Kommentare und Themen der Woche 05.08.2020

Geständnis im Lübcke-MordprozessDie Aufklärung ist entscheidend weitergekommenVon Ludger Fittkau

Beitrag hören Blick in den Gerichtssaal 165C vor dem Oberlandesgericht in Frankfurt wird heute der Prozess gegen zwei Männer fortgesetzt, die die Bundesanwaltschaft im Zusammenhang mit dem Tod Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke, der am Juni 2019 auf der Terrasse seines Hauses in Wolfhagen getötet wurde. Frankfurt am Main, 27.07.2020 (imago images / Jan Huebner)Der Hauptangeklagte Stephan E. hat vor dem Oberlandesgericht in Frankfurt den tödlichen Schuss auf Kassels Regierungspräsidenten eingeräumt - aber auch den Mitangeklagten Markus H. belastet (imago images / Jan Huebner)

Im Prozess um den Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke hat der Hauptangeklagte Stephan E. ein Geständnis abgelegt. Dieses Geständnis sei glaubwürdig, kommentiert Ludger Fittkau. Die Aufklärung der Tat sei einen großen Schritt weitergekommen – es blieben aber noch viele offene Fragen.

Dieses Geständnis ist glaubwürdig. Stephan E., der Hauptangeklagte im Prozess zum Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke, ist nämlich in vielerlei Hinsicht zum ersten, damals sehr authentisch wirkenden Geständnis zurückgekehrt. Er hatte es bereits kurz nach der Tat abgelegt und später auf Anraten seines Anwaltes widerrufen.

Der zentrale Unterschied heute zum ersten Geständnis: Die Rolle seines rechtsextremistischen Gesinnungsgenossen Markus H., sowohl bei der Vorbereitung der Tat als auch in der Mordnacht selbst. Stephan E. beschreibt die Erschießung Lübckes als jahrelang gemeinschaftlich geplante Tat. Markus H. soll auch im Moment des Mordes mit auf der Terrasse des Lübcke-Wohnhauses in Nordhessen gewesen sein.

Ein "Bürgerkrieg" wurde vorbereitet

Immer klarer wird damit: Der Mord an Walter Lübcke ist nicht die Aktion eines "einsamen Wolfes" gewesen, der keine Mitwisser hatte. Sondern sie ging auf Pläne zurück, die mindestens zwei extrem gewaltbereite Rechtsradikale schmiedeten und die wiederum mit vielen anderen Gesinnungsgenossen in Nordhessen über Jahrzehnte gut vernetzt waren.

16.06.2019, Hessen, Bad Hersfeld: Ein gerahmtes Porträtfoto des erschossenen Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke (CDU) steht beim großen Festumzug auf dem 59. Hessentag auf einem Platz der Ehrentribüne. (picture alliance / Swen Pförtner) (picture alliance / Swen Pförtner)Mord an Walter Lübcke - "Zäsur in unserer deutschen Geschichte"
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Denn: Stephan E. machte heute in seinem Geständnis noch einmal deutlich, dass in seinem unmittelbaren Umfeld Waffen gesammelt und weitergegeben wurden, um einen Bürgerkrieg vorzubereiten. Einen Bürgerkrieg gegen Angela Merkel und ihre Flüchtlingspolitik. Stephan E. und Markus H. hatten das Portrait der Kanzlerin auf eine Schießscheibe geheftet, auf die sie schossen. Später auch das Portrait von Walter Lübcke.

Lübcke sei anders als Merkel "greifbar" gewesen, so heute Stephan E. So erschoss er den Kasseler Regierungspräsidenten in der Nacht vom ersten auf den zweiten Juni 2019. "Falsch, Feige und grausam" nennt der mutmaßliche Mörder heute seine Tat. Dem ist nichts hinzuzufügen. Sein Geständnis ist auch deshalb glaubwürdig, weil Stephan E. den Hass auf die Regierenden hierzulande nicht kleinredete, der ihn zur Tat schreiten ließ.

Der Prozess ist noch lange nicht vorbei

Es bleiben offene Fragen. Welche Rolle genau spielte sein Gesinnungsgenosse Markus H. bei der Tatvorbereitung? Stephan E. stellte ihn heute als "Mentor" dar, der inhaltlich gesagt habe, wo es langgeht. Hat Markus H. den psychisch labilen Stephan E. gewissermaßen als "Mordwerkzeug" benutzt, weil er selber am Ende nicht schießen wollte?

Außerdem: Stephan E. bestritt heute, 2016 den damals 22 Jahre alten irakischen Flüchtling Ahmed I. mit einem Messer schwer verletzt zu haben. Der Prozess muss noch zeigen, ob die Indizien ausreichen, um Stephan E. auch diese Tat nachzuweisen.

Der Lübcke-Prozess ist also noch längst nicht vorbei. Doch mit dem Geständnis heute ist die Aufklärung der Mordtat einen großen Schritt weitergekommen. Das ist nicht nur gut für die Angehörigen - sondern für die gesamte Republik.

Ludger Fittkau –  (©Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré )Ludger Fittkau (©Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré )Ludger Fittkau, geboren 1959 in Essen, studierte Sozialpädagogik sowie Sozialwissenschaften an den Universitäten Duisburg/Essen und der Fernuniversität Hagen. Promotion dort im Fach Soziologie. Nach rund zehn Jahren offener Jugendarbeit sowie Medienpädagogik in Oberhausen und Essen Wechsel in den freien Journalismus. Tätig u.a. für den WDR (Hörfunk und Fernsehen), den DLF sowie für die Kölner TV-Produktionsfirma "probono" von Friedrich Küppersbusch. Ab 2007 freier Redakteur und Autor in der Landeskulturredaktion von SWR 2 in Mainz. Seit 2009 Landeskorrespondent von Deutschlandradio - zunächst in Rheinland-Pfalz und aktuell in Hessen.

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