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StartseiteInterview"Es ist fast unmöglich, Pflegeheime komplett zu schützen"20.01.2021

Gesundheitsexperte zu verlängertem Lockdown"Es ist fast unmöglich, Pflegeheime komplett zu schützen"

Beim Schutz von Alten- und Pflegeheimen müsse zwar mehr getan werden, sagte der Gesundheitsexperte der Bertelsmann-Stiftung, Stefan Etgeton, im Dlf. Aber es sei ausgesprochen schwierig, bei einem weit verbreiteten Infektionsgeschehen ausgerechnet die Pflegeheime komplett abzudichten.

Stefan Etgeton im Gespräch mit Dirk-Oliver Heckmann

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Dr. Stefan Etgeton (Gesundheitsexperte der Bertelsmann-Stiftung) in der ARD-Talkshow "Günther Jauch" am 22.02.2015 in Berlin  (dpa / Eventpress Stauffenberg)
Dr. Stefan Etgeton (Gesundheitsexperte der Bertelsmann-Stiftung) in der ARD-Talkshow "Günther Jauch" (dpa / Eventpress Stauffenberg)

Die Fortsetzung des Lockdowns mit geringen Verschärfungen wie der Pflicht zum Tragen medizinischer Masken im Nahverkehr und auch in Geschäften und eine Verpflichtung von Unternehmen, Homeoffice anzubieten, da wo es möglich ist, sei angemessen, sagte der Gesundheitsexperte der Bertelsmann-Stiftung, Stefan Etgeton, im Dlf.

Es gehe darum, einer neuen Infektionswelle durch die Mutationen des Coronavirus zuvorzukommen. Zur Eindämmung des Infektionsgeschehens müssten Kontakte vermieden werden. Deshalb sei es durchaus auch sinnvoll, Schulen weiter geschlossen zu halten, denn die Schulen seien Teils des Infektionsgeschehens. Hier gelte es aber auch, den Schaden für die Schüler möglichst zu minimieren. 


Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)Übersicht zum Thema Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)

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Dirk-Oliver Heckmann: Herr Etgeton, die einen wie die AfD zum Beispiel, die fordern ein Ende des Lockdowns; die anderen ein komplettes Herunterfahren auch der Wirtschaft. Herausgekommen ist eine Fortsetzung des Lockdowns mit geringen Verschärfungen wie der Pflicht zum Tragen medizinischer Masken im Nahverkehr und auch in Geschäften und eine Verpflichtung von Unternehmen, Homeoffice anzubieten, da wo es möglich ist. Sind das sinnvolle und angemessene Schritte aus Ihrer Sicht?

Stefan Etgeton: Ja, das halte ich für sinnvoll und angemessen. Das Leitmotiv der Runde gestern war ja der Begriff Vorsorge, Vorsorgeprinzip, und zwar vor allem mit Blick auf die Virusmutationen, die wir in England und Irland sehen. Und hier ist es tatsächlich wichtig und notwendig, dass wir die Maßnahmen so ausrichten, dass wir das Infektionsgeschehen tatsächlich gering halten, damit diese Virusmutationen möglichst keine Chance haben, eine Welle auszulösen, die deutlich über dem wäre, was wir da im Moment erleben. Man will vor die Welle kommen mit den Maßnahmen und es zeigt sich ja, dass die Maßnahmen, wie sie jetzt schon gelten, durchaus Wirkungen haben. Die jetzt an der einen oder anderen Stelle noch zu verschärfen, ist sinnvoll, um zu verhindern, dass diese Virusmutationen sich breit ausbreiten, so wie das in Irland der Fall gewesen ist. Irland war lange Zeit ein Vorbild bei der Infektionsbekämpfung und hat innerhalb von kürzester Zeit eine riesen Welle bekommen aufgrund dieser Mutationen.

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"Es stärkt die Arbeitnehmer gegenüber den Arbeitgebern"

Heckmann: Ein entscheidender neuer Punkt ist jetzt, dass Homeoffice ausgebaut werden soll, stärker zumindest als jetzt. Arbeitgeber werden verpflichtet, das anzubieten, da wo es möglich ist. Wird das denn aus Ihrer Sicht zu ausreichenden Änderungen führen?

Etgeton: Zumindest stärkt es die Arbeitnehmer gegenüber den Arbeitgebern, die sich noch unwillig zeigen beim Homeoffice, da wo das möglich ist, das dann auch durchzusetzen. Vor allem, weil sie jetzt auch die Behörden für sich in Anspruch nehmen können. So wurde das in dem Bericht von Herrn Capellan ja auch gesagt. Insofern glaube ich schon, dass das noch mal einen gewissen Schub bringt beim Homeoffice, denn es ist auch wirklich nicht zuzumuten, zum Beispiel Eltern und Schülern, dass sie jetzt über acht Wochen nicht den Präsenzunterricht wahrnehmen können – das hat ja der Regierende Bürgermeister von Berlin gestern noch mal sehr plastisch geschildert – und auf der anderen Seite Arbeitgeber sich an der Stelle, da wo es möglich ist, immer noch sehr zurückhalten und auf Präsenzarbeit setzen.

