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Geschundene Leiber

Berlinde de Bruyckeres Skulpturen über das Sterben werden in Halle gezeigt

Die belgische Künstlerin Berlinde de Bruyckere beschäftigt sich in einer Ausstellung in Halle mit dem menschlichen Körper und unserem Verhältnis zum Leiden und Sterben. Ihre großen Wachsplastiken nehmen Bezug auf Werke von Cranach und Pasolini.

Von Carsten Probst

Das Kunstmuseum Moritzburg in Halle zeigt Werke von Berlinde de Bruyckere. (AP)
Das Kunstmuseum Moritzburg in Halle zeigt Werke von Berlinde de Bruyckere. (AP)

Schlagartig bekannt wurde Berlinde de Bruyckere im Jahr 2000 mit einer Installation von fünf toten Pferden im "Flanders Fields Museum" in Ypern, in dem an die Schlachten des Ersten Weltkriegs erinnert wird. De Bruyckere, Jahrgang 1964, hatte vorgeformte lebensgroße Pferdefigurinen mit Fell überzogen, ihnen Blessuren zugefügt und sie auf den Boden gelegt. Obwohl die Skulpturen nicht wirklich naturgetreu sind, wirkten sie doch wie ein unmittelbarer Ausdruck kreatürlichen Leidens und Sterbens, und schon damals fühlten sich viele Betrachter an mittelalterliche oder frühneuzeitliche Schmerzensdarstellungen und christliche Motive erinnert.

Bald darauf folgten menschliche Figuren, auch sie meistens in der Haltung von Sterbenden oder Toten, dargeboten in einem Moment des Ausgeliefertseins an den Tod. Oft sind es Figuren in Lebensgröße, von lebenden Modellen, die de Bruyckere mit Epoxitharz abformt und die Oberflächen danach mit zarten malerischen Spuren überzieht: Rote und blaue Pigmente werden in einer hauchdünnen Wachsschicht aufgetragen, so dass die künstliche Körperhaut einerseits wie ein abstraktes Gemälde und zugleich doch wie verletzte menschliche Haut wirkt.

Die Figuren wirken jedoch stets so, als hätten sie nach der Qual ihren Frieden gefunden. Manche halten sich auch liebevoll als Paar umschlungen. Viele liegen auf Kissen, Matratzen oder Wolldecken gebettet. Auf merkwürdige Weise gelingt es der in der Mittelaltermetropole Gent lebenden Künstlerin bei aller schockierenden Wirkung, die ihre Figuren auf manche Besucher ausüben, die Qual nicht in voyeuristische Szenen ausarten zu lassen und den Tod andererseits auch nicht zu verkitschen. Die burleske Dramatik eines Francis Bacon, mit dem de Bruyckere oft verglichen wird, geht ihren Figuren ebenso ab wie die grausame Ironie eines Bruce Nauman. Eine eigentümliche Stille breitet sich um sie herum aus. Der gemarterte Körper bekommt seine Würde zurück, weil die Künstlerin ihm Pathos und Mitleid entgegenbringt.

Damit hat sich Berlinde de Bruyckere eine herausragende Stellung auf einem heute äußerst schwierigen Feld in der Gegenwartskunst erarbeitet, im Bereich der einfühlenden Darstellung des Todes. Dass sie damit auch leicht für christliche Themensetzungen vereinnahmt werden kann, ist ihr bewusst. Sie selbst hat sich schließlich ausgiebig mit der christlichen Kunst des Abendlandes befasst, vor allem mit Alten Meistern wie Hieronymus Bosch, Albrecht Dürer sowie Malereien und Skulpturen des Barock.

In der Stiftung Moritzburg in Halle werden fünf ihrer Skulpturen mit einem wenig bekannten Gemälde von Lucas Cranach d. Ä. konfrontiert, das den Schmerzensmann nach der Kreuzabnahme zeigt: eine Darstellung aus der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts, die Jesus mit dem versehrten nackten Oberkörper, den Wundmalen, Dornenkrone und Geißel zeigt. Zugleich werden in Ausstellung und Begleitprogramm Filme Pier Paolo Pasolinis gezeigt. Insbesondere habe sie Pasolinis "Das Erste Evangelium - Matthäus" beeinflusst, sagt de Bruyckere, weil der Körper darin in seinem Leiden und Begehren in die Dimension eines überzeitlichen Mysteriums erhoben werde. Die Geistesverwandtschaft zwischen beiden besteht zweifellos in der mutigen Adaption historischer und mythischer Stoffe für die Gegenwart.

So ist diese Ausstellung auch von Berlinde de Bruyckere wesentlich selbst konzipiert worden, als eine Art Installation, mit der sie die von kunsthistorischen Einordnungen oder Epochen unabhängige Aktualität des Leidens verdeutlichen will. Diese Kunst erinnert tatsächlich an die Zeit der Andachtsbilder, als Künstler noch als die Mittler zwischen Dies- und Jenseits, zwischen Welt und Glauben auftreten konnten. Kaum einem Künstler gelingt es heute noch, diese heimliche Sehnsucht eines bestimmten Publikums überzeugend zu adressieren, ohne dabei in traditionalistische Posen zu verfallen. Berlinde de Bruyckere könnte die große heutige Ausnahme sein.

Informationen der Kulturstiftung des Bundes zur Ausstellung "Mysterium Leib" in der Moritzburg Halle

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