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StartseiteEuropa heuteEine Lehre ist (k)ein Asylgrund08.10.2018

Gespaltenes Österreich (1/5)Eine Lehre ist (k)ein Asylgrund

Bislang durften in Österreich Asylwerber in Mangelberufen eine Lehre beginnen. Die Regierung aus ÖVP und FPÖ will diese Regelung abschaffen und künftig auch Lehrlinge abschieben. Doch der Widerstand ist groß. Malermeister Michael Großbötzl kämpft für seine afghanischen Azubis.

Von Antonia Kreppel

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Ein Werbeplakat der Bauwirtschaft in Österreich, die Lehrlinge sucht (Imago)
"Wir brauchen Arbeitskräfte, wir brauchen Fachkräfte, wir brauchen Lehrlinge und wir kriegen aber keine", sagt Malermeister Michael Großbötzl aus Oberösterreich (Imago)
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In der großen Halle des Malerbetriebs Großbötzl läuft Hitradio Ö3 in voller Lautstärke. Ehsan hilft bei den Lackierarbeiten. Der 19-jährige Asylwerber aus Afghanistan ist bereits im dritten Lehrjahr. Drei Monate war er auf der Flucht, gemeinsam mit seinen beiden Brüdern, erzählt er stockend; die Taliban hätten seinen Vater ermordet.

Dieser Beitrag gehört zur fünfteiligen Reportagereihe "Gespaltene Gesellschaft - Österreich ein Jahr nach der Wahl" in der Sendung "Gesichter Europas".

"Weil Afghanistan ist Krieg und ich kann nicht leben in Afghanistan. Wir drei Brüder leben in Ried und wir haben eine Wohnung und wir drei zahlen alles. Ich bekomm nur von der Arbeit Geld, sonst nix."

Ehsan aus Afghanistan wartet auf die finale Entscheidung

Ehsan steckt die Hände in die Taschen der fleckigen Malerhose. Stolz ist er, dass er keine Grundsicherung vom Staat beansprucht. Doch diesen Frühsommer sollte er abgeschoben werden; er saß bereits im Bus nach Ungarn, als ihn in letzter Sekunde ein Bescheid mit aufschiebender Wirkung erreichte. Jetzt wartet er auf die letzte Entscheidung.

Leicht verlegen zeigt er auf sein T-Shirt mit dem Aufdruck: "Fuck your bad vibes". Höflich formuliert: Weg mit den negativen Schwingungen. Wenn das so einfach wäre.

"Manchmal, wenn ich nachts schlafe, stehe ich um zwei, drei Uhr auf, was soll ich machen. Dann hoffe ich, dass es vielleicht geht. Und mein Chef hilft mir ein bisschen bei diesem Interview für Asyl."

Chef Michael Großbötzl sitzt geschäftig hinter seinem vollgeräumten Schreibtisch zwischen Lackmustern und Dekormalereien. Schon in jungen Jahren ist der Malermeister der ÖVP beigetreten; heute sitzt er im Finanzausschuss des Gemeinderats im Städtchen Ried, etwa 80 Kilometer westlich von Linz. Jetzt kämpft er mit einem Anwalt für seine beiden afghanischen Lehrlinge. "Ich schäme mich für Österreich" hat er auf seiner Facebook-Seite wütend veröffentlicht.

"Na ja, uns geht’s gut, wir haben die Möglichkeiten, dass wir Menschen aus Ländern Asyl gewähren, wo sie die Leute erschießen. Und wenn ich behaupte, dass Afghanistan sicher ist, das kann man nicht nachvollziehen und das ist auch nicht so. Da schäm ich mich dafür, weil das können wir uns leisten."

Malermeister und ÖVP-Mitglied Michael Großbötzl (Michael Großbötzl)Malermeister und ÖVP-Mitglied Michael Großbötzl kämpft mit einem Anwalt für das Bleiberecht seiner beiden afghanischen Lehrlinge (Michael Großbötzl)

Malermeister Großbötzl versteht seine Partei nicht mehr

Bislang durften Asylwerber bis 25 Jahre in Lehrberufen, in denen ein Mangel besteht, beschäftigt werden; Maler- und Anstreicher ist so ein Mangelberuf. Dass sich das nun ändern soll, echauffiert nicht nur Malermeister Großbötzl; viele mittelständische Betriebe wehren sich inzwischen gegen die Negativbescheide. Was die Flüchtlings- und Migrationspolitik anbelangt, versteht er seine eigene Partei nicht mehr; dabei bezeichnet er sich selbst als "dunkelschwarzen" ÖVPler.