"Schulen sind ein Teil dieses Geschehens"

Heckmann: Besonders emotional ging es gestern – wir haben es auch gerade im Bericht gehört – bei der Schließung von Schulen und Kitas zu. Einzelne Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten haben Angela Merkel offenbar vorgeworfen, die Schäden, die dadurch entstehen, nicht ausreichend zu berücksichtigen. Jetzt sagen ja viele, Herr Etgeton, die Schulen und die Kitas, die bleiben geschlossen, damit die Wirtschaft auf der anderen Seite weiterlaufen kann. Ist diese Kritik aus Ihrer Sicht berechtigt?

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Etgeton: Das wäre ja auch ein Argument zu sagen, wenn man die Schulen schließt, dann kann auch die Wirtschaft nicht so gut funktionieren. Wir müssen uns das Infektionsgeschehen anschauen und da zeigt sich gerade mit Blick auf die Mutation, dass Schulen ein Teil dieses Geschehens sind. Das waren die Schulen übrigens immer schon. Insofern macht es durchaus Sinn, auch hier Kontakte zu vermeiden, um dem Infektionsgeschehen Einhalt zu gebieten.

Heckmann: Aber sind die Schäden, die gesellschaftlichen Schäden, die dadurch entstehen, nicht immens?

Etgeton: Die sind immens, vor allem für die Schülergeneration, die das jetzt betrifft. Aber auch da haben die Ministerpräsidenten ja sehr deutlich gesagt, dass man hinsichtlich Prüfungen und Anforderungen auch auf die Situation eingehen wird und man alles tun wird – so hat es Herr Söder gesagt –, damit der Schaden möglichst minimiert wird. Das ist so! Es ist immer die Wahl zwischen unterschiedlichen Übeln, aber die Gefahr, dass hier eine neue Welle, ähnlich wie in Irland entsteht, das würde ja den Betrieb nicht nur der Schulen, sondern auch der Wirtschaft insgesamt noch in viel weiterem Maße gefährden.

Schutz der Pflegeheime verstärken 

Heckmann: Herr Etgeton, jetzt heißt es ja seit Wochen, seit Monaten eigentlich immer, Kontakte vermeiden, Kontakte vermeiden, Kontakte vermeiden, um die Infektionszahlen massiv zu senken. Aber gibt es nicht auch andere Felder, die vielleicht stärker berücksichtigt werden müssten? Zum Beispiel kritisieren ja viele auch, dass der Schutz in Pflege- und Altersheimen immer noch nicht ausreichend ist. Sind da Versäumnisse zu verzeichnen?

Etgeton: Ich würde da schon sagen, dass man da mehr tun muss, und zwar in der konkreten Umsetzung. Es gibt ja schon seit April Richtlinien des Robert-Koch-Instituts und Empfehlungen für Pflegeeinrichtungen. Es gibt die Kostenübernahme der Schnelltests seit Oktober. Es gibt FFP2-Masken für Besucher und natürlich für die Mitarbeiter. Das gibt es alles. Es wird aber offenbar nicht konsequent genug umgesetzt. Insofern ist da Kritik schon auch gegeben – bei den Behörden, die das kontrollieren, aber natürlich auch mit Blick auf die Betreiber. Es gibt Papiere, in denen gezeigt wird, dass sich zum Beispiel bei Leasing-Mitarbeitern die Betreiber der Pflegeheime und die Leiharbeitsfirmen gegenseitig die Verantwortung hin und herschieben, wer diese Menschen testet, und am Ende werden sie nicht getestet. Das ist natürlich ein Beispiel, wie man es nicht machen soll.

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Heckmann: Wer trägt dafür die Verantwortung aus Ihrer Sicht?

Etgeton: Dafür tragen vor allem die Heimbetreiber und die Leiharbeitsfirmen die Verantwortung, und natürlich die Behörden vor Ort, die das kontrollieren müssen, das Einhalten der Hygienekonzepte kontrollieren müssen. Das ist schon wichtig.

Auf der anderen Seite muss man sagen: Bei einem Infektionsgeschehen, wie wir es jetzt in den letzten Monaten haben, ist es fast unmöglich, Pflegeheime komplett zu schützen. Es gibt Heime, denen das gelingt. Die schaffen das. Aber es ist ausgesprochen schwierig, bei einem weit verbreiteten Infektionsgeschehen ausgerechnet die Pflegeheime komplett abzudichten.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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