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StartseiteMusikjournal"Ein Quote finde ich nicht das richtige Mittel"08.03.2021

Geschlechtergerechtigkeit im klassischen Musikbetrieb"Ein Quote finde ich nicht das richtige Mittel"

Der Anteil von Frauen in Führungspositionen im klassischen Musikbetrieb ist laut einer neuen Untersuchung immer noch gering, bei den Orchestermusikern sieht es etwas besser aus. Nach Ansicht von Maria Grätzel, Orchestermanagerin der Deutschen Radio Philharmonie Saarbrücken, hilft dagegen jedoch keine Quote.

Maria Grätzel im Gespräch mit Jochen Hubmacher

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Der Komponist steht neben der Dirigentin vor dem Orchester (Deutschlandfunk / Simon Detel)
Dirigentin Simone Young, Komponist Samir Odeh-Tamini und das DSO Berlin (Archivbild). (Deutschlandfunk / Simon Detel)
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Der klassische Musikbetrieb steht im Ruf, in vielen Dingen konservativer zu sein, als der Rest der Gesellschaft. Eine neue Studie belegt dies mit Zahlen. Die Untersuchung des Archivs Frau und Musik und des Forums Musica Femina zeigt: Die Intendanzen oder Generalmusikdirektionen in deutschen Berufsorchestern liegen aktuell zu lediglich acht Prozent in weiblicher Hand. Branchenübergreifend ist im Bundesdurchschnitt der Anteil von in Frauen in Führungspositionen dagegen rund dreimal so hoch.

Grätzel: Bisher keine Erfahrung mit Benachteiligung

Maria Grätzel, Orchestermanagerin der Deutschen Radio Philharmonie Saarbrücken Kaiserlautern, sagte im Dlf dass sie keine richtige Erklärung für diese Zahlen habe. Es gebe viele positive Beispiele in hohen Führungspositionen, "die dort das Steuer in der Hand haben." Besondere Widerstände gegenüber Frauen in Führungspositionen kann sie persönlich nicht ausmachen. "Ich habe die Erfahrung gemacht, dass das nicht zutrifft." Auch Diskriminierung habe sie nie erfahren. 

Die Berliner Philharmoniker mit dem Dirigenten Yannick Nzet inmitten des Orchesters in der Berliner Waldbühne 26.06.2016 (imago images / POP-EYE)1982 spielte die erste Frau bei den Berliner Philharmonikern. Bis heute ist das Orchester sehr männlich geprägt. (imago images / POP-EYE)Studie zu Geschlechterverteilung - "Echten Nachholbedarf haben die Spitzenorchester"
Der Anteil von Frauen in Orchestern lässt noch immer zu wünschen übrig, ist das Ergebnis einer erstmals sehr breit angelegten Studie. Bei den Jüngeren sei ein Wandel erkennbar, sagt Stephan Schulmeistrat vom Deutschen Musikinformationszentrum.

Eine Erhebung des Deutschen Musikinformationszentrums zur Geschlechterverteilung in Orchestern hatte in der letzten Woche gezeigt, dass es dort etwas besser aussieht. Aber: je besser ein Job dotiert ist, desto weniger Frauen findet man dort. Die Rundfunkorchester schneiden beim Frauenanteil im Vergleich mit den anderen Klangkörpern am schlechtesten ab.

Grätzel: Anonymes Bewerbungsverfahren ist keine Lösung

Grätzel meint, dass sich in diesem Bereich in den letzten Jahren die Bedingungen verändert hätten. Viele Orchester setzten auf Vorspiele hinter dem Vorhang, um die Positionen gerechter zu vergeben. Das Bewerbungsverfahren ausschließlich anonym zu gestalten, sieht Grätzel jedoch nicht als Lösung. "Auch bei einem Orchestermusiker möchte und muss man die gesamte Persönlichkeit beurteilen."

"Quote finde ich nicht das richtige Mittel"

Auch beim gespielten Repertoire gibt es große Unterschiede. Nur knapp zwei Prozent aller in den Abonnement-Konzerten der deutschen Berufsorchester gespielten Werke stammen von Komponistinnen. Eine Quote für den Konzertsaal sieht Grätzel jedoch kritisch. "Ein Quote finde ich nicht das richtige Mittel, um Frauen in Führungspositionen zu bekommen oder um Komponistinnen auf Programme zu bekommen."

Der Anteil an Komponistinnen im 18. und 19. Jahrhundert sei zudem sehr gering "Die Frauen in diesen Epochen hatten tatsächlich nicht die Chancen wie ihre männlichen Kollegen sie hatten." Mit Blick auf das 20. und im 21. Jahrhundert gesteht Grätzel: "Da muss man auch vor der eigenen Tür kehren."

Komponistinnen stärker in den Fokus rücken

Viele bedeutende Komponistinnen hätten aber auch schon ihren Platz gefunden – "nicht nur auf Festivals, nicht nur in Nischen, sondern hoffentlich auch auf Programmen."

Ein Programm rein mit Werken von Komponistinnen durchzusetzen, sei auch heute bei vielen Veranstaltern noch schwierig. "Da müsste man noch sehr viel Überzeugungsarbeit leisten", sagt Grätzel. Vielmehr sollte man als Manager*innen "das Bewusstsein dafür schärfen, Frauen, Komponistinnen wirklich vielleicht stärker in den Fokus – zu mindestens mit – zu rücken."

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