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GesellschaftHistoriker: Die Welt ist weit davon entfernt, Genozide zu verhindern

Jürgen Zimmerer (Michel Dingler//UHH)
Jürgen Zimmerer, Professor für Globalgeschichte mit Schwerpunkt Afrika an der Universität Hamburg (Michel Dingler//UHH)

Der Leiter der Forschungsstelle "Hamburgs (post-)koloniales Erbe", Jürgen Zimmerer, ist davon überzeugt, dass die Welt weit davon entfernt sei, Genozide zu verhindern.

Man entferne sich sogar stetig weiter, sagte er der Katholischen Nachrichtenagentur. Die Zusammenhänge von Ressourcenknappheit und Gewalt seien zwar bekannt, aber trotzdem werde nicht gehandelt. Die Weltgemeinschaft sei seit 1948 nicht wirklich weit gekommen. Nach wie vor gehe es ihr bedauerlicherweise meist um Machtfragen.

Keine homogenen Gesellschaften

In diesem Zusammenhang warnte der Uni-Professor davor, von homogenen Gesellschaften zu reden. Jeder Genozidforscher werde da sehr, sehr unruhig, sagte er. Den Begriff des Volkes im Deutschen hält Zimmerer für sehr aufgeladen und problematisch. Es schwingen ganz bestimmte rassische und ethnische Vorstellungen mit.

Die sich radikalisierenden Diskurse der Gegenwart hält der Afrika-Experte nach eigenen Worten für sehr besorgniserregend. Es gebe genug Untersuchungen, die zeigten, wie menschenverachtende Propaganda und dehumanisierende Hasssprache andere Menschen als unvereinbar mit der eigenen Gruppe ausgrenzten. Täter konstruierten eine Opfergruppe. Wer dazu gezählt werden, könne aus eigener Kraft aus dieser Rolle nicht ausbrechen. Zimmerer hob hervor, Jeder könne zur Zielscheibe einer solchen Zuschreibung werden. Diese Konstruktionen seien brandgefährlich.

Schattenseiten der Aufklärung

Rassismus ist nach seinen Analysen stärker in der Gesellschaft verwurzelt, als es die Verengung des öffentlichen Geschichtsbildes auf das Dritte Reich vermittele. Der koloniale Rassismus reiche zurück bis ins 19. Jahrhundert, führte er aus. Und wenn man nach dessen Wurzeln frage, kämen die dunklen Seiten der kulturellen Errungenschaften zum Vorschein. So habe die europäische Aufklärung auch Überheblichkeit gegenüber nicht-europäischen Menschen befördert. Die Höhen der Aufklärung und die Tiefen der Sklaverei fielen zeitlich zusammen.

Doch die Philosophen des Zeitalters der Aufklärung kritisch dahingehend zu hinterfragen, was sie zu Rassismus und Ausbeutung beigetragen hätten, wollten viele nicht. Es würde sie verunsichern und wäre schmerzhaft. Man sehne sich nach positiver Identifikation. Das Eingeständnis, dass die eigenen Vorfahren Schlimmes getan hätten, treffe auch "ins Mark des eigenen Selbstbildes", so der Historiker. Die Einsicht, dass aus der Mitte der deutschen Gesellschaft ein genozidaler Rassismus erwachsen konnte, sei bitter.