"Mich hat das dann so geärgert, dass wir da einen negativen Bescheid gekriegt haben. Dann da steht drinnen, sie sind nicht integriert. Und auf der anderen Seite wird gesagt, Integration ist kein Asylgrund. Was gilt da? Da geht’s einfach darum, dass man die abschieben will, konsequent, wurscht wie. Man muss das ja auch sehen, die liefern ja Abgaben, also da kommt ja schon wieder was zurück."

Großbötzl redet sich richtig in Rage:

"Wenn es wirklich, wie sie alle sagen, hunderttausende Arbeitslose gibt in Österreich, dann frag ich, wo die sind. Dann passt was im System nicht, weil wir brauchen Arbeitskräfte, wir brauchen Fachkräfte, wir brauchen Lehrlinge und wir kriegen aber keine."

"Wenn nicht Österreich die Integration schafft, wer dann?"

Blickt Michael Großbötzl aus seinem Bürofenster, sieht er ausgedehnte Felder, saftige grüne Wiesen; dazwischen eine neue Siedlung mit properen Einfamilienhäusern; fast ein wenig Spätsommeridylle. In Oberösterreich mit seiner prosperierenden Wirtschaft, mit den renommierten Großbetrieben in der Stahlbauwirtschaft und den vielen Zulieferbetrieben, sind derzeit 400 Asylwerber in Lehrlingsausbildung. Was steckt also seiner Meinung nach wirklich hinter der rigorosen Abschiebepolitik von Lehrlingen durch die ÖVP-FPÖ-Koalition?

"Österreich ist ein kleines Land, und wenn nicht Österreich die Integration schafft, wer dann? Ich mein, im Kaiserreich waren wir x Nationen, also das läge uns eigentlich im Blut. Ich glaub, dass das eine klare FPÖ-Linie ist, und was mich ein bisschen stört, dass die ÖVP-Spitze da nichts dazu sagt."

Der Unternehmer hält kurz inne, denkt nach:

"Also grundsätzlich machen die viel richtig, aber grad in der Asyl- und Flüchtlingspolitik machen‘s auch viel falsch. Ganz abgesehen von der wirtschaftlichen Geschichte, da haben wir eine soziale Verantwortung. Und ich bin sicher kein Linker, da können‘s ganz sicher sein."

Unsicherheit schadet Lehrlingen und Betrieb

Michael Großbötzl schnappt sich sein Handy und schaut noch auf einen Sprung in der Halle vorbei. Für seine beiden afghanischen Lehrlinge ist der gut 50-Jährige fast so etwas wie eine Vaterfigur. Dass ihm sein Engagement auch übelgenommen wird, dass man im Netz das Gerücht gestreut hat, sein Betrieb sei insolvent, das ärgert ihn noch einmal. Obwohl die große Unsicherheit, ob seine beiden Lehrlinge jetzt bleiben dürfen, tatsächlich auch seinen Betrieb schädigt. Schließlich sei so ein Lehrling auch eine Investition; circa 24.000 Euro kosten ihn drei Jahre Ausbildung, bilanziert der Geschäftsmann.

Am anderen Ende der Halle arbeitet Michael Großbötzls zweiter afghanischer Lehrling. Der 20-jährige Fahsan klebt giftgrüne Moosstücke auf eine Dekorwand. In erster Instanz wurde sein Asylantrag abgelehnt. Jetzt wartet auch er auf den Bescheid.

Fahsan trägt über seinem orangefarbenen T-Shirt eine Art Perlenkette mit gezackten Blättchen. Sie beschütze ihn, erzählt er lächelnd; eine österreichische Freundin habe sie ihm geschenkt. Er wohnt bei einer Familie in einem kleinen Nachbarort.

"Ich mache gute Arbeit für Österreich. Ich möchte hierbleiben."

Und dafür will sich ÖVP-Mitglied Michael Großbötzl weiter einsetzen.

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