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StartseiteCampus & Karriere"Rahmenbedingungen für Inklusion nicht geschaffen"04.09.2018

GEW-Landesvorsitzende Moritz"Rahmenbedingungen für Inklusion nicht geschaffen"

Bei einer neuen Bertelsmann-Studie zur Inklusion schneiden besonders die Schulen in Baden-Württemberg schlecht ab. Eltern hätten dort keine wirkliche Wahlmöglichkeit, sagte Bildungsexpertin Doro Moritz im Dlf. Denn an den Regelschulen sei die Ausstattung miserabel und es fehle an Sonderpädagogen.

Doro Moritz im Gespräch mit Manfred Götzke

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Eine Schulassistentin und ein Schulassistent sitzen mit am Gruppentisch in der Klasse und helfen den Kindern. (dpa/Holger Hollemann)
Streitthema Inklusion - Doro Moritz von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaften (GEW) fordert mehr Sonderpädagogen (dpa/Holger Hollemann)
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Manfred Götzke: Inklusion funktioniert ein bisschen - so kann man das Ergebnis der neuen Bertelsmann-Studie zur Inklusion vielleicht am besten zusammenfassen. Der Anteil der Schüler, die eine Förderschule besuchen, ist in den letzten Jahren, den letzten zehn Jahren, von 4,9 auf 4,3 Prozent gesunken. Die Unterschiede in den verschiedenen Bundesländern, die sind dabei allerdings enorm. In Bremen zum Beispiel geht nur etwas mehr als ein Prozent der Schüler auf Förderschulen, in Baden-Württemberg ist der Anteil aber sogar gewachsen von 4,7 auf 4,9 Prozent. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Wie das sein kann, möchte ich mit Doro Moritz besprechen. Sie ist Vorsitzende der GEW, der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaften, in Baden-Württemberg. Frau Moritz, inkludiert Baden-Württemberg nun also wirklich weniger Schüler als vor der Inklusion?

Doro Moritz: Zumindest ist die Quote im Bereich der Förderschülerinnen und Förderschüler gestiegen, und das sind vermutlich die Konsequenzen der miserablen Ausstattung der Inklusion.

Götzke: Aber wie ist das zu erklären? Also man führt die Inklusion ein, und dann gibt es mehr Förderschüler. Das macht ja irgendwie gar keinen Sinn.

Moritz: Ja, das liegt daran, dass Eltern ganz bewusst das Angebot gemacht werden soll, sich für die Sonderschule, die bei uns sonderpädagogisches Bildungs- und Beratungszentrum heißt, zu entscheiden oder für die allgemeine Schule. Und die Bedingungen an den allgemeinen Schulen sind so schlecht, weil keine Sonderpädagoginnen und Sonderpädagogen da sind, dass diese Wahlmöglichkeit einfach keine mehr ist. Ich verstehe die Eltern, die sich dann anders entscheiden.

Götzke: Also muss man sich das in Baden-Württemberg wirklich so vorstellen, dass es an Regelschulen selten oder so gut wie nie Sonderpädagogen gibt.

Moritz: Es ist zum Beispiel so, dass eine Schule in Bezug auf ein Kind mit schwerer Hörschädigung jetzt mitgeteilt bekam, dass die Sonderpädagogin entweder zweimal 45 Minuten pro Woche oder viermal 45 Minuten in zwei Wochen kommt, und wir haben inkludierte Kinder, für die es keine zusätzlichen Stunden gibt. Es gibt keinen Schlüssel, der Schulen Stunden zusichert, und da wir im Bereich der Grundschulen, wo sehr viel inkludiert wird, massiven Lehrermangel haben, größere Klassen gebildet werden, praktisch keine Sonderpädagogik da ist, sind das natürlich keine akzeptablen Bedingungen.

Keine echte Wahlmöglichkeit bei Schulen 

Götzke: Frau Eisenmann, die verwehrt sich ja so ein bisschen gegen den Vorwurf und sagt, die Eltern hätten ja die Wahlmöglichkeit seit 2015, und die UN-Konvention sähe ja nicht vor, dass man das Schulsystem komplett umkrempeln muss.

Moritz: Ja, das sehe ich definitiv anders, denn wenn Eltern zwischen einem schlechten Angebot und einem besseren an der sonderpädagogischen Einrichtung wählen können, dann ist das nicht wirklich eine Wahlmöglichkeit, und die UN-Behindertenrechtskonvention sieht sehr wohl vor, dass Schülerinnen und Schüler diese Wahlmöglichkeit haben, mit allen anderen Kindern zu lernen und dass dieses Bildungssystem auch so umgestellt wird. Da gibt es Streit darüber. Fakt ist, dass wir ein Gesetz haben, das die Inklusion vorsieht, aber die Rahmenbedingungen nicht geschaffen wurden.

