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StartseiteCorso"Jeder US-Präsident bis Eisenhower war Verschwörungstheoretiker"12.03.2018

Geschichte von Verschwörungstheorien"Jeder US-Präsident bis Eisenhower war Verschwörungstheoretiker"

Flüchtlingsströme ein Komplott? Die Mondlandung fake? Verschwörungstheorien haben Konjunktur, gerade im digitalen Zeitalter. "Das Internet macht sie sichtbar", sagte Verschwörungsexperte Michael Butter im Dlf. Dabei hätten die Theorien eine viel längere Tradition.

Michael Butter im Corsogespräch mit Juliane Reil

Neil Armstrong mit seinem Kollegen Buzz Aldrin am 20. Juli 1969. (imago/United Archives International)
Für manche Verschwörungstheoretiker nur ein Fake: Die Mondlandung (imago/United Archives International)
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"Die Mondlandung hat nie stattgefunden", "9/11 war von den USA inszeniert", "Angela Merkel & Co. sind Reptilien in Menschengestalt, die die Weltherrschaft anstreben" – Verschwörungstheorien haben Konjunktur und beunruhigenderweise tauchen sie auch immer mehr in der Politik auf. Warum das so ist, damit hat sich Michael Butter auseinandergesetzt. Er lehrt Amerikanistik an der Universität Tübingen.

"Dinge geschehen nicht einfach so"

Juliane Reil: Hallo zum Corsogespräch.

Michael Butter: Hallo, Frau Reil.

Reil: Herr Butter, gab es schon mal eine Verschwörungstheorie, die Ihnen selbst vielleicht gar nicht so abwegig vorkam?

Butter: Die allererste, die mir begegnet ist, nämlich 1999: die Mondlandungs-Verschwörungstheorie. Da habe ich in England studiert, habe das Uni-Magazin da aufgeschlagen und da war eine Seite voll mit Beweisen dafür, dass die Mondlandung nie stattgefunden hat, sondern im Fernsehstudio inszeniert wurde. Und ich fand das alles unfassbar überzeugend und dachte: Warum höre ich davon erst jetzt? Und dann habe ich umgeblättert – und dann kamen die ganzen Gegenbeweise, warum diese Verschwörungstheorie nicht stimmt. Das war im Grunde genommen der Moment, wo ich am nächsten dran war, mal so eine Verschwörungstheorie zu glauben.

Reil: Und was macht eine Theorie über eine Verschwörung denn überhaupt zur Verschwörungstheorie?

Butter: Es gibt im Grunde drei Kriterien, die eine Verschwörungstheorie erfüllen muss, um als solche zu gelten: Erstens muss sie annehmen, dass alles geplant wurde – also nichts durch Zufall entsteht.

Dass also eine im Geheimen operierende Gruppe die Geschicke eines Landes oder gar der Welt lenkt, manchmal sogar über Jahrzehnte oder Jahrhunderte hinweg. Wenn man das annimmt, dann ist einem auch klar, dass nichts so ist, wie es scheint. Das heißt, dann geschehen Dinge nicht einfach so, dann sind Dinge nicht einfach so passiert, sondern dann gibt es eben diese Gruppe, die im Hintergrund steht und alles orchestriert.

Und Drittens gehen Verschwörungstheorien davon aus, dass alles miteinander verbunden ist. Wenn Sie davon ausgehen, dass die Transformationen in Europa in den letzten Jahren Teil eines großen Komplottes sind, um eben den Austausch der Bevölkerung herbeizuführen, dann machen auf einmal die Einführung des Euro, die Emanzipation der Frau und Gender-Mainstreaming, der Irak-Krieg und die Flüchtlingsbewegung von Nordafrika nach Europa alle vollkommen Sinn, weil sie Teil dieses großen Komplottes sind.

Wir haben noch länger mit Michael Butter gesprochen - Hören Sie hier die Langfassung des Corsogesprächs

Das wurde geplant von irgendwelchen dunklen Mächten im Hintergrund – einer globalen Finanzelite oder den USA. Es ist nicht so, wie es scheint, dass diese Dinge einfach so geschehen. Und sie sind alle miteinander verbunden. Und dann haben wir halt eine ganz klassische Verschwörungstheorie.

"Lincoln hat ganz bewusst Verschwörungstheorien verbreitet"

Reil: Aber wer sind denn dann eigentlich die Menschen, die besonders anfällig für eine Verschwörungstheorie sind?

Butter: Das kann man nur bis zu einem gewissen Grade pauschalisieren – es ist so, dass in der Vergangenheit im Grunde jeder an Verschwörungstheorien glaubte, weil das einfach normal war. Das hat sich geändert in Europa und in den USA nach dem Zweiten Weltkrieg.

Reil: Da muss ich aber mal kurz einhaken – "normal"? Das ist wirklich eine neue Information für mich, dass Verschwörungstheorien mal Wissensstandard gewesen sind oder akzeptiert wurden, so verstehe ich Sie jetzt.

Butter: Genau, so war das. Im 18., im 19. und bis weit ins 20. Jahrhundert hinein waren Verschwörungstheorien ein Mainstream- und Elitendiskurs. Ich habe mich ganz intensiv beschäftigt mit der amerikanischen Kultur und da kann man sagen: Jeder amerikanische Präsident, von George Washington bis Dwight D. Eisenhower, war Verschwörungstheoretiker. Ich habe sehr viel schmunzeln müssen im Wahlkampf in den USA 2016, als Donald Trump immer so als Negativfolie gegen Abraham Lincoln gehalten wurde – "die stolze republikanische Partei Abraham Lincolns wird jetzt von einem Verschwörungstheoretiker zugrundegerichtet" -, denn Abraham Lincoln hat in seinen eigenen Wahlkämpfen ganz bewusst Verschwörungstheorien verbreitet. Ob er die geglaubt hat oder nicht, das kann man nicht sagen. Aber er hat sie eben verbreitet, weil er wusste, dass sie auf fruchtbaren Boden stoßen.

