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StartseiteSport am WochenendeSinnlose Präventionskonzepte?30.11.2019

Gewalt im AmateurfußballSinnlose Präventionskonzepte?

In Essen kämpft der Fußball schon lange mit Gewalt, ein extra entwickeltes Präventionskonzept sollte Abhilfe schaffen. Dennoch ist es jetzt wieder zu Ausschreitungen gekommen, die das Konzept in Frage stellen.

Von Thorsten Poppe

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ARCHIV - ILLUSTRATION - Fußball-Schiedsrichter verlassen am 09.03.2008 nach einem Amateurspiel in der Landesliga einen Fußballplatz in Arnsberg (Nordrhein-Westfalen). (Julian Stratenschulte/dpa/picture alliance)
In Essen hat es erneut Gewalt bei einem Fußball-Amateurspiel gegeben (Julian Stratenschulte/dpa/picture alliance)
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Bodo Hanenberg vom BV Altenessen wirkt angeschlagen. Der Vorsitzende des alt eingesessenen Vereins betreut 300 Mitglieder aus 30 Nationen. Ein sozial herausforderndes Milieu, was auch immer wieder zu Konflikten führt. Wie Mitte Oktober, als die zweite Mannschaft des Vereins in der Kreisliga C den Schiedsrichter über den Platz hetzt und ihn dabei verletzt.

Hanenberg sagt: "Ja, da haben wir alle nicht mit gerechnet. Also für meine Befindlichkeit fehlen mir wirklich Adjektive, die kann ich Ihnen nicht beschreiben."

Bodo Hanenberg, Vorsitzender des BV Altenessen (Thorsten Poppe/Deutschlandfunk)Bodo Hanenberg, Vorsitzender des BV Altenessen (Thorsten Poppe/Deutschlandfunk)

Der Hintergrund: Drei Tage vor dem Spiel marschiert die Türkei in Syrien ein. Und die zweite Mannschaft des BV Altenessen besteht aus syrischen Flüchtlingen, der Gegner Barisspor ist ein von Türken gegründeter Migrantenverein. Der Konflikt zwischen Syrien und der Türkei erreicht so einen Essener Fußballplatz.

Am Ende eskaliert das Spiel, weil sich die syrischen Spieler vom Schiedsrichter benachteiligt fühlen. Der Verein hat die Mannschaft mittlerweile vom Spielbetrieb abgemeldet, auch weil das Sportgericht des Fußballkreises fast alle Spieler mit einer Sperre von mindestens einem Jahr belegt hatte.  

Schon 2015 ist der BVA bundesweit in die Schlagzeilen geraten, weil ein Spieler den Schiedsrichter umgeschubst hatte. Doch der neue Vorfall hat für Bodo Hanenberg eine ganz andere Dimension:

"Wenn Du ein zweites Mal betroffen bist, ist das eine absolute Katastrophe. Die Vereinsmitarbeiter sagen, jetzt ist gut. Jetzt suchen wir andere Wege. Auf jeden Fall ganz sicherlich keine Mannschaften, die sich aus einer Nationalität nur speisen. Ganz sicherlich nicht."

Spiel hätte mindestens einen offiziellen Beobachter gebraucht

Dabei hat der BVA schon vieles aus einem Präventionskonzept umgesetzt, was die Universität Duisburg-Essen entwickelt hat. Als es nach 2015 auch auf anderen Essener Sportplätzen zu Gewalt gekommen ist, hat die Stadt damit den Sozialwissenschaftler Professor Ulf Gebken beauftragt. Sein Konzept empfiehlt, ausschließlich qualifizierte Übungsleiter einzusetzen, egal, ob für Jugend- oder Seniorenteams. Zudem sollen offizielle Beobachter Risikospiele begleiten. Laut seiner Aussage hätte das Spiel BVA gegen Barisspor mindestens einen solchen Beobachter gebraucht. Besser, es wäre gar nicht erst angepfiffen worden. Gebken sagt:

"Das hätte auf keinen Fall passieren dürfen. Man sieht daran, dass die Ehrenamtlichen nur Menschen sind, auch diese politischen Interessen der unterschiedlichen Vereine nicht kennen. Dann auch in diese Falle getappt sind, dass sie sich gar keine Gedanken gemacht haben. So sage ich, ja, lieber Fußballkreis, das war nicht ganz klug. Ich sage aber auch, die beiden Vereine haben es gewusst, und die hätten auch sagen müssen, das geht nicht."

