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StartseiteCorsoWie die Küchenschabe nach dem Atomkrieg23.02.2019

Geschichte des Deutsch-RapWie die Küchenschabe nach dem Atomkrieg

Zwischen Subkultur, Mainstream und Affront: Im Buch "Könnt ihr uns hören?" erzählen Jan Wehn und Davide Bortot die Geschichte des Hiphop in Deutschland in Form einer großen "Oral History" mit mehr als 100 Interviews. Informativ und unterhaltsam, aber wenig kritisch findet das Rap-Kenner Fabian Wolff.

Fabian Wolff im Gespräch mit Kolja Unger

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Der in Berlin geborene Rapper Fler auf der Bühne im ColumbiaClub. (dpa / picture alliance / Britta Pedersen)
Rapper Fler: Mittlerweile hat er sich vom Label Aggro Berlin gelöst (dpa / picture alliance / Britta Pedersen)
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Kolja Unger: Die Entwicklung des "Deutsch-Rap", wie Hiphop aus Deutschland oft genannt wird, auf über 400 Seiten. Wo fängt diese Geschichte an?

Fabian Wolff: Das Buch legt als Startpunkt 1983 fest, weil in dieser Zeit der immer noch junge Hiphop aus den USA nach Deutschland kommt, meist über Fernsehbeiträge über Breakdance. Damals bestand Hiphop ja noch ganz selbstverständlich aus den vier Elementen, also neben DJing und Rappen auch noch Breakdance und Graffiti. Damals hat noch niemand an Musikbusiness oder Geldverdienen gedacht. Es ging wirklich nur um die Passion. Es schien aber auch total undenkbar am Anfang, dass man auf Deutsch rappt, weil die Sprache so ungelenk und knochig ist. Das erzählen die Pioniere in diesem Buch in ihren eigenen Worten, die zusammen eine Erzählung der ersten Jahre ergeben.

Verschiedene lokale Kulturen

Unger: Anfang der 90er rappten Gruppen wie Advanced Chemistry oder - auch in der Spaßecke verortet - die Fantastischen Vier dann ganz selbstverständlich auf Deutsch und wurden damit erfolgreich. Was erzählt das Buch über diese Ära?

Wolff: Für viele gilt die Zeit von 1994 bis zur Jahrtausendwende ja als die Blütezeit des Deutschrap, die eigentlich ein eigenes Buch verdient hätte. Das Kapitel zu dieser Ära ist dann auch das längste im Buch ist. Es ist nach Städten und Szenen geordnet. Damals haben sich ja verschiedene lokale Kulturen in Hamburg oder Frankfurt oder Stuttgart herausgebildet, die alle einen eigenem Sound und eine eigene Ästhetik hatten. Was diese Szenen ausgemacht hat, fängt das Buch gut ein, was leider fehlt, ist ein Gefühl dafür, was das Genre vielleicht auch kulturell im deutschen Kontext bedeutet hat. Gerade bei einer politischen Gruppe wie Advanced Chemistry wäre das ja wichtig, die als eine der ersten auch vor dem Hintergrund der ganzen Neo-Nazi-Anschläge der frühen Neunzigern über Ausgrenzung und Rassismus und das Gefühl, nicht dazuzugehören, gerappt haben.

Die Stuttgarter Band Die Fantastischen Vier in einem Tunnel, im Hintergrund, durch ein Tunnelende gesehen, scheint die Erde zu sein. (Robert Grischek)Die Stuttgarter Band Die Fantastischen Vier (Robert Grischek)

Unger: Sie haben ja jetzt auch verschiedene lokale Szenen angesprochen. Die Berliner Szene bekommt im Buch ein eigenes Kapitel. Wieso?

Wolff: Berlin als Rapstadt war damals, um 2000 herum, sehr umstritten. Sie galt als besonders rau, asozial, die Musik war immer das Gegenteil von kunstfertig, das Schmuddelkind der Hiphop-Szene oder vielleicht wie die Küchenschabe, die einen Atomschlag überlebt. Um 2003 herum bricht nämlich die erste Deutsch-Rap-Welle, Labels stoßen ab, Verträge werden aufgelöst, Platten verkaufen sich nicht mehr. Und irgendwann haben dann nur noch die Rapper aus dem Umfeld des Labels Aggro Berlin überlebt und das Genre beherrscht und Schulhöfe im ganzen Land geprägt. Zu dieser Zeit beginnen dann auch die großen Skandale und Diskussionen über Jugendschutz, über Sexismus und Homophobie, teilweise auch schon über Antisemitismus im Genre. Die gibt es seitdem immer wieder mal. Diese Kontroversen werden auch im Buch pflichtbewusst abgehandelt. Meistens werden da aber nur verschiedene Stimmen gegeneinander und einander gegenüber gestellt. Das ist so ein bisschen eine Schwäche des Formats.

Auf Augenhöhe, aber nicht besonders kritisch

Unger: Maßgeblich für das Format ist ja die "Oral History", eine Methode, die in den USA schon seit langem etabliert, gerade auch im Kulturjournalismus. Wie gut eignet sie sich als Form, um die Geschichte vom Deutsch-Rap zu erzählen?

Wolff: Der Aufwand des Interviewsammelns ist natürlich enorm, aber Autoren vermeiden dadurch auch die eigene Stellungnahme. Das hat positive Aspekte, weil es auf Augenhöhe der historischen Protagonisten bleibt, aber natürlich auch negative Aspekte: Meta-Diskussionen und Kritik tauchen nur dann auf, wenn die Interviewpartner selbst davon erzählen. So ist das Buch eine sehr unterhaltsame, auch aufschlussreiche, materialreiche Innenansicht, die aber keine kritische Haltung zum Thema entwickeln kann. Es geht immer wieder um die Hiphop-Idee des "Einfach-Machen", das ist die Stoßrichtung auch der Macher. Und so ist das Buch, im guten wie im schlechten Sinne, ein Fanprodukt.

Jan Wehn, Davide Bortot: "Könnt ihr uns hören? - Eine Oral History des deutschen Rap"
Ullstein Verlag Berlin, 2019. 464 Seiten, 20 Euro.

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