Gewalt an Frauen Es braucht Prävention und gesellschaftliches Umdenken

Jede Stunde erlebten im letzten Jahr 13 Frauen Gewalt in Partnerschaften, so die Statistik. In deutschen Frauenhäusern fehlen Tausende Betten. Um diesen Zustand zu ändern, braucht es Prävention an Schulen oder in der Freizeit, meint Ramona Westhof. Schon Jungs müssen lernen, ein Nein zu akzeptieren.

Von Ramona Westhof | 27.11.2021

Ein Mann und eine Frau diskutieren heftig miteinander, im Vordergrund steht eine Flasche mit Alkohol auf dem Tisch
Gewalt gegen Frauen ist ein gesamtgesellschaftliches Problem, kommentiert Ramona Westhof (picture alliance / photothek | Ute Grabowsky)
Im vergangenen Jahr tötete in 139 Fällen ein Mann seine Partnerin oder Ex-Partnerin. Das macht 139 Frauen, denen nicht geholfen werden konnte. Und das, obwohl tödliche Partnerschaftsgewalt oft deutliche Vorzeichen hat. Stalking etwa, kontrollierendes Verhalten, Beschuldigungen, die Partnerin könnte fremdgehen. Und natürlich: Häusliche Gewalt.
Statistisch gesprochen töten Männer ihre Partnerin, um sie nicht zu verlieren, sie sehen die Frau als ihren Besitz. Die wenigen weiblichen Täterinnen töten eher, um sich aus einer Beziehung zu befreien. Eine vorangegangene Trennung, die vom Opfer ausgeht, war in vergangenen Fällen strafmildernd – weil die Tat damit zumindest in Teilen nachvollziehbar sei.

Opfer haben Angst, dass ihnen nicht geglaubt wird

Ist es also wirklich eine so große Überraschung, dass Gewalt gegen Frauen so oft im Dunkelfeld bleibt? In Deutschland wird etwa nur ein Bruchteil der Vergewaltigungen zur Anzeige gebracht. Opfer haben Angst, dass ihnen nicht geglaubt wird, dass ihnen eine Mitschuld gegeben wird – sie hätten nicht deutlich genug Nein gesagt, das Falsche getragen, seien zu betrunken gewesen. Und selbst wenn es zu einer Anzeige kommt, werden Täter – statistisch vor allem männliche – nur selten verurteilt.
Die geschäftsführente Familienministerin Christine Lambrecht, Petra Söchting, Leiterin des Hilfetelefons "Gewalt gegen Frauen", und Holger Münch, Präsident des BKA, zeigen bei der Pressekonferenz zur kriminalistischen Auswertung zur Partnerschaftsgewalt die Telefonnummer vom "Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen"
Die geschäftsführente Familienministerin Christine Lambrecht, Petra Söchting, Leiterin des Hilfetelefons "Gewalt gegen Frauen", und Holger Münch, Präsident des BKA (Michael Kappeler/dpa)
Laut der geschäftsführenden Bundesfamilienministerin Christine Lambrecht erfuhren im vergangenen Jahr in Deutschland pro Stunde im Schnitt 13 Frauen Gewalt in Partnerschaften. Das heißt im Umkehrschluss, dass pro Stunde auch ungefähr 13 Männer Gewalt in Partnerschaften ausübten.
Das Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ zählte 2020 mehr Beratungen als im Vorjahr und führt das auf die Pandemie und die Kontaktbeschränkungen zurück.

Bestimmte Frauen sind besonders gefährdet

Gewalt von Männern gegen Frauen ist strukturell. Wer von Gewalt in der Partnerschaft betroffen ist, aber sich nicht trennen kann, wegen gesellschaftlicher oder finanzieller Abhängigkeit, aus Angst vor noch mehr Gewalt, ist nicht schwach. Braucht aber Hilfe. Gewalt von Männern gegen Frauen betrifft jede Gruppe, jede Gesellschaftsschicht.
Aktionstag gegen Gewalt an Frauen - mobile Beratung in Schleswig-Holstein
Wichtig ist aber auch: Bestimmte Frauen sind besonders gefährdet, weil sie ohnehin marginalisiert sind, behinderte Frauen etwa oder Trans-Frauen. Ihnen wird seltener geglaubt, sie haben weniger Zugang zu Hilfsmöglichkeiten. Abgesehen davon: In deutschen Frauenhäusern fehlten im vergangenen Jahr fast 15.000 Betten. Die Polizei muss besser geschult werden, um Vorzeichen zu erkennen, um Opfern zu glauben, um rechtzeitig einzugreifen. 

Männer müssen sensibilisiert werden

Es braucht einen Wandel in der Gesellschaft. Und der beginnt mit Präventionsarbeit – an Schulen, in der Freizeit, in der Familie. Mädchen lernen Selbstverteidigung, aber welcher Junge lernt, wie er nicht zum Täter wird? Wie er ein Nein akzeptiert? Welcher Mann macht sich Gedanken, dass er nachts besser die Straßenseite wechselt, weil die Frau, die vor ihm läuft, sich unwohl fühlen könnte? Wer bringt Männern bei, problematisches Verhalten ihrer männlichen Freunde zu erkennen und anzusprechen?
Christine Linke erforscht mediale Darstelllung von Gewalt an Frauen
Gewalt von Männern gegen Frauen ist kein Frauenproblem. Oder ein Problem von nichtbinären Menschen, die mindestens genauso gefährdet sind. Es ist ein Männerproblem, ein gesamtgesellschaftliches Problem. Statistiken und Zahlen machen das Ausmaß von Gewalt gegen Frauen nur ansatzweise deutlich, für die Bekämpfung braucht es Umdenken und Handeln. Sonst landen die Zahlen in der Schublade, um dann zum nächsten Aktionstag wieder großes Entsetzen auszulösen.