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StartseiteTag für TagVom Misstrauen der Religionen gegenüber Frauen22.05.2018

GeschlechterrollenVom Misstrauen der Religionen gegenüber Frauen

Frauen seien missratene Männer, behauptete der Kirchenlehrer Thomas von Aquin im 13. Jahrhundert. Damit stand der Theologe nicht allein. Alle Weltreligionen setzen Frauen enge Grenzen. Deutungsmacht ist männlich. Ein Streifzug durch Christentum, Judentum, Islam, Buddhismus und Hinduismus.

Von Mechthild Klein

Eine betende Frau in Nizzamuddin Dargah (imago stock&people / Philippe Lissac)
Wohl alle Weltreligionen misstrauen Frauen - vom Buddhismus, der im fünften vorchristlichen Jahrhundert gegründet wurde, über den Hinduismus bis zum Islam und Christentum (imago stock&people / Philippe Lissac)
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Der mittelalterliche Theologe Thomas von Aquin zerbrach sich den Kopf über die Frauen. Und kam zu einem ebenso schlichten wie folgenreichen Ergebnis: "Thomas von Aquin ist ja einer, für den klar war, dass Frauen verunglückte Männer sind, ein menschliches Wesen, das nicht die vollständige menschliche Form erreicht hat. Aber trotzdem ein Wesen, das es natürlich für die Reproduktion, für das Weitergehen des Menschengeschlechts braucht."

Diese Position erscheine aus heutiger Sicht "sehr zeitbedingt", sagt die katholische Theologin Marie-Theres Wacker. Es sei völlig klar, dass in diesem Bild Frauen keine vollwertigen Menschen sind oder dass sie in gleicher Weise Gott ebenbildlich sind wie die Männer. Geht man in der Geschichte noch weiter zurück, wird es nicht besser für die Frauen: "Zum Beispiel Augustinus, der große Kirchenlehrer des 5. Jahrhunderts, sich die Dinge so zurecht gelegt hat, dass Frauen zusammen mit den Männern Ebenbild Gottes sind, aber nicht allein. Wenn man solche Auslegungen der Tradition bis hin zur Hl. Schrift hat, dann ist es nicht verwunderlich, dass man Frauen nicht in Entscheidungspositionen hinein lässt", so Wacker.

Zuständig fürs Haus und für den Gottesdienstbesuch

In der Religionsgeschichte gibt es viele Beispiele wie diese. Wohl alle Weltreligionen misstrauen Frauen - vom Buddhismus, der im fünften vorchristlichen Jahrhundert gegründet wurde, über den Hinduismus bis zum Islam, der im 7. Jh. auf der arabischen Halbinsel entstanden ist. "Die historische und politische Umgebung war eine, die von patriarchalischen Strukturen und meist auch feudalistischen Strukturen geprägt war. Entsprechend waren auch die Rollenbilder für Frauen und Männer festgelegt und wiesen Frauen vor allem Aufgaben im Haus als Ehefrauen und Mütter zu", sagt die Marburger Religionswissenschaftlerin Edith Franke.

Ihre Bilanz für die alten Religionen ist eindeutig: "Immer dann wenn Religionen Institutionen gründen und große Organisationen bilden, sind Frauen von den Leitungsämtern und religiösen Führungspositionen ausgeschlossen. Und sie haben damit keine Deutungsmacht. Das ist ganz wesentlich. Denn dadurch haben Frauen keinen Zugriff auf die Interpretation von Texten und damit (...) auch der religiösen Praxis und Selbstverständnis der Religion.

Die Folge war, dass sich das jeweilige Menschenbild in den am Idealbild der Männer orientierten. Man wies den Frauen den Raum des Hauses zu, der Kindererziehung und allenfalls Gottesdienstbesuche. Unter den Katholiken bekannt als die drei 3 K: Kinder, Küche und Kirche. Solche Vorgaben galten zum Teil als göttlich legitimiert, als von Gott gegebene Ordnung. Franke belegt das auch für den klassischen Hinduismus, wo das Ideal am Lebensweg von Männern ausgerichtet ist. Frauen galten oft gar nicht als befähigt, höhere religiöse Weihen zu erlangen oder gar die Erleuchtung. Allerdings gab es immer auch Gegenbeispiele, Ausnahmen.

Edith Franke: "In den Texten der Religionen finden wir immer beides, wenn man genauer hinschaut, einmal Texte, die genau diesen Aspekt der religiösen Gleichheit von Mann und Frau ausdrücken oder auch solche Texte, die ausdrücken, dass Frauen den Männern untergeordnet sind."