Der Sozialwissenschaftler Professor Ulf Gebken (Thorsten Poppe/Deutschlandfunk)Der Sozialwissenschaftler Professor Ulf Gebken (Thorsten Poppe/Deutschlandfunk)

Eine fatale Konstellation wegen der geopolitischen Weltlage, gegen die vielleicht kein Präventionskonzept helfen konnte, aber der gesunde Menschenverstand. Mitunter stoßen Amateurvereine aber schnell an ihre Grenzen. Das Ehrenamt ist nun einmal zeitlich begrenzt. Meint auch Thorsten Flügel, Vorsitzender des Fußballkreises Essen:

"Der BV Altenessen hat aus meiner Sicht gar nicht die Kapazitäten, um sich um solche Spieler zu kümmern. Das muss man, glaube ich, tun. Man muss diese Spieler sehr, sehr eng begleiten durch qualifizierte Trainer, durch Betreuer, vielleicht auch durch Vorstandsseite, und eng bei dieser Mannschaft bleiben. Wenn man diese Möglichkeiten nicht hat, dann ist es immer gefährlich, dass so eine Mannschaft auch einmal ausrastet, und genauso ist es ja dann auch passiert!"

Dabei hatte die Gewalt im Essener Amateurfußball im Vergleich von 2017 zu 2018 um mehr als die Hälfte abgenommen. Schon in unserem Beitrag vor sieben Wochen hat Gebken diese positive Entwicklung betont, als wir erstmals über sein Präventionskonzept berichtet haben. Dass es jetzt kurze Zeit später dennoch zu Gewalt gekommen ist, stellt für ihn sein Konzept nicht generell in Frage:

"Der Weg ist lang. Wir brauchen qualifizierte Übungsleiter an den Seitenrändern, die haben wir noch lange nicht in diesen Mannschaften. Wir müssen diese Risikospiele schärfer angehen, und so sehe ich, dass dieses Papier genau die Botschaften genannt hat, die jetzt in den nächsten Jahren angegangen werden müssen!"

"DFB ist sehr, sehr weit weg von der Amateurebene"

Es gibt bundesweit noch andere Ideen. um Gewalt im Amateurfußball vorzubeugen, zum Beispiel mit so genannten Kreiskonfliktbeauftragten. Jede der 13 Kreisligen in Krefeld hat so einen Ansprechpartner, der sich um Gewaltprävention, aber auch die Würdigung des Fair-Plays kümmert. In den Niederlanden ist sogar angedacht, pensionierte Polizisten zu Amateurspielen als unabhängige Beobachter zu schicken.

In Essen hält Thorsten Flügel vom Fußballkreis weiter am Präventionskonzept fest. Laut ihm helfen die Maßnahmen, um das Problem besser und nachhaltiger in den Griff zu bekommen. Reine Botschaften wie vom frisch gewählten DFB-Präsidenten Fritz Keller zu Gewalt im Amateurfußball bewirken für ihn gar nichts:  

"Der DFB äußert sich ja, um es mal vorsichtig zu sagen, sehr zögerlich. Wenn man liest, dass sich ein Präsident, ein frisch gewählter Präsident hinstellt, und sagt, das muss aufhören, dann ist das sehr einfach gesagt. Ich glaube, dass der DFB sehr, sehr weit weg von der Amateurebene ist, auch uns in den Kreisen gar nicht versteht. Auf Hilfe vom DFB zu zählen, glaube ich, das müssen wir schon alleine hinkriegen!"

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