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StartseiteInterviewPädagogin: Kita-Gesetz fördert nicht die pädagogische Qualität 12.12.2018

GesetzesentwurfPädagogin: Kita-Gesetz fördert nicht die pädagogische Qualität

Die Reform zur besseren Kita-Betreuung würde nicht unbedingt die Qualität in den Einrichtungen steigern, sagte die Pädagogin Susanne Viernickel im Dlf. Viele Bundesländer planten, das Geld in die Beitragsbefreiung zu investieren. Eine getrennte Finanzierung beider Bereiche wäre nötig gewesen.

Susanne Viernickel im Gespräch mit Philipp May

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Gummistiefel in einer Kita in Essen, NRW am 27.1.2014 (dpa / Rolf Vennenbernd)
Jeder Cent, der in Beitragsfreiheit fließe, gehe der Qualität in Kitas verloren, so Viernickel (dpa / Rolf Vennenbernd)
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Philipp May: Deutschlands Kitas sollen besser werden beziehungsweise sie sollen erst einmal flächendeckend gut werden nach dem Willen der rot-schwarzen Koalition. Deshalb soll noch in dieser Woche das sogenannte "Gute-Kita-Gesetz" von SPD-Familienministerin Franziska Giffey verabschiedet werden. 5,5 Milliarden Euro will die Regierung dafür bis 2022 bereitstellen. So weit, so gut. Das Problem: Nach Ansicht der meisten Experten handelt es sich bei dem "Gute-Kita-Gesetz" eher um ein nicht so gutes Kita-Gesetz. Neun von zehn Sachverständigen hatten bei einer öffentlichen Anhörung im Familienausschuss des Bundestages erhebliche Kritik und Zweifel am Gesetz angemeldet. Eine von ihnen ist Susanne Viernickel, Pädagogik-Professorin von der Uni Leipzig. Sie ist jetzt am Telefon. Guten Morgen, Frau Viernickel.

Susanne Viernickel: Guten Morgen, Herr May.

May: 5,5 Milliarden Euro für bessere Kitas. Was kann daran so verkehrt sein?

Viernickel: Erst mal ist das gut. Erst mal ist das gut, dass der Bund Geld geben will und ja auch große Anstrengungen unternimmt, um dieses Geld dann auch in die Länder zu befördern. Aber gleichzeitig hat im Verlauf des Prozesses bis hin zu diesem Gesetz eine Verwässerung stattgefunden, und mit dieser Verwässerung hat der Bund wenig Steuerungsmöglichkeiten. Es gibt eine Menge Probleme, ob das Geld wirklich dafür ausgegeben wird, wofür es eigentlich vorgesehen ist, und damit fragt man sich dann, ob die Ziele erreicht werden können.

May: Das heißt, wofür wird das Geld am Ende ausgegeben? Nicht für Kitas?

Viernickel: Für Kitas höchst wahrscheinlich schon, wobei auch hier Steuerungsmöglichkeiten eingeschränkt sind, wenn es wie vorgesehen über Umsatzsteuerpunkte berechnet werden soll und vergeben werden soll, denn da hat der Bund eigentlich keine Steuerungsmöglichkeiten. Höchstwahrscheinlich ja für Kitas, aber in welcher Form, ist durch diesen weiten Maßnahmenkatalog und vor allen Dingen durch die Aufnahme der Möglichkeit, das Geld in Beitragsbefreiung zu investieren, nicht mehr so klar. Ja, es wird investiert werden. Ob in gute Qualität – großes Fragezeichen.

"Es ist keine Maßnahme, die pädagogische Qualität befördert"

May: Okay. Das heißt, Ihre Sorge ist, am Ende wird das Geld dafür ausgegeben, dass die Eltern weniger Beiträge für die Kitas zahlen, aber die Kitas nicht qualitativ besser werden?

Viernickel: Ganz genau! Und wir wissen auch bereits: Es gab eine Abfrage an die Bundesländer - die sind natürlich nicht ganz verbindlich -, dass mehr als die Hälfte der Länder eindeutig sagen, sie werden in Beitragsbefreiung investieren. Sie finden das sinnvoll und das ist auch eine sinnvolle Maßnahme. Aber es ist keine Maßnahme, die pädagogische Qualität befördert.

May: Aber vielleicht ist es ja tatsächlich erst mal wichtiger, dass die Menschen entlastet werden beim Bezahlen dieser Kita-Beiträge, die teilweise sehr hoch sind, die für viele Eltern auch tatsächlich zu hoch sind, dass sie dann ihre Kinder möglicherweise eher zuhause lassen.

