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StartseiteInterview"Mehr Mitgefühl bringt uns alle weiter"22.04.2019

Gesellschaft"Mehr Mitgefühl bringt uns alle weiter"

Es mangelt zunehmend an Empathie in unserer Gesellschaft, so lautet die These des jüngsten Buchs der Journalistin Melanie Mühl. Sie plädiert für mehr Mitgefühl. Das sei zwar kein Allheilmittel für alle Probleme – aber es nütze der Gesellschaft und jedem Einzelnen, so Mühl im Dlf.

Melanie Mühl im Gespräch mit Änne Seidel

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Zug der Liebe - Rave für mehr Mitgefühl und Nächstenliebe unter dem Motto: Presse- und Meinungsfreiheit am 01.07.2017 in Berlin. (imago/Müller-Stauffenberg)
Melanie Mühl plädiert für mehr Mitgefühl gegen Verrohnungstendenzen in der Gesellschaft (imago/Müller-Stauffenberg)
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Zwar gebe es auch genügend Beispiele für Empathie und Mitgefühl, sagte Mühl im Dlf-Interview. Gleichzeitig sei es wichtig, die Dinge zu benennen, die schief laufen und sich zu überlegen, was man tun kann, damit es besser wird. Die zunehmende Verrohung der Gesellschaft sei um so erstaunlicher, als es uns eigentlich wirtschaftlich gut gehe. Andererseits gebe es diese diffusen Ängste vor dem sozialen Abstieg, vor der Globalisierung, vor dem Zukurzkommen, die die Menschen alarmistisch machten, was dazu führe, dass sie sich ersten einmal auf sich selbst konzentrieren und alles Fremde als große Bedrohung wahrnehmen würden.

Politiker wie Trump verstärken die Entwicklung

Politiker wie beispielsweise US-Präsident Donald Trump verstärkten die Verrohungs-Entwicklung, indem sie Vorleben, dass man jegliche Grenzen des Anstands und der Moral überschreiten kann. Hinzu komme ein hysterisch aufgeheizter Ton in den sozialen Medien. All das sickere in unseren Alltag, verschiebe die Grenzen das Sagbaren kontinuierlich und beeinflusse unser Verhalten.

Um dieser Entwicklung etwas entgegenzusetzen, seien nicht nur positive Beispiele und Menschen wichtig, sondern auch eine Veränderung des Handels jedes Einzelnen. Es gelte den Blick zu schärfen und sich zunächst einmal zurückzulehnen, vielleicht auch zu meditieren, bevor man vorschnelle Urteile treffe, schlägt Mühl vor.

"Bei Mitgefühl trifft Herz auf Verstand"

Mitgefühl, bedeute mehr als Empathie, denn es beinhalte neben dem Mitfühlen auch das Handeln. "Bei Mitgefühl trifft Herz auf Verstand, und ich glaube, dass es von diesen beiden Komponenten eigentlich nie genug geben kann und das dies natürlich eine gesamtgesellschaftliche Auswirkung hat", sagte Mühl.

Mitgefühl sei zwar kein Allheilmittel gegen die Probleme unser Gesellschaft und der Welt, das zu glauben wäre "naiv, gefährlich und geradezu dumm". Aber es könne helfen, den Riss in der Gesellschaft ein wenig zu kitten. 

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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