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StartseiteForschung aktuellAuf der Suche nach der Persönlichkeit20.10.2015

GeschwisterAuf der Suche nach der Persönlichkeit

Wie wirkt sich die Geburtsreihenfolge auf die Persönlichkeit von Geschwistern aus? Haben Erstgeborene womöglich einen strategischen Vorteil und sind erfolgreicher im Beruf als ihre jüngeren Geschwister? Forscher aus Leipzig und Mainz haben die Daten von 20.000 Erwachsenen ausgewertet und ihre Schlüsse vorgestellt.

Von Arndt Reuning

Eine Mutter mit drei Kindern sitzt in Freiburg im Breisgau im Garten und isst Eis (picture-alliance / dpa / Patrick Seeger)
Hat die Geburtsreihenfolge einen Einfluss auf die Persönlichkeit von Geschwistern? (picture-alliance / dpa / Patrick Seeger)
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Geschwisterbeziehungen Lebenslang verbunden

Typisch großer Bruder oder ganz die kleine Schwester. Wer mit Geschwistern aufgewachsen ist, behauptet gerne, dass diese Erfahrung prägend war für das gesamte Leben. Auch Stefan Schmukle, Professor für Psychologie an der Universität Leipzig, kennt das Phänomen aus eigener Erfahrung.

"Beispielsweise bei mir würde ich sagen: Der Erstgeborene war eher angepasst, der Zweitgeborene etwas rebellischer. Also hätte ich diese These aufgestellt. Dann habe ich mich mit Freunden unterhalten, und die haben gesagt: Nein, das ist genau umgekehrt. Der erste muss doch rebellisch sein, weil er sich erst mal gegen die Eltern auflehnen muss. Und der Zweite kann viel angepasster sein. Das Feld ist schon bereitet für den."

Kinder besetzen Nischen

In den 1990er Jahren betrachtete der amerikanische Psychologe Frank Sulloway dieses Problem unter evolutionären Gesichtspunkten: Die Kinder besetzen in der Familie bestimmte Nischen und formen so ihre Persönlichkeit, argumentierte er. Erstgeborene orientieren sich in diesem Modell nach ihren Eltern, da Geschwister noch nicht vorhanden sind. Sie sind angepasst, möglicherweise auch perfektionistisch.

"Die Spätergeborenen, sagte Sulloway, müssen dann andere Nischen besetzen. Beispielsweise würden die dann ja eher mit den anderen Kinder sich zusammen auseinander setzen, wären eher sozial orientierter, eher extravertierter, können sich nicht so durchsetzen, sind ja auch weniger stark. Die hätten also eine höhere Verträglichkeit. Während der Erstgeborene, der kann sich auch mal mit Gewalt durchsetzen gegen die Spätergeborenen."

Frank Sulloway stützte sich dabei auf Fallbeispiele anhand historischer Persönlichkeiten. Empirische Untersuchungen, die seine These hätten untermauern können, lieferten jedoch ein uneinheitliches Bild. Und genau hier setzte Stefan Schmukle an: Mit seinem Team durchforstete er drei Datenbanken aus den USA, Großbritannien und Deutschland - genug Datensätze für eine statistisch signifikante Aussage.

"Es sind insgesamt etwa 20.000 Erwachsene, über die wir Angaben zur Geschwisterposition haben. Das heißt, dass wir sowohl wissen, an welcher Stelle sie in der Geschwisterreihenfolge waren und wie groß auch die Familie war, als auch dann eine Selbsteinschätzung der Persönlichkeit haben."

Die fünf grundlegenden Dimensionen der Persönlichkeit

Beschrieben wurde die Persönlichkeit anhand des Fünf-Faktoren-Modells, das fünf grundlegende Dimensionen der Persönlichkeit abbildet – die sogenannten "Big Five": Gewissenhaftigkeit, Verträglichkeit, Offenheit für Erfahrungen, Extraversion und Neurotizismus. Ob diese Eigenschaften von der Geburtsreihenfolge beeinflusst werden, das überprüfte das Team um Stefan Schmukle mit den gesammelten Daten. Das Ergebnis war überraschend:

"Für sämtliche großen, basalen Persönlichkeitsdimensionen, wie sie heutzutage in der Psychologie diskutiert werden, für diese Dimensionen haben wir überhaupt keinerlei Anhaltspunkte für irgendwelche Effekte gefunden."

Auch ein negatives Ergebnis kann ein wertvolles Resultat darstellen. Zeigt es doch, dass das Nischenmodell von Frank Sulloway die Wirklichkeit zu sehr vereinfacht hat.

"Eine Erklärung könnte jetzt sein, dass diese Nischen tatsächlich trotzdem existieren, aber dass beispielsweise der Erstgeborene, der hat ja die freie Auswahl, jede Nische zu besetzen, die er möchte. Er kann jetzt entweder angepasst oder rebellisch sein. Er hat sozusagen die freie Wahl. Der Zweitgeborene muss sich dann ein bisschen anpassen, muss vielleicht eine andere Nische besetzen. Das könnte jetzt dazu führen, dass wir in unseren Untersuchungen gar nicht diese Effekte finden, weil es könnte sein, dass in der einen Familie der Erstgeborene der Angepasste ist, der Zweite der Rebellische. In einer anderen Familie ist der Erste gerade der Rebellische, und der Zweite ist dann der Angepasste."

Gestützt wird das Ergebnis durch eine Forschergruppe aus dem US-Bundesstaat Illinois. Die Psychologen dort sind unabhängig von den Forscher aus Leipzig und beinahe gleichzeitig zu einem ganz ähnlichen Ergebnis gekommen.

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