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StartseiteEuropa heuteKultur ohne Mafia12.09.2018

Getroffene Slowakei (3/5)Kultur ohne Mafia

Seit der Ermordung des Journalisten Jan Kuciak ist die Ostslowakei als mutmaßlicher Mafia-Rückzugsort in die Schlagzeilen gekommen. Dabei war die Region auf einem guten Weg: 2013 war Kosice europäische Kulturhauptstadt. Ihre Aufbruchsstimmung wollen sich Kulturschaffende nicht vermiesen lassen.

Von Kilian Kirchgeßner

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Peter Radkoff, Leiter der Kulturfabrik Tabacka in Kosice, sitzt an einem Tisch im Bistro des Veranstaltungshauses (Deutschlandradio/ Kilian Kirchgeßner)
Peter Radkoff leitet die Kulturfabrik Tabacka in Kosice mit Kino, Konzertsälen, Büros und Bistro (Deutschlandradio/ Kilian Kirchgeßner)
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Zwei Stunden sind es noch bis zum Konzert, die sechs Musiker stehen auf der Bühne zum Soundcheck.  Peter Radkoff schaut nur kurz zur Tür hinein in den kleinen Saal mit Bühne, aufwendiger Lichttechnik und Bar. Ein paar Minuten hört er zu, er klopft dem Tontechniker auf die Schultern und wünscht den Musikern gutes Gelingen. Aus Amerika sind sie gekommen, heute spielen sie hier in Kosice, ganz im Osten der Slowakei. Peter Radkoff geht ein paar Stufen raus auf den Innenhof des Kulturzentrums.

"Sie spielen schon zum zweiten Mal hier bei uns, sie machen eine Tour durch Europa. Letzte Woche zu Beispiel hatten wir ein experimentelles Musikprojekt zu Gast, da kamen Interpreten aus Schweden und Großbritannien. Pro Jahr veranstalten wir hier so hundert Konzerte." 

Dieser Beitrag gehört zur fünfteiligen Reportagereihe "Getroffene Slowakei - Ein Land kämpft für mehr Anstand" in der Sendung "Gesichter Europas".

Früher Tabak, heute Kultur

Peter Radkoff ist der Stolz anzumerken: Er ist es, der aus dem Kulturzentrum Tabacka in Kosice einen Magneten gemacht hat. Früher war hier eine Tabakfabrik, jetzt sind die Räume wie Lofts für Kulturveranstaltungen hergerichtet. 2.500 Quadratmeter mit Kino, Konzertsälen, Büros und Bistro. Radkoff selbst ist eigentlich Architekt und jetzt Direktor der Kulturfabrik, ein kleiner Mann mit schütterem grauen Haar. Um die 50 ist er, aber obwohl die meisten Besucher deutlich jünger sind, fällt er dank Turnschuhen und buntem T-Shirt nicht weiter auf. 

"Das hier ist unser Kino-Club, hier laufen verschiedene Filme, wir veranstalten hier aber auch immer wieder Diskussionen. Da vorne können wir uns hinsetzen." 

Kosice stand immer wieder in den Schlagzeilen

Von draußen dringen durch die Tür leise die Gespräche aus dem benachbarten Bistro herauf in den Saal. Radkoff sitzt in einem der Kino-Klappsessel. Er ist ein Kosicer Lokalpatriot. Hautnah hat er mitbekommen, wie seine Stadt immer wieder in die Schlagzeilen geriet – negativ wie positiv: Zuerst nach der Wende, als Kosice das Armenhaus der Slowakei war, geprägt vom Niedergang der Stahlindustrie.