Götzke: Susanne Eisenmann sagt auch, der Vorwurf der Bertelsmann-Studie sei auch nicht ganz fair, wenn man sich jetzt die Länder wie Bremen zum Beispiel anschaut mit einer sehr guten Inklusionsquote, dieses Land würde in allen Bildungsstudien besonders schlecht abschneiden. Also sie sagt damit implizit, besser keine als schlecht gemachte Inklusion. Was sagen Sie?

Moritz: Ja, dann muss sie eigentlich auch dazusagen, dass bei der IQB-Bildungsstudie Baden-Württemberg gerade noch auf dem vorletzten Platz vor Bremen rangierte. Tatsache ist, dass Bremen in der Zusammensetzung der Bevölkerung und der Schülerschaft vor großen Herausforderungen steht und das die Leistungsergebnisse massiv beeinflusst. Das hat aber nicht unbedingt etwas mit den inkludierten Schülerinnen und Schülern zu tun.

GEW fordert mehr Ausbildung in Sonderpädagogik

Götzke: Dann schauen wir uns doch mal an, was Baden-Württemberg besser machen kann, besser machen sollte. Was schlagen Sie vor?

Moritz: Unsere Forderung seit mehreren Jahren ist, dass die Zahl der Studienplätze für Sonderpädagogik deutlich erhöht werden muss. Da wurde jetzt zwar ein Zuschlag gegeben, das ist aber entschieden zu wenig. Die Grünen haben ja versprochen, dass bis zu 2022 viele zusätzliche Stellen kommen sollen. Da nützen uns Stellen nichts, wenn die ausgebildeten Lehrkräfte nicht da sind. Das ist das eine, und dann müssten an den allgemeinen Schulen auch die Lehrkräfte in der Fortbildung und in dem Prozess, der Inklusion bedeutet, der ja wirklich eine große Herausforderung ist, deutlich besser unterstützt werden. Wir haben auch gefordert, dass Hauptschullehrkräften und Grundschullehrkräften die Möglichkeit gegeben wird, sich weiter zu qualifizieren in einem begleitenden Studium zu Sonderpädagoginnen und Sonderpädagogen. Das würde schon in zwei Jahren dazu beitragen, dass wir mehr sonderpädagogische Kompetenz an der allgemeinen Schule haben. Das lehnt das Kultusministerium aber weiterhin ab.

Götzke: Was vielleicht noch mal gesagt werden muss: Es gibt einen Sonderfall in Baden-Württemberg, den es in anderen Ländern so nicht gibt, das sind die sogenannten Außenklassen, die seien bei der Studie außer Acht gelassen worden. Also Außenklassen sind Förderschulklassen an Regelschulen, so kann man das, glaube ich, am besten sagen. Liegt hier nicht wirklich ein Problem vor, denn man kann ja sagen, das ist ein dritter Weg der Inklusion zwischen echter Inklusion in der Regelklasse und der Sonderschule?

Moritz: Ja, wobei diese Außenklassen die Ausstattung einer Klasse haben, die sie an der sonderpädagogischen Einrichtung hätten. Insofern machen die Schulen dieses Angebot natürlich sehr viel lieber, weil sie dafür sehr viel mehr sonderpädagogische Stunden bekommen, und die Kooperation an den Schulen zwischen diesen Klassen und der allgemeinen Schule ist tatsächlich sehr gut. Es ist aber nicht wirklich eine echte Inklusion. Es ist eine hervorragende Kooperation, von der tatsächlich auch alle Schülerinnen und Schüler profitieren können.

Götzke: Also eine echte Durchlässigkeit ist da auch nicht gegeben, sagen Sie.

Moritz: Nein, die ist da nicht gegeben.

Götzke: Würden Sie sagen, man sträubt sich gegen eine wirkliche Einführung der Inklusion und beharrt auf einem Schulsystem, das halt so bleiben soll wie in den 90ern, in den 80er-Jahren?

Moritz: Ja.

Götzke: Klare Antwort. Der Anteil der Förderschüler ist in Baden-Württemberg in den letzten zehn Jahren nicht gesunken, sondern gestiegen. Warum das so ist, hat uns Doro Moritz von der Gewerkschaft GEW in Baden-Württemberg erklärt.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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