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StartseiteInterviewChristoph Stölzl über Optimismus als Triebfeder30.03.2018

Gesprächsreihe NeuanfängeChristoph Stölzl über Optimismus als Triebfeder

Historiker, Publizist, Museologe, Kulturpolitiker: All diese Berufe hat Christoph Stölzl bereits ausgeübt. "Ich hatte nie Sorge, dass das, was ich anfange, nicht klappt", sagte Stölzl im Dlf. Die Wechsel innerhalb seines Beruflebens habe er nicht als Brüche empfunden, sondern als organische Entwicklung.

Christoph Stölzl im Gespräch mit Kathrin Hondl

Der Präsident der Hochschule für Musik Franz Liszt Weimar, Christoph Stölzl, steht am 06.02.2014 in Weimar (Thüringen) vor dem Fürstenhaus, in dem sich die Musikhochschule befindet. Stölzl feiert am 17. Februar seinen 70. Geburtstag. (picture alliance / dpa / Martin Schutt)
Aktuell beschäftigt sich der Publizist, Historiker und Kulturpolitiker Christoph Stölzl mit der Gründung eines Exilmuseums in Berlin - wieder ein Neuanfang (picture alliance / dpa / Martin Schutt)
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Kathrin Hondl: "Neuanfänge", so heißt unsere Gesprächsreihe an diesem langen Feiertagswochenende hier in "Information und Musik" im Deutschlandfunk. Die Sehnsucht nach Veränderung, nach einem Neuanfang kennt vermutlich jeder und jede: Ein neuer Job, neue Aufgaben, eine neue Liebe, eine neue Stadt … "sich selbst neu erfinden", wie man auch manchmal sagt.

Unser erster Gesprächsgast zum Thema "Neuanfänge" ist Christoph Stölzl – und allein schon die ersten Zeilen in seinem Wikipedia-Eintrag deuten an, dass er sich da auskennen muss: Christoph Stölzl, steht da, "ist ein deutscher Historiker, Museologe, Publizist und Politiker". Und das ist ja längst noch nicht alles – er war auch schon Geschäftsführer eines Auktionshauses, stellvertretender Chefredakteur der "Welt", Fernsehmoderator, Hochschulprofessor, und aktuell ist er Rektor der Hochschule für Musik Franz Liszt in Weimar.

Guten Morgen, Herr Stölzl!

Christoph Stölzl: Guten Morgen! - Das klingt alles ein bisschen nach grässlicher Unstetigkeit oder Fluchtbewegung. Aber wenn man genauer hinschaut, hat es sich immer ganz organisch ergeben.

Hondl: Na ja. Man weiß tatsächlich nicht so recht, wo man anfangen soll mit den Neuanfängen bei Ihnen, Herr Stölzl. Sie sind jetzt 74, Hochschulrektor in Weimar. Können Sie sich denn, mal vorweg gefragt, heute auch noch vorstellen, noch mal was ganz Neues zu machen?

Stölzl: Ja! Ich habe vor einem Jahr was Neues mir ausgedacht, was ich aber nur nebenher mache, nämlich die Gründung des Exilmuseums in Berlin, das ja auch davon handelt, dass Menschen vertrieben werden und in der Fremde etwas Neues anfangen müssen. Insofern passt das zu meinem Leben. Aber das ist eine geistige Arbeit, nicht eine organisatorische.

Aber Neuanfänge kenne ich gut und ein ganz krasser, der zu einem wirklichen Neuanfang geführt hat, den kann ich auch anekdotisch beschreiben, weil der vielleicht ganz gut zeigt, wie so was passiert.

Hondl: Anekdoten hören wir natürlich gerne. Welcher war das? Welcher Neuanfang?

Stölzl: Ich bin ja ein normaler Geschichtsstudent gewesen und durch einen Professor, der mit Osteuropa und Österreich zu tun hatte, hineingekommen in diese Donaumonarchie-Forschung, und habe in Prag gearbeitet, im Archiv, in den 70er-Jahren, wollte mich habilitieren über die Geschichte der Juden in Böhmen, also Kafka und das Umfeld, und wurde im März 1974 aus Gründen, die ich bis heute nicht weiß, persona ingrata.

Ich hatte ein Visum, durfte wieder reinfahren, für vier Monate forschen. Aber auf der Grenzstation war eine Schwarze Liste in Folmava und auf der Schwarzen Liste stand ich. Irgendwann nachts mit zwei schweren Koffern wurde ich dann in einen Jeep gepackt und ins Niemandsland gefahren, ging zu Fuß die letzten zwei Kilometer nach Furth im Wald, und es war klar, dass ich mich nicht habilitieren würde über ein osteuropäisches Thema, denn wenn man nicht an seine Quellen kann, geht es nicht. Am übernächsten Morgen habe ich in der Uni einen ehemaligen Schullehrer von mir getroffen, einen Geschichtslehrer, der gerade die erste große historische Ausstellung in Bayern organisieren wollte, und dem sagte ich: "Ich bin Ihr Mann!"