Und im Grunde basierte die gesamte Gründung der Republikanischen Partei 1854 auf der Annahme einer gigantischen Verschwörung der Sklavenhalter, der man Einhalt gebieten wollte. Das heißt, Verschwörungstheorien waren lange Zeit absolut orthodoxes Wissen, wie die Soziologie das nennen würde, und erst nach 1945, eher so um 1960 herum, sind die in den USA und Europa delegitimiert worden. Und gerade verschiebt sich das wieder so ein kleines bisschen.

"Verschwörungstheorien können immer gefährlich sein"

Reil: Würden Sie da noch eine Abstufung machen? Gibt es unterschiedliche Verschwörungstheorien, die unterschiedliche gefährlich sind?

Butter: Also, man kann sagen, dass es natürlich Verschwörungstheorien gibt, die sich gegen Eliten richten, es gibt Verschwörungstheorien, die sich eher gegen Minderheiten oder gegen Leute von außen richten – das war die dominante Form, solange das noch ein Elitendiskurs ist, klar. Und das haben wir ja momentan natürlich auch. Viele Verschwörungstheorien, die wir momentan haben, richten sich einerseits gegen Eliten, also quasi gegen die Bundesregierung, gegen Frau Merkel persönlich oft, und sie richten sich gleichzeitig dann auch gegen Geflüchtete. Und generell kann man sagen, dass natürlich, wenn es um Leib und Leben geht, die Gefahr größer ist bei Verschwörungstheorien, die sich gegen Minderheiten oder gegen Schwache richten, die eh schon stigmatisiert sind. Also, man kann davon ausgehen, dass bei den vielen Anschlägen auf Flüchtlingsunterkünfte, die wir in Deutschland letztes und vorletztes Jahr hatten, Verschwörungstheorien auch eine Rolle gespielt haben.

Das heißt, Verschwörungstheorien können immer gefährlich sein. Man muss aber wirklich differenzieren – beileibe nicht alle Verschwörungstheorien sind gefährlich. Und nicht alle Verschwörungstheoretiker sind gefährlich. Es kommt ganz oft einfach auf den Kontext an: Wer glaubt wann was in welcher Situation? Und da muss man genau hinschauen.

"Bildung ist die Antwort"

Reil: Welche Rolle spielt das Internet für die Verbreitung von Verschwörungstheorien?

Butter: Das Internet ist enorm wichtig für die Verbreitung von Verschwörungstheorien. Das Internet hat jetzt nicht dazu geführt, dass Verschwörungstheorien wieder sprunghaft angestiegen sind, aber das Internet hat Verschwörungstheorien erst mal wieder sichtbarer gemacht. Die existierten eben als so eine Art stigmatisierte Wissensform - in Deutschland, in Europa, in den USA - lange Zeit ein bisschen so unter dem Radar der etablierten Medien und der Wissenschaftselite und der Politikelite, in Subkulturen. Durch das Internet sind die sichtbar geworden. Vor 30 Jahren oder vor 40 Jahren, wenn man Zweifel hatte an der offiziellen Version zur Mondlandung, dann musste man sehr viel Zeit und Energie investieren, um wirklich so verschwörungstheoretische Alternativ-Erklärungen zu finden. Heute googeln Sie einmal, dann haben Sie die Alternativ-Erklärung zu welchem Ereignis auch immer.

Reil: Genau. Aber was tut man denn dann eigentlich? Wie kann man sich gegen Verschwörungstheorien denn zur Wehr setzen?

Butter: Ich glaube, man muss da differenzieren: mit wem hat man es denn zu tun? Hat man es mit jemandem zu tun, der schon an Verschwörungstheorien glaubt, dann ist es ganz schwierig. Es gibt also wirklich empirische Studien, die zeigen, dass Verschwörungstheoretiker noch mehr an ihre Überzeugungen glauben, nachdem man sie mit überzeugenden Gegenbeweisen konfrontiert hat. Das heißt, mehr Chancen hat man, glaube ich, bei denjenigen, die eben noch nicht wirklich an Verschwörungstheorien glauben.

Und das ist vielleicht jetzt ein bisschen eine triviale Antwort, meiner Ansicht nach ist einfach Bildung die Antwort, Medienkompetenz: Was unterscheidet eben den Blog einer Privatperson, die Verschwörungstheorien verbreitet oder einen alternativen Kanal bei YouTube betreibt, wo Verschwörungstheorien verbreitet werden, von dem Internetauftritt einer seriösen Zeitung oder eines Radiosenders? Was unterscheidet eine traditionelle Zeitung von Produkten, die irgendwo im Selbstverlag – oder von mir aus auch im Kopp-Verlag, hier in der Nähe von Tübingen – erscheinen? Gesellschaftskompetenz im weitesten Sinne wäre, glaube ich, wichtig, weil die Verschwörungstheoretiker hängen ja einem sehr antiquierten Menschen- und Gesellschaftsbild an. Die gehen davon aus, dass alles planbar ist und dass es keinerlei Effekte gibt, die niemand vorhergesehen hat. Jeder Soziologe, jeder Psychologe wird Ihnen aber sagen: So funktioniert die Gesellschaft nicht.

Michael Butter: "Nichts ist, wie es scheint"
Suhrkamp 2018, 271 Seiten, ISBN: 978-3-518-07360-5 , 18 Euro

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