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StartseiteBüchermarktGeschmacklos und treffend11.11.2005

Geschmacklos und treffend

James Hamilton Paterson kocht mit Fernet Branca

Lesen Sie gern Bücher, die malerische Titel tragen wie "Mein Jahr in der Provence" oder "Tausend Tage Toskana"? Mögen Sie so was? Dann ist "Kochen mit Fernet Branca", der neue Roman von James Hamilton-Paterson, eher nichts für Sie. Und was ist mit "Es muss nicht immer Kaviar sein"? Sind Ihnen daraus vor allem die Rezepte in guter Erinnerung?

Von Julia Schröder

Katzen gehören nicht unbedingt zu den Siegern dieser Geschichte. (AP Archiv)
Katzen gehören nicht unbedingt zu den Siegern dieser Geschichte. (AP Archiv)

Tja, dann wird "Kochen mit Fernet Branca" vielleicht ganz falsche Erwartungen in Ihnen wecken. Wenn Sie aber ein Freund des englischen Humors sind, der ja nicht nur ins Schwarze, sondern vor allem ins unbekümmert Geschmacklose tendiert, dann wird Ihnen "Kochen mit Fernet Branca" gefallen.

Sind Sie zudem Katzenfan, müssen Sie bei der Lektüre allerdings ganz stark sein. Zwar hat der Verlag Klett-Cotta den Umschlag der deutschen Ausgabe mit einem dämonisch dreinblickenden Mohrle versehen, dennoch gehören unsere felinen Freunde nicht unbedingt zu den Siegern dieser Geschichte.

Ebenso wenig wie Jack Russell Terrier, Wellensittiche, Karettschildkröten oder Fischotter. Sie glauben ja gar nicht, was man alles im Schlafrock, einer saftigen Pie oder als Sülze delikat zubereiten kann. Jedenfalls wenn man Gerald Sampers glaubt, dem Mann, dem dieser Roman all die schönen Rezepte verdankt, alle mit Fernet Branca übrigens, daher vermutlich der Titel.

Aber von vorn: Gerald Sampers, ein britischer Junggeselle um die vierzig, hat sich ein altes Häuschen in den Apuanischen Bergen oberhalb von Livorno gekauft, um dort ungestört seinem Hobby und seinem Broterwerb nachzugehen. Das eine ist Kochen (oder was er dafür hält), begleitet vom Absingen erfundener Opernarien, das andere ghostwriterisches Verfassen von Autobiografien für B-Promis wie Rennfahrer oder Abfahrtsläufer.

Die vom Makler versprochene Ungestörtheit ist dahin, sobald die Nachbarin Marta sich zeigt: eine strubbelhaarige, rundliche, laute Person, stammend aus irgendeinem Verfallsprodukt des zerbröckelten Ostblocks, die sich ebenfalls in ein verlassenes Bauernhäuschen zurückgezogen hat, um die Filmmusik zur jüngsten Produktion eines berühmten italienischen Regiealtmeisters zu komponieren.

Kein Wunder, dass sie unserm Mann gewaltig auf die Nerven geht; sie ist des Englischen nur höchst unzureichend mächtig, traktiert ihn nicht nur immerfort mit Fernet Branca, sondern auch mit ungenießbaren Gerichten aus ihrer woiwonischen Heimat und wird des nachts schon mal mit einem Hubschrauber angeflogen, in welchem ihr Bruder den Folgen der mafiotischen Geschäfte der Familie zu entkommen versucht.

Aus dieser Konstellation ergeben sich zahlreiche teils katastrophale Verwicklungen, wie es sich für einen zünftigen Unterhaltungsroman gehört, und der Autor James Hamilton-Paterson, der bisher mit Büchern über eher ernsthafte Gegenstände wie die Rätsel des Meeres, Botanische Gärten oder den Komponisten Edward Elgar hervorgetreten ist, gibt seinem Affen so richtig Zucker, beziehungsweise Fernet Branca. Nebenbei bemerkt: Wir wissen nicht, ob Hamilton-Paterson von den Magenbitter-Herstellern mit Blick auf Schleichwerbungsgewinn entgolten wurde, aber wenn, wäre das Geld schlecht angelegt gewesen. Oder würde die geschilderte Zubereitung von Knoblauch-Fernet-Branca-Eis in Ihnen das Bedürfnis wecken, sich gleich mal eine Flasche zu besorgen? Eben.

Übrigens handelt es sich dabei um Gerald einziges wirklich fleischloses Rezept, selbst sein Litschi-Toast kommt nicht ohne Anchovis aus. Ob er vielleicht selbst an die Geschichte mit den Schreien der Kartoffeln und der Roten Beete beim Zerschneiden und Kochen glaubt, die er seinem Besucher auftischt, dem verstörten Popstar Brill?

James Hamilton-Patersons "Kochen mit Fernet Branca" ist, so kann man es wohl zusammenfassen, ein ziemlich lustiges Buch. Es bezieht einen nicht geringen Teil seiner Komik aus einem jenem abgeklärten, durch nichts wirklich aus der Fassung zu bringenden Blick, den man sich als Spross des untergegangenen Empire, Oxford-Absolvent und Mitglied der Royal Geographic Society wahrscheinlich angewöhnt.

Besonders schöne Funken schlägt das Buch aus dem Verfahren, die groteske Handlung abwechselnd aus der Perspektive von Gerald und Marta zu schildern. In Martas Augen nämlich wirkt der so überaus distinguiert sich wähnende Gerald auf skurrile Weise durchgedreht, nicht nur, weil er einen kuscheligen Pupsbär auf dem Spülkasten sitzen hat – was nicht hindert, dass die für beide denkbar größte persönliche Komödienkatastrophe, unter Einwirkung von viel Fernet Branca versteht sich, am Ende doch noch eintritt.

Aber "Kochen mit Fernet Branca" enthält auch viel Weisheit. Etwa über toskanisches Brot. Es mache nicht dick, meint Gerald Sampers, weil die Energie, die man braucht, um sich von dem nach spätestens drei Stunden unweigerlich altbackenen Brot eine Scheibe abzuschneiden, gleich dem Brennwert der Scheibe sei. Denken Sie mal drüber nach!

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