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StartseiteKultur heuteFrankreichs Theatermacher zwischen Utopie und Dystopie03.01.2017

GesellschaftsmodelleFrankreichs Theatermacher zwischen Utopie und Dystopie

In einer Zeit, in der Politiker mit simplen Parolen wachsenden Zulauf erfahren, erinnert das französische Theater mit Emphase an eine einfache Wahrheit: Eine bessere Zukunft ist jederzeit möglich, aber sie setzt den Mut zur Verständigung und zur freien Zirkulation von Worten, Bildern und Ideen voraus.

Von Eberhard Spreng

Szene aus dem Theaterstück "La nuit de taupes" von Regisseur Philippe Quesne, aufgeführt in Paris. (Martin Argyroglo)
Szene aus dem Theaterstück "La nuit de taupes" von Regisseur Philippe Quesne, aufgeführt in Paris. (Martin Argyroglo)
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Wenn eine Demokratie in die Krise gerät, wollen Theaterleute Teil der Lösung sein, nicht Teil des Problems. Und so stellt sich für die Regisseure Frankreichs derzeit die Frage, welche Gesellschaftsmodelle sie propagieren wollen. Bilden sie düstere, dystopische Zukunftsvisionen ab? Schaffen sie ideale Parallelgesellschaften? Blicken sie in die Vergangenheit?

Der Vorwahlkampf zu den Präsidentschaftswalen hatte gerade begonnen, als Dominique Pitoiset, Regisseur bildgewaltiger Theateraufführungen und ehemaliger Chef der Nationaltheater von Dijon und Bordeaux, Brechts "Aufhaltsamen Aufstieg des Arturo Ui" vorstellte. Er nutzt den Stoff für die Auseinandersetzung mit gegenwärtigen politischen Gefahren. Den Arturo Ui siedelt er also nicht im Chicago der 30er-Jahre an, sondern im heutigen Frankreich. Mit Starschauspieler Philippe Torreton in der Hauptrolle ist dies eine politische Chronik, die zeigen will, wie das Schreckliche aus dem Banalen und Normalen erwächst – ein Faschismus der Unauffälligen, eine Theaterposition gegen den Front National.

Abkehr von der verstaubten Parabelhaftigkeit

Die Inszenierung ist auch eine Abkehr von Brechts verstaubter Parabelhaftigkeit. Dominique Pitoiset sagt selbst dazu:

"Ich fange immer mit einer eigenen Recherche an, egal, mit welchem Stück ich arbeite. Auch bei Klassikern wie Brecht. Autoren interessieren mich nicht, sondern das, was sich durch ihre Stücke mitteilt von Menschen der Geschichte. Theater heißt, heute etwas von gestern erzählen, damit es sich morgen verändern kann."

Suche nach historischen Begründungen der französischen Republik

Der mittlerweile auch international bekannte Autor, Regisseur und Compagniechef Joël Pommerat sucht mit dem Revolutionsstück "Ca ira – Fin de Louis" in Zeiten der Verunsicherung nach den historischen Begründungen für die französische Republik. Er erklärt in einem Publikumsgespräch die Hintergründe.

"Dieses Stück will ein historisches Ereignis erhellen, das wir die französische Revolution nennen, und letztlich aber gar nicht so genau kennen. Diese Revolution war eine komplette Neuordnung des Lebens, gegründet auf dem Gedanken, dass alles neu beginnt, mit einem neuen Menschen und neuen sozialen Bindungen."

Die historischen Akteure sitzen in modernen Anzügen mit im Publikum, machen mit Zwischenrufen auf sich aufmerksam, mit Klatschen und Beschimpfungen. Der ganze Theatersaal wird zum Brutkasten für einen Prozess, der im Chaos des Streites beginnt und mit der Formulierung einer neuen Verfassung endet. Das beruht auf dem Glauben an die Sprache als der möglichen Ordnungsmacht in der Gesellschaft. Die Renaissance der Republik ist so jederzeit möglich, ihr Untergang in populistischem Nationalismus abwendbar.

Wie sehr allerdings eine in Intoleranz und Dogmatik umschlagende Revolution, in der Figur des Robespierre, die Gefahr des politischen Terrors in sich birgt, hatte Sylvain Creuzevault vor sieben Jahren mit dem Ensemblestück "Notre Terreur" vorgeführt. In diesen Wochen ist er auf Tournee mit seiner neuen Arbeit, die auf ihren dystopischen Drive schon im Titel hinweist. "Angelus Novus – Antifaust" übernimmt die pessimistische Perspektive von Walter Benjamins "Engel der Geschichte".

"Ich frage mich, ob ich meine Abneigung gegen die herrschenden Verhältnisse immer nur in meinem Beruf verarbeiten soll, also im Theater? Gibt es nicht auch Themen, vor denen man das Theater schützen sollte, um es nicht mit banaler Soziologie zu ruinieren? Themen, die mich als Gesellschaftsaktivisten brauchen? Und umgekehrt, wann sollte ich der Gesellschaft den Rücken kehren, um an der Verfeinerung künstlerischer Formgebungen zu arbeiten?"

Im Theater des neomarxistischen Intellektuellen, Schauspielers und Regisseurs bleibt derzeit die Theatertür für soziale Wirklichkeiten weit geöffnet. Und so collagiert das Diskursstück "Angelus Novus - Antifaust" Aktualitäten der französischen Gegenwart von der Bewegung "Nuit debout" bis zum Tod eines Öko-Aktivisten und karikiert außerdem gängige Verhaltensweisen heutiger Karrieristen. Die Faustsche Suche endet in der Psychiatrie. Eine teilweise improvisierte Ensembleproduktion als lustiges politisches Kabarett.

Inspiration aus der bildenden Kunst

Der neue Leiter des Théâtre des Amandiers heißt Philippe Quesne und bezieht seine Inspirationen aus der bildenden Kunst. Bei ihm bevölkern sieben menschengroße Maulwürfe im Untergrund ein skurriles, wortloses Paralleluniversum mit größtenteils sinnlosen Verrichtungen. Quesnes Tiere machen sich in "La Nuit des Taupes" auf den Weg in eine archaische Vorgeschichte. Quesnes Gegenutopie ist eine Welt, in der es das Bewusstsein des eigenen Seins noch nicht gibt, keine Terroranschläge und keine Präsidentschaftswahlen.

In einer Epoche, in der Politiker mit einfachen Parolen wachsenden Zulauf erfahren, erinnert das französische Theater derzeit mit Emphase an eine einfache Wahrheit: Eine bessere Zukunft ist jederzeit möglich, aber sie setzt den Mut zur Verständigung und zur freien Zirkulation der Worte, Bilder und Ideen voraus.

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