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StartseiteKommentare und Themen der WocheEin Sieg für den Tierschutz nach quälend langer Zeit09.09.2020

Gesetz gegen Kükentöten angekündigtEin Sieg für den Tierschutz nach quälend langer Zeit

Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner will das Töten männlicher Küken bis Ende 2021 beenden. Deutschland nehme damit eine Vorreiterrolle im Tierschutz ein – gut so, meint Georg Ehring. Alternativen zu dieser sinnlosen Tierqual, wie die Geschlechtsbestimmung im Ei, gebe es längst.

Von Georg Ehring

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Ein männliches Küken in der veterinärmedizinischen Fakultät der Universität Leipzig: Veterinärmediziner der Universität Leipzig forschen intensiv an einer Alternative zur massenhaften Tötung männlicher Küken (dpa-Zentralbild / Peter Endig)
Millionen männliche Küken aus Legehennen-Linien werden in Deutschland jährlich direkt nach dem Schlupf vergast, weil sich ihre Aufzucht nicht lohnt (dpa-Zentralbild / Peter Endig)
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Na endlich! In etwas mehr als einem Jahr muss die Landwirtschaft in Deutschland eine Praxis beenden, die wie kaum etwas anderes für sinnlose Tierqual im Dienst der Kostenminimierung steht: Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner will das Töten männlicher Küken direkt nach dem Schlüpfen untersagen. Wenn es so kommt, dann ist das ein Sieg für den Tierschutz nach quälend langer Übergangszeit, die geprägt war vom vergeblichen Versuch der Christdemokratin, sich mit der Branche zu einigen, ohne ein förmliches Gesetz zu erlassen.

Hühnerembryonen können schon früh Schmerzen empfinden

Viel zu lange konnten Landwirte und Brütereien mit dem Argument bremsen, es gebe noch kein einsatzreifes Verfahren. Doch das gibt es längst. Schon seit 2018 bietet der Rewe-Konzern im Raum Berlin Eier von Legehennen an, bei denen das Geschlecht schon im Ei geprüft wurde, um das Töten der männlichen Küken zu vermeiden. Und so stand die Ministerin unter Zugzwang, auch wegen eines Urteils des Bundesverwaltungsgerichts. Das hatte im vergangenen Jahr die Tötung männlicher Küken aufgrund des Geschlechts für tierschutzwidrig und allenfalls übergangsweise zulässig erklärt.

Viele Küken dicht gedrängt (picture alliance / Eky Chan) (picture alliance / Eky Chan) Wie das Kükentöten beendet werden soll
In Deutschland werden jährlich 45 Millionen männliche Küken in der Legehennenzucht getötet, weil sie keine Eier legen und weniger Fleisch ansetzen als Masthühner. Doch es gibt Alternativen. Ein Überblick.

In Deutschland werden jährlich 45 Millionen männliche Küken in der Legehennenzucht getötet, weil sie keine Eier legen und weniger Fleisch ansetzen als Masthühner. Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner will nun ein gesetzliches Verbot für das Töten – denn es gibt Alternativen. Ein Überblick.

Doch auch wenn es lange gedauert hat: Deutschland nimmt damit eine Vorreiterrolle im Tierschutz ein – gut so! Und erfreulich ist auch, dass die Ministerin schnell einen Übergang zu noch besseren Verfahren vorschreiben will. Die sollen eine noch frühere Geschlechtsbestimmung im Ei ermöglichen, denn es gibt Erkenntnisse, nach denen Hühnerembryonen schon sehr früh Schmerzen empfinden können.

Viele Deutsche bereit, für Tierschutz etwas mehr zu zahlen

Vernünftig ist auch, dass die Ministerin nicht auf eine EU-weite Regelung setzt, wie sie die FDP jetzt noch einmal gefordert hat.  Nicht überall in Europa steht der Tierschutz so hoch im Kurs wie bei uns in Deutschland. Ein europaweiter Ausstieg aus dem Kükenschreddern hätte zumindest weitere jahrelange Verzögerungen bedeutet, wenn er denn überhaupt gelungen wäre.

In einem allerdings könnten die Kritiker recht haben: Der Preisvorteil von Eiern aus dem Ausland wird jetzt noch etwas größer. Und so wird gerade bei der industriellen Eierverwendung etwa für Fertiggerichte, Kuchen oder Nudeln der Anreiz wachsen, ohne Rücksicht auf den Tierschutz billigere Eier aus Drittländern zu verwenden.

Doch auch hier gibt es einen Ausweg: Eine Kennzeichnungspflicht für Herkunft und Produktionsweise der Eier auf der Verpackung des Produkts. Bei frischen Eiern ist das seit Jahren vorgeschrieben und das hat dafür gesorgt, dass die Bio- und Freilandhaltung wächst – im Gegensatz zur Bodenhaltung, die weniger tierfreundlich ist.  So etwas sollte auch bei verarbeiteten Produkten möglich sein. Eine Mehrheit der Deutschen ist Umfragen zufolge bereit, für den Tierschutz etwas tiefer in die Tasche zu greifen. Das wäre zumindest ein starker Anreiz, auch bei verarbeiteten Produkten auf das Wohl der Tiere zu achten.

Georg Ehring  (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Georg Ehring (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Georg Ehring, Jahrgang 1959, hat in Dortmund Journalistik und Politikwissenschaften studiert, später an der Fernuniversität Hagen Volkswirtschaft. Er arbeitet beim Deutschlandfunk als Redaktionsleiter Wirtschaft und Umwelt. Berufliche Stationen zuvor waren die zentrale Wirtschaftsredaktion der Nachrichtenagentur Reuters in Bonn und zuvor in den 1980er Jahren freiberufliche Tätigkeit überwiegend für den WDR in Dortmund.

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