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StartseiteGesichter EuropasDer polnische Patient22.06.2019

GesundheitssystemDer polnische Patient

Chronische Unterfinanzierung, niedrige Löhne. Die Klagen im polnischen Gesundheitssystem klingen so: „Auf eine Leistenbruch-OP warten wir bis zu eineinhalb Jahre“, sagt eine Patientin.

Von Anja Schrum und Ernst-Ludwig von Aster

Ein Stethoskop liegt auf einem Tisch.  (imago images / Westend61 / Andrew Brookes)
Geräte- und Kräftemangel sowie schlechte Arbeitsbedingungen beschreiben das polnische Gesundheitssystem (imago images / Westend61 / Andrew Brookes)
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Die Regierung gelobte Besserung, erhöhte die Gehälter und versprach, die Gesundheitsausgaben anzuheben. Doch ein Großteil des zusätzlichen Geldes fließt nun in eine neugegründete "medizinische Forschungsagentur". Sie soll dafür sorgen, dass Patienten in Zukunft "effektiver und moderner behandelt werden können", so der Gesundheitsminister. Vor allem Telemedizin soll den medizinischen Fortschritt zu allen Patienten bringen. Derweil sammeln Stiftungen weiterhin Millionen, um Krankenhäuser dringend benötigte Geräte zu finanzieren.

Ein Blick hinter die Kulissen.

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