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StartseiteKommentare und Themen der WocheLange vernachlässigte Krisenhelfer08.09.2020

GesundheitsämterLange vernachlässigte Krisenhelfer

Geld für 5.000 neue Stellen, Investitionen in Digitalisierung - die Bundeskanzlerin verspricht die Gesundheitsämter zu stärken. Höchste Eisenbahn, kommentiert Christoph Richter. Zu den jetzigen unattraktiven Bedingungen würden sonst bald noch weniger Menschen diesen verantwortungsvollen Job machen.

Von Christoph Richter

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Mitarbeiter im Gesundheitsamt Frankfurt/Main (imago images / rheinmainfoto)
Mitarbeiter im Gesundheitsamt Frankfurt/Main (imago images / rheinmainfoto)
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Es ist nun wirklich kein Job mit Glamourfaktor: Arzt oder Ärztin im Gesundheitsamt. Sagen wir mal in Perleberg, Altenburg oder Neunkirchen.

Erst mal das Gehalt: nicht üppig. Man muss ehrlicherweise sagen: nicht konkurrenzfähig. Denn wer als Mediziner – auch in der Provinz - in einer schicken Praxis sitzt oder im Krankenhaus arbeitet, schaut mit Mitleid auf die Angestellten im öffentlichen Gesundheitsdienst. Weshalb unter Medizinern das Wort vom Arzt zweiter Klasse kursiert. Zudem kann man sich keinen Namen machen, weil man sich etwa eine besondere Behandlungsform ausgedacht oder eine Operation am offenen Herzen durchgeführt hat.

Ein Arzt steht vor einem Schild mit der Aufschrift "Öffentlicher Gesundheitsdienst". (picture alliance / dpa / Marijan Murat) (picture alliance / dpa / Marijan Murat)"Ein historisches Ereignis" Bund und Länder wollen 5.000 Vollzeitstellen in den Gesundheitsämtern schaffen. Ein erster Schritt, sagt Ute Teichert vom Bundesverband der Ärztinnen und Ärzte im Öffentlichen Gesundheitsdienst. Zudem müssten die Ämter aber auch untereinander und länderübergreifend vernetzt werden.

Immense Verantwortung, unattraktive Bedingungen

Aber es ist eben nicht nur das mickrige Gehalt, es ist auch das Arbeiten in einer Behörde. Die Arbeitskultur ist oft geprägt von einem biederen Ambiente, auch heute noch im 21. Jahrhundert. Um 12 Uhr können einem die "Mahlzeit"-Rufe im Flur entgegen hallen. Das seien doch Klischees höre ich schon die Kritiker mir entgegen rufen. Nein, sage ich. Denn zu unattraktiv ist für Medizinerinnen und Mediziner – die eine gefühlte Ewigkeit studiert haben – ein Job in der Behörde. Auch heute noch.

Dabei sind dort die Aufgaben, ist dort die Verantwortung immens, das hat die Corona-Pandemie gezeigt. Dieser Tage sind die Ärztinnen und Ärzte der Gesundheitsämter unentwegt dabei, Infektionsketten nachzuverfolgen, um die Quarantäne zu überwachen. Aber nicht nur das: Das öffentliche medizinische Personal ist für Hygienekontrollen im Krankenhaus, für Schuleingangsuntersuchungen zuständig, sie untersuchen Geflüchtete. Im Sozialpsychiatrischem Dienst gehen die Fachärzte zu psychisch kranken Patienten, um Hilfestellungen zu leisten, damit gerade die Schwachen in unserer Gesellschaft einen Weg zu einem guten Leben finden.

Der unter Quarantäne gestellter Wohnblock im nördlichen Berlin-Neukölln (picture alliance / dpa / Christoph Soeder) (picture alliance / dpa / Christoph Soeder)"Regelaufgaben liegen derzeit fast zu hundert Prozent brach" Die Gesundheitsämter müssten so ausgestattet werden, dass sie neben der Pandemiebekämpfung auch ihre Regelaufgaben stemmen könnten, fordert der Neuköllner Bezirksstadtrat Falko Liecke. Beim Kinderschutz etwa gebe es nur noch einen Notbetrieb.

Jahrelang hat die Politik die Menschen, die diesen Job still und leise, ohne viel Aufhebens machen, vernachlässigt. Das wird auch daran deutlich, dass die Ämter technisch derart mickrig ausgestattet sind, dass sie ihre Coronazahlen von einem Zettel auf den anderen schreiben müssen, um sie dann per Fax an das Robert-Koch-Institut zu schicken. Das da jetzt etwas passiert, ist höchste Zeit. Denn, wer will schon am Wochenende oder Montag in den Nachrichten hören, dass es nicht möglich war, die aktuellen Coronafälle zu melden.

Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)Übersicht zum Thema Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)

Eine Einmalzahlung reicht da nicht

Deutlich wird: Mehr Geld für die Gesundheitsämter ist mehr als dringend notwendig. Um es aber auch klar und deutlich zu sagen: Eine Einmalzahlung reicht da nicht aus. Und es wird darauf ankommen, wie schnell die versprochenen Milliarden beim medizinischen Personal in den Gesundheitsämtern auch wirklich im Portemonnaie ankommen.

Passiert das nicht, werden bald noch weniger Menschen in den Gesundheitsämtern arbeiten. Es ist also höchste Eisenbahn. Und wenn dann künftig noch die Behörden mit etwas mehr Leichtigkeit und Lässigkeit agieren, dann kann ein Job im Gesundheitsamt gar Glamourfaktor haben.

Christoph Richter (Deutschlandradio / Marius Schwarz)Christoph Richter (Deutschlandradio / Marius Schwarz)Christoph Richter, aufgewachsen am Rande Ost-Berlins, studierte in Hamburg und Madrid Soziologie, Germanistik und Philosophie. 2004 gründete er in Berlin ein Radio-Korrespondenten-Büro und arbeitete von dort für alle Hörfunkwellen der ARD, die Deutsche Welle, den ORF und natürlich die Programme von Deutschlandradio. Seit 2013 ist er als Landeskorrespondent tätig: zunächst in Sachsen-Anhalt und seit 2020 in Brandenburg.

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