Viernickel: Es gehen ja sehr viele Kinder in Kindertageseinrichtungen. Wir reden von 95 Prozent bei den über dreijährigen. Oder in manchen Ländern auch noch deutlich mehr. Und es stimmt: In manchen Kommunen sind Beiträge sehr hoch und da muss auch was geschehen. Das ist gar keine Frage. Ich hätte mir nur gewünscht, dass das nicht in einem Gesetz miteinander verbunden wird und als Alternative gesehen wird, denn so muss man ganz klar sagen: Jeder Cent und jeder Euro, der in diese Beitragsbefreiung oder in die Verlängerung von Öffnungszeiten geht, der geht nicht in die Qualität, der geht der Qualität verloren. Also wäre eine getrennte Finanzierung das, was notwendig gewesen wäre.

May: Das heißt, was hätte man sonst machen sollen? Man hätte vor allen Dingen in Qualität, in mehr Personal investieren müssen?

Viernickel: Die ersten und auch eigentlich sehr, sehr weit fortgeschrittenen Überlegungen, die ja auch gemeinsam mit den Ländern bereits unternommen worden sind und unter Beteiligung vieler Verbände und auch Wissenschaftler, haben ja genau das vorgesehen. Die Beitragsbefreiung kam ja erst relativ zum Schluss in das Gesetz, als ein zehnter Baustein in diesem Werkzeugkasten. Das ist aus der Sicht, ich denke, auch meiner Kolleginnen und Kollegen etwas, was dieses Gesetz schwächt und was es nicht wirklich stärkt. Wir müssen investieren in die Dinge, die wirklich geeignet sind, um die Angleichung der Lebensverhältnisse, worum es ja auch geht in diesem Gesetz, oder massiv geht, um die zu befördern. Und wenn ich auf die Qualität gucke, sind das zunächst mal die Strukturen, die so extrem unterschiedlich sind. Eine Fachkraft in Baden-Württemberg ist für halb so viele Kinder verantwortlich wie eine Fachkraft in Sachsen. Das ist so eine Ungleichheit, von der wir auch empirisch wissen, dass sie zu einer schlechteren Qualität in den Prozessen im Alltag führt, die wir nicht hinnehmen wollen und wo auch beste Möglichkeiten gewesen wären, da stärker zu steuern.

May: Wenn ich Sie jetzt richtig verstehe: Es geht tatsächlich darum, mehr Personal oder Personal aufzustocken, um diesen Betreuungsschlüssel zu verbessern, dass auch die Fachkraft in Sachsen weniger Kinder auf einmal betreuen muss, genauso wie in Baden-Württemberg.

Viernickel: Ja.

"Wir brauchen auch eine Fachkraft-Offensive"

May: Nun ist das Problem: Dafür bräuchte man ja erst mal Erzieher. Die wachsen ja nicht auf Bäumen. Solange man die nicht hat, kann man doch die Eltern entlasten.

Viernickel: Ja, das ist wahr. Man braucht Erzieher dafür. Wir brauchen ja deshalb auch eine Fachkraft-Offensive, die der Bund ja auch schon bereits geplant und in der Tasche hat. Das wird auch kommen. Ich finde nur, das darf man nicht als ein Argument dafür nehmen, dann geben wir erst mal sehr viel Geld für etwas anderes aus, weil meine große Sorge ist, dass das Geld, was wir in Personalschlüssel investieren müssen – und das kostet auch sehr viel Geld -, das steht dann in der Zukunft nicht mehr zur Verfügung, weil die Beitragsbefreiungen werden die Länder nicht zurücknehmen wollen und nicht zurücknehmen können und die kosten dauerhaft Geld. Wir haben dann wieder dieses Zieldilemma, dass wir dann zu wenig Geld für zum Beispiel eine Personalverbesserung haben.

Wir sprechen auch nicht nur über Fachkraft-Kind-Relation oder Personalschlüssel. Wir sprechen zum Beispiel auch über die Freistellung von Leitungen, Leitungsressourcen aufzustocken, damit Leitungskräfte ihrer ja auch immer anspruchsvoller werdenden Arbeit gut nachgehen können, damit sie gut steuern können. Wir sprechen über sogenannte mittelbare pädagogische Arbeitszeit, die kompensiert werden muss für Elterngespräche, für Teamentwicklung, für Beobachten und Dokumentieren, und in all diese Dinge sollte meiner Meinung nach vorrangig investiert werden.

Das Fachkräfteproblem ist da. Da gebe ich Ihnen recht und das ist auch eine große Frage. Wir haben im Übrigen – das sehen wir auch schon seit fast zehn Jahren, dass es darauf zulaufen wird, und die Länder versuchen auch gegenzusteuern, zum Beispiel durch Ausbildungskapazitäten, und ich glaube, wir werden das auch schaffen, müssen aber zurzeit mit diesem Dilemma leben.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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