Entscheidend ist, welche Texte herangezogen werden

Daher sei ganz entscheidend in den Religionen, welche Texte herangezogen und weitergetragen werden, sagt Franke. Und da seien eigentlich die Mitglieder einer Religionsgemeinschaft selbst gefordert, insbesondere die Frauen. In den überlieferten Worten Jesu in der Bibel findet man keine Anweisung, dass Frauen sich unterordnen sollen. Wenn Jesus nun keine Frauen als Apostelinnen berufen habe, sondern nur diesen Zwölferkreis aus Männern, sagt die katholische Theologin Wacker. Dann müsse das in dem historischen Kontext gesehen werden. Jesu Auftreten müsse genauso in die jeweilige Zeit einordnet werden – und da gab es eben patriarchale Strukturen. Übertrage man die Botschaft Jesu in die heutige Zeit, müsste es auch Weiheämter für Frauen geben. Das heißt, Frauen sollten auch das Priesteramt ausüben können.

Marie-Theres Wacker erklärt: "Unsere Generation, ich bin 65, kämpft glaube ich noch dafür – ich hab gestern eine Veranstaltung mit Anfang 20-jährigen Studierenden gehabt, die haben gesagt, sie verstehen überhaupt das Problem nicht mehr. Die haben gesagt, sie verstehen nicht, warum die römisch-katholische Kirche glaubt, da argumentieren zu müssen. Es ist doch sonnenklar, dass Frauen das können, wenn Frauen das möchten, dass sie da zugelassen werden. Ich glaube, die Realität der Amtskirche, die ist von der Basis der jungen Frauen an der Basis sehr sehr weit entfernt. Und das ist auch noch mal bedrückend, dass die Glaubwürdigkeit durch solche Diskussionen nicht gerade gefördert wird."

Im Judentum sieht es anders aus. Gemeinden wählen ihre eigenen Rabbiner, die die Gebete der Gemeinde vor Gott legen. Seit vielen Jahrzehnten gibt es Rabbinerinnen im Reformjudentum, bei den Konservativen und den Liberalen. Davor waren Frauen nicht zum Torastudium zugelassen – dies galt als Privileg der Männer. Im orthodoxen Judentum hängt man noch an dieser traditionellen Rollenverteilung.

Knackpunkt Ausbildung

Marie-Theres Wacker: "Die Frau, die als Priesterin des Hauses begriffen wird und der Mann, der den Bereich des Torastudiums und auch des öffentlichen Vertretens der Religion nach außen repräsentiert."

Die Gleichstellung hängt auch am Zugang zur religiösen Ausbildung für Mädchen – wenn die fehlte, gab es auch keine Lehrerinnen.

 "… weil sie ja nicht in der religionsgesetzlichen Ausbildung drin waren", sagt Marie-Theres Wacker. "Und wenn man das knackt, und das ist ja inzwischen geknackt, dann hat man schon einen Großteil der Hindernisse überwunden."

In Deutschland gibt es mittlerweile eine Handvoll Imaminnen, die sich weitgehend dem liberalen Islam zuordnen. Bislang sind Frauen in diesem Amt aber eine Ausnahme. Ein Thema ist bis heute die Geschlechtertrennung - nicht nur im Gottesdienst. In vielen traditionellen muslimischen Gesellschaften wird die Geschlechtertrennung gelebt - aber sie sei kulturell bedingt, auch orientalische Christen folgten ihr. Wacker sagt, dass die Geschlechtertrennung gar nicht streng religiös begründet werde. Vielmehr spiele es auch eine Rolle, dass Männer ihre Privilegien nicht aufgeben wollten oder dass sie einfach Angst hätten.

Bischöfe, die einer Frau den Handschlag verweigern

Marie-Theres Wacker: "Ich habe Bischöfe erlebt, die sich nicht trauen, einem in die Augen zu sehen, wenn sie mir als Frau die Hand geben. Das gibt es im Islam, im Judentum auch – dass Männer Frauen nicht in die Augen schauen, wenn sie überhaupt die Hand geben."

Die Theologin analysiert aber auch, dass viele Priester in der Kirche an ihrer Identität festhielten und die besagt, dass nur Männer die katholische Kirche repräsentieren dürften. Wenn den Frauen in der katholischen Kirche der Zugang zum Diakonat geöffnet wird, könnte das ein erster Schritt sein, Augenhöhe in der Kirche herzustellen, sagt die Theologin. Aber nur wenn das Diakonat mit einer Weihe einher geht und nicht nur mit einer Segnung – das wäre nämlich eine Sackgasse, keine Gleichstellung.

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