Hondl: Sie haben eine Möglichkeit ergriffen, oder?

Stölzl: Ja!

Hondl: Wie viel Opportunismus schwingt da eigentlich mit in dieser Bereitschaft, Neuanfänge zu wagen?

Stölzl: Vielleicht schwingt mit dieser Grundoptimismus meiner Generation. Sie haben mich ja geoutet, wann ich geboren bin, Ende des Krieges, und aufgewachsen in den 50er-Jahren, wo man das Gefühl hatte, es wird alles größer, weiter, reicher. Statt Margarine Butter, statt Starnberger See Gardasee. Diese Weltergreifung, wir dürfen alles, wir können alles und die Welt steht uns offen, das ist mein Grund Kindheits- und Jugendgefühl, und darum hatte ich auch nie Sorge, dass das, was ich anfange, nicht klappt.

"Ich bin ein Anhänger einer enzyklopädischen Schulbildung"

Hondl: Nun ist aber auch diese Bereitschaft zur Veränderung, zum Neuanfang etwas, das immer mehr gefordert wird von uns Menschen, vor allem in der Arbeitswelt – Stichwort Flexibilität. Manche überfordert das ja auch oder sind der Meinung, dass der Mensch gar nicht so flexibel sein kann. Haben Sie, Herr Stölzl, Verständnis für solche Überlegungen?

Stölzl: Ja, ich habe Verständnis, aber es tut mir auch leid und ich weiß, dass es immer schlimmer wird, weil die Ausbildungen immer enger werden. Ich bin ein Anhänger und bin ja auch ein Glückskind einer noch enzyklopädischen Schulbildung gewesen. Ein humanistisches Gymnasium in Bayern hat einem eigentlich alles gelehrt, von der Musik bis zur antiken Philosophie, und die Kunst, sich breit auszukennen, Musik zu machen, zu malen, Hobbys zu haben, die man genauso ernst nimmt wie das berufliche Leben, das, finde ich, gehört zu jedem vollen Menschenleben dazu. Und dann ergibt sich eben – und das ist meine Lebenserfahrung gewesen -, dass irgendwas, was bisher so nebenher war, auf einmal zur Hauptsache werden kann.

Ich bin nach Weimar geholt worden vor acht Jahren, nicht weil die wussten, dass ich Kontrabass spiele und ein Jazz-Musiker bin. Die ahnten davon gar nichts, sondern die wollten einen Kulturpolitiker haben, der schlagfest ist und um Geld kämpfen kann. Aber ich habe es natürlich nur gemacht und mich überhaupt nur getraut, weil ich mein Leben lang eine Geliebte hatte, nämlich die Musik. Das war nebenher. Gott bewahre! Ich würde nie professionell das machen wollen. Aber hätte ich das nicht gehabt, eine tiefe Vertrautheit, wäre ich nie auf die Idee gekommen, als Pensionist noch mal ein Rektorat anzutreten.

"Ich habe das nie als Bruch empfunden"

Hondl: Trotz dieser unglaublich beeindruckenden Liste der unterschiedlichen Berufe, Ämter und Funktionen, die Sie hatten, gibt und gab es so was wie einen roten Faden bei Ihnen. Sie waren ja in irgendeiner Weise immer im Kulturbereich aktiv – ob als Museumsmann, Kulturpolitiker oder Feuilleton-Redakteur, was weiß ich. Sind denn die vielen "Neuanfänge" womöglich eher ein Hinweis auf Kontinuität?

Stölzl: Ja, ich habe das nie als Bruch empfunden. Ob Sie mit zwölf Kuratoren, Kustoden, klugen Akademikern in einem Museum jede Woche einmal zusammensitzen und sagen, was machen wir denn jetzt eigentlich, was planen wir, Frau Kollegin, Herr Kollege, und dann als sogenannter Chef das moderieren muss, was darauf hinausläuft, dass man Menschen in ihrer Einzigartigkeit möglichst so sein lässt, wie sie sind, ob Sie das im Museum tun, oder ob Sie in einer Zeitungsredaktion das tun, hat nur den Unterschied, dass im Museum das Produkt in zwei Jahren fertig sein muss, die Ausstellung, und in der Zeitung muss es abends um sechs im Kasten sein. Im Grunde sind die Kulturberufe immer eine Mischung aus Demut und Anerkennung von anderen um einen herum und Glauben an das eigene Genie.

Hondl: Das hat jetzt einen News-Wert, Herr Stölzl. Herr Stölzl ist ein Genie!

Stölzl: Nein!!! Gott bewahre, nein! – Aber heimlich muss man doch daran glauben, dass man einen Sinn hat mit dem, was man tut, und dass Gott einen liebt und dass man auf dem richtigen Weg ist, und das ist natürlich nichts, was man verkünden kann, sondern das braucht man als innere Kraft, gerade wenn es auch mal runtergeht. Wir haben ja noch gar nicht über die Abstürze hier gesprochen und die Fehlschläge, die ja auch zu dem Neuanfang gehören.

