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StartseiteKalenderblattGesittete Plünderung02.06.2005

Gesittete Plünderung

Vor 1550 Jahren eroberte der Vandalenkönig Geiserich Rom

Vandalismus - der Begriff steht für blinde Zerstörungswut und sinnlose Gewalt. Die Vandalen waren ein germanischer Stamm. Vor 1550 Jahren, am 2. Juni 455, eroberten sie Rom und plünderten 14 Tage lang die Stadt. Dabei soll es allerdings relativ gesittet zugegangen sein, ohne Morden und Brandschatzen, also gar nicht wie man es von Vandalen erwarten würde.

Von Georg Gruber

Das Forum Romanum in Rom mit dem Titus-Bogen (AP Archiv)
Das Forum Romanum in Rom mit dem Titus-Bogen (AP Archiv)

" Man sah zu gleicher Zeit in allen Straßen der Stadt plündern und Hunderte von beladenen Wagen aus dem Tor von Portus hinausfahren, um den Raub nach den Schiffen zu bringen, welche den Tiber bedeckten. "

Die Plünderung der Stadt Rom durch die Vandalen, wie sie der Historiker Ferdinand Gregorovius schildert, verlief nach System, nicht als Akt sinnloser Zerstörungswut. 14 Tage dauerte sie, nachdem sich Rom am 2. Juni 455 dem Vandalenkönig Geiserich ohne Gegenwehr ergeben hatte.

" Indem sich die Barbaren vor allem auf das Palatium, den Sitz der Kaiser, stürzten, (…) raubten sie dies mit solcher Gier aus, dass sie selbst von den kupfernen Geschirren nichts übrigließen. Auf dem Kapitol plünderten sie den noch unzerstörten Tempel des Jupiter; Geiserich raffte nicht allein Statuen zusammen, welche dort noch verschont geblieben waren und mit denen er seine afrikanische Residenz zu schmücken gedachte, sondern er ließ auch das Tempeldach zur Hälfte abdecken und die Ziegel von vergoldeter Bronze auf die Schiffe laden. "

Rom, die ewige Stadt, gedemütigt von Barbaren. Das weströmische Reich befand sich zu dieser Zeit allerdings bereits in der Phase des Niedergangs. Und die Vandalen waren unter ihrem Herrscher Geiserich auf dem Gipfel ihrer Macht im Mittelmeerraum und Nordafrika.

Die Vandalen, ein germanischer Stamm, hatten ursprünglich im Gebiet zwischen Oder und Weichsel gesiedelt. Zu Beginn des 5. Jahrhunderts, im Zeitalter der Völkerwanderung, setzten sie sich, von den Hunnen vertrieben, nach Westen in Bewegung. Sie kämpften sich durch das römische Gallien bis nach Spanien und ließen eine Spur der Verwüstung hinter sich, wenn man Chronisten, wie dem Bischof Orientus von Augusta, glauben darf:

" Wo sie gewesen waren, da lagen unsere Landsleute tot als Futter der Hunde. Anderen wurden die brennenden Häuser zum Scheiterhaufen, der sie des Lebens beraubte. In Dörfern und Häusern, auf dem Land, allen Straßen und allen Gauen herrschten Tod, Schmerz und Vernichtung, Niederlage, Brand und Trauer, ganz Gallien raucht als einziger Scheiterhaufen. "

Die Meerenge von Gibraltar: Im Frühsommer des Jahres 429 setzen die Vandalen nach Nordafrika über. Ein logistisches Kunststück, 80.000 Menschen, - Männer, Frauen, Kinder, Krieger und Sklaven. Geplant und geleitet von Geiserich, der kurz zuvor König der Vandalen geworden war und es fast 50 Jahre bleiben sollte. Geiserich konnte sich in Nordafrika, der römischen Kornkammer, festsetzen, nahm schließlich auch Karthago ein und errichtete dort seine Herrschaft. Ohne dass ihm der schwache römische Kaiser Valentinian viel entgegensetzen konnte. Geiserich ließ sogar seinen Sohn Hunerich mit einer Tochter des Kaisers verloben.

Dem Einmarsch der Vandalen in Rom gingen innenpolitische Machtkämpfe voraus: Kaiser Valentinian ermordete eigenhändig seinen besten Feldherren, da er in ihm einen Konkurrenten sah. Kurz darauf wurde er selbst ermordet. Sein Nachfolger Maximus ließ die Tochter des Kaisers, die eigentlich dem Sohn Geiserichs versprochen war, mit seinem eigenen Sohn vermählen. Was dem Vandalenkönig willkommener Anlaß war, den Frieden mit Rom aufzukündigen und mit einer mächtigen Flotte über das Mittelmeer zu ziehen.

" Zahlreiche Einwohner, besonders die Angehörigen des Adelsstandes, verließen Rom, um wenigstens das Leben zu retten; als auch Maximus sich anschickte, das Gleiche zu tun, statt … die Verteidigung der Stadt in die Hand zu nehmen, wurde er von einem burgundischen Soldaten Ursus aus der kaiserlichen Leibwache, die über die Feigheit ihres Herrn empört war, durch einen Steinwurf getötet. Sein Leichnam ward von der erbitterten Menge durch die Stadt geschleift und schließlich stückweise in den Tiber geworfen. "

Papst Leo zog dem Vandalenkönig entgegen und bat ihn, von Mord und Brandschatzen abzusehen und die Stadt nur zu plündern. Geiserich war Christ, aber Anhänger der arianischen Lehre, ein Ketzer in den Augen der römisch-katholischen Geistlichkeit und der gläubigen Chronisten - das kann einer der Gründe sein, warum gerade die Vandalen als besonders zügellose Barbaren in die Geschichte eingingen. Denn Geiserich folgte der päpstlichen Bitte, seine Soldaten nahmen mit, was sie tragen konnten, verschleppten Geiseln, um Lösegeld einfordern zu können, aber: sie legten Rom nicht in Schutt und Asche, wie man es dem heutigen Sprachgebrauch nach von Vandalen erwarten würde.

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