, etwas einzufordern, was gar nicht zu haben ist."

Womit sie nicht für eine Ent-Emotionalisierung des historischen Lernens spricht. Statt des Nachfühlen-Sollens von Angst zum Beispiel käme für sie das Nachdenken über die Wandlung von Emotionen im historischen Prozess in Frage.

"Wenn man mit Lernenden Mittelalter erarbeitet, dann eben nicht über Herrschaft und Gesellschaft nachzudenken, sondern über Angst. Und das wäre ein Anreiz, wo Emotionen eine positive Wirkung in Lernprozessen haben können. Aber nicht diese Forderung von Nachbilden, Nachfühlen, Nachempfinden - das schlägt fehl, und das würde zu einer Überforderung führen und zu einer Abwehrhaltung."

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