"Ich bin ganz ungeeignet für einen Berufspolitiker"

Hondl: Okay. Dann sprechen wir über einen anderen Neuanfang, der vielleicht dann doch ein bisschen radikaler war, nämlich der Wechsel vom Kulturbetrieb in die Kulturpolitik. Und in der Politik haben Sie ja auch Neuanfänge gemacht. Sie waren nämlich erst FDP-Mitglied und 2001 sind Sie dann in die CDU eingetreten. War das denn jetzt so ein radikaler Wechsel, wie es scheinen könnte, vom Liberalen zum Konservativen?

Stölzl: Nein. Ich bin natürlich genauso liberal, wie ich es immer war. Ich bin in die FDP, das hatte Familiengründe, weil ich als Kind sozusagen auf dem Schoß von Frau Hamm-Brücher sitzen durfte, als die in den 50er-Jahren mit meiner verwitweten Mutter gemeinsam Politik machte – Arbeitsgemeinschaft der Wählerinnen, Basisdemokratie, Re-Education und so was. Wir waren in München in der amerikanischen Zone und da war so eine Aufbruchsstimmung. Als ich mal Mitte der 80er-Jahre in der "Süddeutschen" gelesen habe, die FDP in München sei unter 500 Personen gesunken, da dachte ich, das ist doch unanständig, kann doch nicht sein, wir Bürger, wir müssen doch irgendwas tun, und bin da eingetreten – aber nicht mit dem Ziel, richtig Politik zu machen, sondern mehr als so ein Sympathieakt, und bin dann auch wieder raus, weil ich in Berlin dann gesehen habe, dass ich mich dauernd ärgern muss über irgendwas in meiner Partei, und ich wollte mich nicht ärgern – bin also parteilos Senator geworden damals, zwar von der CDU gerufen, aber ganz parteilos und auch mit dem Willen, das parteilos zu sein.

Und dann im Laufe dieser doch interessanten Erfahrungen im ersten Jahr, wo es immer wahnsinnigen Kampf ums Geld ging, sagten alle Wohlmeinenden – wohlgemeint nicht die CDU-Leute, sondern die Journalisten und die Berater -, man muss sich verankern, man kann nicht sagen, meine Damen und Herren, wir sollten eigentlich, sondern man muss sagen, Kameraden, wir müssen. Also Verankerung! Ich bin dann – und das ist ja eigentlich ein Witz – in die CDU gegangen, um im Kampf ums Kulturgeld stärker zu sein. Kaum war ich drin, stürzte die Regierung, und dann sind Sie mitgegangen, mitgehangen. Dann auszutreten und zu sagen, war nur so eine Idee, das ist unanständig. Das macht man nicht.

Aber in Berlin ging es drunter und drüber. Am Schluss war ich sogar Landesvorsitzender, ich glaube nach elf Monaten Mitgliedschaft. Das kann man wirklich nicht so ernst nehmen. Ich bin ganz ungeeignet für einen Berufspolitiker, um es ganz deutlich zu sagen.

Hondl: Das heißt, da wären wir bei dem, was Sie vorhin angedeutet haben, eher den Niederlagen?

Stölzl: Ja. Ich habe auch den CDU-Leuten gesagt, ich probiere das mal, ich bin ein Amateur, ich habe das alles gar nicht gelernt, wie man so was macht. Und wenn ich meine, es passt nicht, dann gehe ich auch wieder raus, was ich auch tat. Ich bin ja nicht gestürzt worden, sondern bei dieser Wiederwahl habe ich gesagt, nein, ich möchte nicht mehr.

"Arbeit ist so ein vieldeutiges Wort"

Hondl: Bei Ihrem langen Leben gäbe es sicher noch einige andere Neuanfänge zu besprechen. Dafür haben wir jetzt leider nicht die Zeit. Aber vielleicht noch eine Frage zum Schluss: Können Sie sich, Herr Stölzl, auch mal so einen Neuanfang vorstellen, den die meisten "normalen" Leute mit Mitte 60 starten, nämlich Ruhestand, nicht mehr arbeiten?

Stölzl: Arbeiten ist ja so ein vieldeutiges Wort. Wenn es keinen Spaß mehr macht, dann muss man aufhören. Aber deswegen hört man nicht auf, was zu tun. Ich schreibe an einer großen Familiengeschichte und ich habe ja immer sehr viel publiziert. Die Gedanken zu kleinen schwarzen Buchstaben werden zu lassen und mit anderen Menschen darüber zu reden, das wird sicher nie aufhören, bis man ins Grab sinkt.

Hondl: Vielen Dank – Christoph Stölzl, Historiker, Museologe, Politiker, Publizist und aktuell Rektor der Musikhochschule in Weimar, über "Neuanfänge", unsere Gesprächsreihe an diesem langen Wochenende hier im Deutschlandfunk. Danke schön für das Gespräch, Herr Stölzl.

Stölzl: Vielen Dank.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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