Dann 2013, als Kosice zur Kulturhauptstadt Europas ausgerufen wurde und einen Aufschwung erlebte, den selbst die größten Optimisten kaum für möglich gehalten hatten. Dutzende IT-Firmen haben hier investiert und beschäftigen mehr als 10.000 Hochqualifizierte. Und dann die Berichte darüber, dass Jan Kuciaks letzte große Recherche den Osten der Slowakei zum Thema hatte – die Verbindung von mutmaßlichen Mafia-Größen, die sich hier in der Abgeschiedenheit eingerichtet hatten, in die hohe Politik. Das habe ihn schon getroffen, räumt Radkoff ein: 

"Wir wollen etwas bewegen, etwas aufbauen in unserem Bereich. Da kümmern wir uns nicht groß um die Regierungspolitik. Mit der Kulturpolitik kennen wir uns aus, hier in der Region sind wir in Kontakt mit den Politikern, aber in allem anderen stecken wir nicht drin. Und dann passiert dieser Mord und auf einmal merkt man: Wir waren nicht so stark, wie wir hätten sein sollen." 

Blick auf das historische Zentrum von der ostslowakischen Stadt Kosice (picture alliance / dpa - EPA)2013 war die ostslowakische Stadt Kosice Europäische Kulturhauptstadt. (picture alliance / dpa - EPA)

"Wir versuchen, das kritische Denken zu stärken"

Der Anspruch, den Peter Radkoff und die anderen Kulturschaffenden hier an sich selbst stellen, ist hoch: Gerade weil sie in einer abgelegenen Gegend arbeiten, wollen sie mit ihrem Programm die ganze Region erreichen.

"Wir sind ja weder etwas Elitäres noch befinden wir uns im Untergrund. Was wir hier an Programm gestalten, sind nicht nur Theater, Tanz, Konzerte oder Ausstellungen. Im Gegenteil: In den vergangenen Jahren überwiegen Bildungsaktivitäten, wir machen Vorlesungen, Diskussionen, Präsentationen. Jeden Donnerstag zum Beispiel machen wir Veranstaltungen zusammen mit IT-Unternehmern, da geht es um Management und Unternehmertum. Wir versuchen, das kritische Denken zu stärken." 

Immer wieder habe er sich die Frage gestellt: Wie passt das, was er in der Region an Positivem erlebt, an Aufbruchsstimmung, mit den Mafia-Schlagzeilen zusammen? Immerhin: Als unmittelbar nach dem Mord an Jan Kuciak die landesweiten Protestwellen anrollten, war Kosice im Mittelpunkt dieses Widerstands – und an vorderster Stelle das Kulturzentrum Tabacka. 

"Gleich zu Beginn haben die Initiatoren der großen Demonstrationen bei uns angeklopft, viele Fäden liefen hier zusammen: Wir wurden gebeten, etwas zu moderieren, Veranstaltungen bei uns ins Programm aufzunehmen, uns an Podiumsdiskussionen zu beteiligen. Genau das sehe ich als unsere Aufgabe an: auf gesellschaftliche Themen zu reagieren. Wir waren die ganze Zeit mittendrin im Geschehen, ganz natürlich hat sich das so ergeben." 

"Ähnliche Atmosphäre wie 1989"

Peter Radkoff richtet sich in seinem Kinosessel auf, während er von den Demonstrationen erzählt. Allein in Kosice kamen Zehntausende zusammen:

"Ich habe schon einmal eine Revolution erlebt, das war im Jahr 1989. Was jetzt passiert, erinnert mich sehr an diese Zeit damals: Es engagieren sich die gleichen Leute, es sind wieder die Jungen, die Studenten, die Schüler, die jungen Arbeiter. Und so wie damals hat sich eine breite Gruppe zu diesem harten Kern hinzugesellt, auf den Plätzen waren Eltern mit ihren Kindern, Rentner. Und es waren keine Schreihälse dabei, auch die Atmosphäre war deshalb sehr ähnlich wie 1989." 

Nur eins sei jetzt noch nötig, sagt er, und das gelte besonders für den Osten der Slowakei: Wie schon bei der Samtenen Revolution, so müssten die Proteste auch jetzt ein Happy End haben.

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