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StartseiteKalenderblattGesichter und Geschichten28.09.2007

Gesichter und Geschichten

Vor 75 Jahren starb der Maler und Grafiker Emil Orlik

Leichtigkeit, versteckter Humor und ein Hauch von Ironie zeichnen Holzschnitte, Lithographien und Radierungen von Emil Orlik aus. Große Geister ließen sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts von Orlik porträtieren, darunter der Regisseur Max Reinhardt, der Komponist Gustav Mahler und der Schriftsteller Alfred Döblin.

Von Jochen Stöckmann

Eher Stift als Farbpinsel war Orliks Werkzeug. (Stock.XCHNG / Konrad Mostert)
Eher Stift als Farbpinsel war Orliks Werkzeug. (Stock.XCHNG / Konrad Mostert)

Ein feister Mops schaut aus dem roten Handschuh, der unter einem Ballon durch den bizarr gescheckten Winterhimmel schwebt, die Menge drunten auf der Erde streckt ihm die blanken Finger entgegen. Was das Schoßhündchen da auf dem Werbeplakat der Berliner Firma Potolowsky zu suchen hat, macht ein zweites Motiv deutlich: Eine junge Dame mit schwarzem Hut und zitronengelbem Rüschenkleid streift armlange Handschuhe über - "Marke Hundeleder", wie auf dem Karton steht. Schließlich verteidigt auf einem dritten Plakat ein kläffender Mops die Unschuld des unter ihm liegenden Handschuhs gegen einen zudringlichen Herrn in Hamlet-Kostüm. Leichtigkeit, versteckter Humor und ein Hauch von Ironie, selbst in der kommerziellen Reklame, zeichnet Holzschnitte, Lithographien und Radierungen von Emil Orlik aus.

Die Variationen über Mops und Handschuh entstanden 1897, da war der am 21. Juli 1870 geborene Sohn eines Prager Schneidermeisters bereits Mitarbeiter der "Jugend", jener Münchner Illustrierten, die den Jugendstil mit seinen typisch geschwungenen Linien und fließenden Formen propagierte. Das reichte vielleicht nicht an jene "Handschuh"-Folge heran, mit der ein Max Klinger den Surrealismus vorweggenommen hatte, aber Orlik ging weit über das hinaus, was sein Freund Rainer Maria Rilke um 1900 als "Mußestundenkunst alter Damen" abgetan hatte.

"Einzelne tüchtige Arbeiten können kaum zu ihrem Rechte kommen, wo die Mittelmäßigkeit sich so behaglich breit macht. Es gibt nur zwei Wege, diesen Zustand irgendwie zu überdauern: entweder sich auf sich selbst zurückziehen, sich enger an das Land, seine Art und Anmut anzuschließen - oder in die Fremde zu ziehen, wo sich so viel Großes und Verheißungsvolles begibt, mit einem freudigen Willen, alles anzuerkennen und zu lernen. So zog Emil Orlik aus."

Aus Prag war Orlik nach München gegangen, hatte dort erst in der Privatschule des Malers Heinrich Knirr Stunden genommen, bevor er zur Akademie zugelassen wurde. Noch vor dieser künstlerischen Ausbildung hatte der Gymnasiast damit angefangen, auf einer Reise durch Süddeutschland in den Wirtshäusern Tischnachbarn zu konterfeien: knorrige Bauerntypen, verkniffene Kleinbürger und allzu selbstsichere Studenten. Bereits in diesen Skizzen des Autodidakten wird Orliks Zeichnertalent deutlich. Nach dem Militärdienst dann schaute sich der junge Künstler für kurze Zeit noch einmal in seiner Heimatstadt um, aus ungewöhnlichen Perspektiven:

"Ein Jahr blieb ich in Prag und habe dort eine ganze Anzahl Prager Bilder gemalt: alte Gassen der Judenstadt, Baugründe im Schnee, Winkel der Kleinseite und so weiter."

Reisen durch England, Holland und Belgien schließen sich an, vor allem aber findet Orlik Gefallen an den großen Städten: Paris, Berlin und Wien sind feste Adressen eines umtriebigen Gebrauchskünstlers im besten Sinne, wie der Berliner Museumsdirektor Wilhelm von Bode 1907 vermerkt:

"Der außerordentliche Fortschritt und die Gebietserweiterung der reproduzierenden Künste gerade in Deutschland ist den Malern zu danken. Klinger und Orlik verdanken das, was sie als Radierer und Stecher geleistet, die neuen Wege, die sie den technischen Künsten gewiesen haben, nicht der Schulung durch die akademischen Stecher, sondern eigener Erfindung und gegenseitiger Anregung."

Auch nachdem er 1905 als Professor an die Lehranstalt des Berliner Kunstgewerbemuseums berufen worden war, mochte sich Orlik nie auf akademische Kreise beschränken. In Wien stattet er zusammen mit dem Jugendstilarchitekten Josef Hoffmann das Kabarett "Die Fledermaus" aus. In Berlin malt er Bühnenbilder, entwirft Kostüme für das Theater von Max Reinhardt. Orlik gilt als Begründer des Japonismus, der asiatischen Kunst des farbigen Holzschnitts. Er agiert 1918 bei den Friedensverhandlungen in Brest-Litowsk aber auch als Pressezeichner. Und zu seinen Schülern zählen so unterschiedliche Temperamente wie die Collagistin Hannah Höch, der bissige George Grosz oder Oskar Nerlinger, Gründer der Gruppe "Die Abstrakten".

Als Orlik am 28. September 1932 in Berlin stirbt, hinterlässt er ein facettenreiches Oeuvre, eine Art Gesellschaftsporträt: Albert Einstein beim Geigenspiel, den betagten Malerkollegen Adolf Menzel oder einen Dichter wie Gerhart Hauptmann. Alle Geistesgrößen seiner Zeit hat der Zeichner in einem Panoptikum der Moderne verewigt. Aber nicht nur Gesichter sind auf diesen zarten Blättern festgehalten, auch kleine Geschichten aus dem Alltag in New Yorker Hochhausschluchten oder vom Liebesleben der Pariser Damen. Mag sein, dass es eines dieser Geschöpfe war, die Stefan Großmann auf Reisen so vermisst hat. Als der Chefredakteur der Zeitschrift "Das Tage-Buch" 1922 von einer längeren Reise nach Berlin zurückkehrt, schreibt er:

"Ich will langsam durch die Wohnung gehen, will mir die kleine Zeichnung von Orlik ansehen, die ich zwei Monate nicht bei mir hatte."

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